Lokales

Es tuckert, röhrt und knattert

Teilnehmerrekord beim 15. Oldtimertreffen im Freilichtmuseum – Hürlimann-Premiere

Teilnehmerrekord im Freilichtmuseum: Rund 1 500 Oldie-Besitzer und circ

a 10 000 Fans von allem, was knattert, brummt, röhrt und tuckert, haben am Wochenende beim größten Oldtimertreffen in Süddeutschland das Museumsdorf bei Beuren bevölkert. Dabei sind echte „Schmankerl“ zu sehen gewesen.

Premiere im Freilichtmuseum: Zum ersten Mal in der Geschichte des Hürlimann-Clubs trafen sich Hürlimann-Traktoristen im Rahmen d
Premiere im Freilichtmuseum: Zum ersten Mal in der Geschichte des Hürlimann-Clubs trafen sich Hürlimann-Traktoristen im Rahmen des 15. Oldtimertreffens in Deutschland Fotos: Deniz Calagan

Beuren. So viele historische Fahrzeuge an einem Wochenende gab‘s noch nie zuvor in den Beurener Herbstwiesen zu sehen: Rund 1 500 rollende Preziosen waren zum 15. Oldtimertreffen ins Freilichtmuseum gekommen. Werner Unseld und Eugen Schmid vom Organisationsteam bekamen glänzende Augen, als sie das „Who is who“ der historischen Oldsmobile auf dem Museumsgelände aufzählten. So stand der dreirädrige Benz Motorwagen von 1885 im Schatten des Museumslädles. Einträchtig daneben die vierrädrige Motorkutsche von Gottlieb Daimler von 1886 sowie das erste Elektromobil von Andreas Flocken aus dem Jahre 1888. Alles originalgetreue Nachbauten. Dazu zählt ebenso die Laufmaschine des Carl Freiherrn von Drais, die Draisine, die in den Krisenjahren 1816/17 das Reitpferd ersetzen sollte. Auch ein französisches Motorrad, eine De Dion Bouton aus dem Jahre 1897, „das älteste fahrtüchtige Motorrad der Welt“, wie Werner Unseld sagte, konnten die Besucher bewundern.

Anzeige

Neben den historischen Fahrzeugen, nicht zu vergessen der wunderbar erhaltene, chrom- und lackblitzende Cadillac 341 A Imperial Sedan von 1928, waren viele alte VW Käfer, Karman Ghias, Porsches, Mercedes, Fords, Opels, NSUs, Unimogs, aber auch Kleinlaster, Feuerwehr- und Sonderfahrzeuge sowie Stationärmotoren bis einschließlich Baujahr 1969 zu sehen.

Im Jubiläumsjahr des Automobils – es wurde 125 Jahre alt – konnte einer der bekanntesten deutschen Traktoren sein 90-jähriges Wiegenfest begehen. 1921 stellten die Lanz Motorenwerke in Mannheim den ersten Rohölschlepper her und nannten ihn „Bulldog“. Und diese Bulldogs, allerdings jüngere Modelle aus den Jahren 1935 bis 1939, verschafften sich auch nach so langer Zeit noch ordentlich Gehör im Museumsdorf. Schon von Weitem verriet ihr blubberndes Tuckern „aha, jetzt kommt ein Lanz“.

Premiere im Freilichtmuseum des Landkreises Esslingen feierten heuer die traditionsreichen „Hürlimänner“ aus der Schweiz. Noch nie zuvor hatten sich Hürlimann-Traktoristen zu einem Treffen im nördlichen Nachbarland verabredet. In diesem Jahr nun kamen auf Initiative von Uwe Brandt aus Weilheim und Erwin Flachsländer aus Calw die „Hürlimänner“ aus der Schweiz und Deutschland in Beuren zusammen. Mit von der Partie war der 68-jährige Sohn des Firmengründers, Hans Hürlimann junior, aus Wil bei Sankt Gallen. Ihm war bei der rund 200 Kilometer langen Anfahrt ein besonderes Missgeschick passiert. Just auf der deutschen Seite des „Schwäbischen Meeres“, kaum der Fähre in Meersburg entrollt, blockierte die Einspritzpumpe seines Traktors, und er musste sich zurückschleppen lassen und mit einem anderen „Hürlimann“ von Neuem starten. Derweil tuckerten seine Schweizer Freunde mit 14 Traktoren im Konvoi über die Alb. Hinter dem alten Schafstall des Museumsdorfs erwarteten schließlich über 20 Hürlimann-Traktoren aus den Jahren 1944 bis 1967 blitzblank herausgeputzt unter Schweizer Flagge in Reih und Glied die Besucher. Darunter waren auch Schlepper von deutschen Mitgliedern des Hürlimann-Clubs, nicht nur aus Weilheim und Calw, sondern auch aus Norddeutschland. Drei von ihnen hatten ihre tuckernden Preziosen einfach auf einen Tieflader gepackt und waren so über die Autobahn ins Schwäbische gebrummt.

Der Hürlimann-Traktor gilt als „Rolls-Royce“ unter den Traktoren für kleinere Betriebe und zeichnet sich durch seine Vielseitigkeit und einen extrem engen Wendekreis aus. Seit 1979 gehört das Schweizer Unternehmen zu SAME Lamborghini-Hürlimann, 1995 mit der Übernahme von Deutz-Fahr umbenannt in SAME Deutz-Fahr. Die Hürlimann-Traktoren werden im SAME-Stammwerk in Treviglio gebaut.

Ein zweites Mal sollte sich Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann die Fahrt mit dem Nachbau der ersten Elektrokutsche nicht entgehen lassen. Denn die sogenannte „Zweite automobile Revolution“, die Fahrzeuge umweltgerechter machen soll, begann in Deutschland bereits 1888. Damals baute Andreas Flocken in Coburg das erste vierrädrige Elektroauto der Welt. Bei diesem Fahrzeug handelte es sich ursprünglich um einen hochrädrigen Kutschwagen, der mit einem Elektromotor versehen wurde.

Franz Haag aus dem bayrischen Marktoberdorf lag im September 2010 an der Isar. „Dabei ist mir die verrückte Idee gekommen, diesen Meilenstein der Automobilentwicklung originalgetreu nachzubauen“, erzählte er im Museumsdorf. Zwei Jahre Zeit dafür gab sich der Vorruheständler und ehemalige Kfz-Sachverständige. Originale Baupläne? Fehlanzeige. Er fand lediglich eine Beschreibung von Halwart Schrader und weiteres Informationsmaterial im Deutschen Museum, München.

Auf Drängen eines Aidlinger Freundes war das einmalige Gefährt bereits im März 2011 fertig, pünktlich zu den baden-württembergischen Retro-Classics. Dort wurde es von Fernsehkoch Horst Lichter auf die Bühne chauffiert, auf dem Beifahrersitz saß Hans Roth, Urenkel von And­reas Flocken. Er entwickelt übrigens heute gemeinsam mit seinen Söhnen Wasserkraftwerke.

Der Nachbau von Franz Haag, an dem er viele Tage bis frühmorgens um 3 Uhr arbeitete, wird von Bleiakkus angetrieben und ist 12 bis 15 Stundenkilometer schnell. Die Elektrokutsche hat knapp eine Pferdestärke und einen Radius von 30 bis 40 Kilometern. Mit seinem Elektrogefährt ist Franz Haag bei vielen Veranstaltungen rund ums Automobil ein gefragter Gast. So war er auch bei Retro-Classics meets Barock in Ludwigsburg dabei. „Zu dieser Zeit war Kretschmann in Berlin“, berichtete Haag. Doch bei der Bertha Benz-Challenge in Mannheim könnte der grüne Ministerpräsident als Schirmherr den historischen Startschuss zur Elektromobilität in Baden-Württemberg auf Franz Haags originalem Nachbau von Flockens Elektrokutsche geben. Es ist weltweit der einzige Nachbau dieses Modells.

An beiden Veranstaltungstagen konnten die rund 10 000 Besucher die zahlreichen Oldies nicht nur an ihren Standplätzen bestaunen, sondern ausgewählte Raritäten auch in Aktion erleben. Lanz-Bulldogs wurden zum Anlassen mit einer Lötlampe vorgeglüht und mithilfe des Lenkrades an der Schwungscheibe angeworfen. Ein Grandprix-Rennmotorrad, eine Honda RC 181, von 1966 röhrte vor der Beurener Scheune und Stationärmotoren, darunter ein großer Deutz von 1929, zeigten, wie viel Kraft in ihnen steckt.

Natürlich erwiesen die Veranstalter der Automobilgeschichte ihre Aufwartung: Ursprünglich sollte die Leiterin des Freilichtmuseums, Steffi Cornelius, mit dem Nachbau des ers­ten Benz-Automobils von 1886 zu einer kleinen „Bertha-Benz-Gedächtnisfahrt“ übers Museumsgelände starten. Das Programm musste jedoch an dieser Stelle etwas abgeändert und die Kutsche gewechselt werden. Weil der erste Benz-Patentwagen zu schwach auf der Brust war, durfte Franz Haag die Museumsleiterin in seiner vierrädrigen Elektrokutsche vom Häslacher Rathaus zum „Albdorf“ chauffieren. Wohl sehr zum Leidwesen von Manfred Wirth, dem Besitzer des Zweirad- und Auto-Museums Pleidelsheim. Er war gemeinsam mit den Benz- und Daimler-Nachbauten im Gepäck ins Museumsdorf gekommen.