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Europa macht‘s möglich: „Tortilla trifft Spätzle“

Spanische und deutsche Schüler aus Kirchheim und Calahorra arbeiten gemeinsam am Comenius-Projekt „Mens sana in corpore sano“

Europa macht‘s möglich: „Tortilla trifft Spätzle“
Europa macht‘s möglich: „Tortilla trifft Spätzle“

Zum dritten Mal fand im vergangenen Schuljahr der Austausch zwischen dem Kirchheimer Schlossgymnasium und dem I.E.S. Valle de Cidacos in Calahorra in der spanischen Region La Rioja statt. Mit finanzieller Unterstützung der EU reisten insgesamt 45 Neuntklässler für zehn Tage zu ihren Partnern und arbeiteten gemeinsam an einem Comenius-Projekt zum Thema „gesunder Lebensstil“.

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Kirchheim. „Comenius“ ist ein Teil des EU-Programms für lebenslanges Lernen für Schulen, das in Zukunft unter dem Namen „Erasmus plus“ fortgeführt wird. Im Rahmen von Comenius-Partnerschaften arbeiten die Partner für die Dauer von zwei Jahren zu einem selbst gewählten Thema zusammen und bekommen dafür Fördermittel. Bei der bilateralen Partnerschaft zwischen dem Schlossgymnasium und seiner spanischen Partnerschule ging es also nicht nur um den Erwerb der Fremdsprache und das Kennenlernen der fremden Kultur.

„Mens sana in corpore sano – gesunder Geist in einem gesunden Körper“, war das Motto des Projekts, bei dem die spanischen und deutschen Schüler sich mit der Lebensweise des jeweils anderen Landes beschäftigten und sich ein Bild davon machten, wie Jugendliche sich ernähren und fithalten. Bei einer zu Beginn des Projekts durchgeführten Umfrage konnte man bereits Unterschiede zwischen spanischen und deutschen Gewohnheiten feststellen. So scheint das Frühstück in Deutschland eine wichtigere Rolle zu spielen, während für die Spanier das gemeinsame Abendessen mit der Familie, das erst spät eingenommen wird, unverzichtbar ist.

Im Großen und Ganzen scheinen sich die Jugendlichen beider Länder mehr oder weniger gesund zu ernähren, wobei in Deutschland der Verzehr von rohem Gemüse, Salaten und Vollkorn als gesund gilt, in Spanien dagegen eher der Konsum von Fisch und Hülsenfrüchten. Ein erfreuliches Ergebnis der Umfrage war, dass Fastfood nicht so beliebt ist wie immer behauptet wird; und auch wenn die Mehrheit der 15-Jährigen zugibt, schon einmal Zigaretten oder Alkohol probiert zu haben, so scheint beides in der Gruppe der Befragten keine große Rolle zu spielen. Fast alle Befragten gaben an, gerne Sport zu treiben, viele davon im Verein.

Interessanter als die theoretische Untersuchung waren für die Schüler natürlich die konkreten Erfahrungen in ihrer Gastfamilie während der gemeinsamen Zeit im Rahmen der Austauschbegegnungen. Dabei fielen den Spaniern und den Deutschen viele Unterschiede im Alltag auf. Während die Deutschen häufig schon um 6 Uhr aufstehen und um 7 Uhr mit dem Bus oder dem Fahrrad in die Schule fahren, stehen die Spanier eineinhalb Stunden später auf, um sich zu Fuß auf den Weg in die Schule zu machen, die von 8.30 bis circa 14.20 Uhr dauert. Um diese Uhrzeit haben die Schüler in Deutschland schon längst gegessen, sitzen an ihren Hausaufgaben oder treffen sich mit Freunden, wenn sie keinen Nachmittagsunterricht haben. In Spanien wird nicht selten erst um 15 Uhr zu Mittag gegessen, und das Abendessen wird serviert, wenn in Deutschland die 15-Jährigen schon schlafen.

In der Region La Rioja im Norden Spaniens, die den meisten Deutschen höchstens wegen seiner Weine bekannt ist, lässt sich die spanische Kultur und Lebensweise bestens erfahren, denn die Region ist typisch spanisch, vom Massentourismus unberührt, da sie im Landesinneren liegt und allenfalls Individualreisende oder Jakobswegpilger anzieht.

Beim Essen in den Familien fiel den Schülern vor allem auf, dass viel Frittiertes auf den Tisch kommt und dass die Spanier es gewohnt sind, zu jedem Essen, auch zu Kartoffel- oder Nudelgerichten, Brot zu essen. Beilagensalate gibt es bei spanischen Mahlzeiten fast nie.

Die Spanier wiederum waren erstaunt, dass die Deutschen fast nur Mineralwasser mit Kohlensäure („con gas“) trinken und abends oft nur belegte Brote vespern, und das häufig schon um 18 oder 19 Uhr.

Auch das Programm während der Schüleraustauschbegegnungen wurde auf das Projektthema abgestimmt. Deshalb standen neben den „klassischen“ Besichtigungszielen in und um Kirchheim, dem Besuch bei der Oberbürgermeisterin und Ausflügen nach Stuttgart, in den Schwarzwald oder an den Bodensee diverse Aktivitäten zum Thema „Essen und Bewegung“ auf dem Programm. Gleich am ersten Tag gab es ein von deutschen Schülern und ihren Eltern vorbereitetes Frühstücksbuffet mit Müsli, Obst, diversen Brötchen, Käse, Wurst, Eiern, Marmeladen uns so weiter. Im ersten Projektjahr durften die spanischen Schüler im Freilichtmuseum Beuren Brötchen backen, im zweiten Jahr Äpfel ernten und verarbeiten. Eine Gruppe besichtigte die Firma Scholderbeck in Weilheim und durfte Brezeln backen. Im Gegenzug besuchten die deutschen Schüler eine Gastronomie-Berufsschule mit Tapasvorführung, eine Olivenölmühle und eine Champignonfarm.

Auch sportliche Aktivitäten standen auf der Tagesordnung. Die Spanier erprobten ihre Geschicklichkeit im Laichinger Kletterwald; das Highlight für die Deutschen war eine Wanderung im Naturpark von Liencres an der spanischen Nordküste, mit anschließendem Bad im Atlantik.

Die Schüler dokumentierten die Aktivitäten der zwei Comeniusjahre in einem gemeinsamen Blog, der über die Homepage des Schlossgymnasiums unter dem Stichwort „Comeniusprojekt“ eingesehen werden kann. Zum Abschluss des Projekts entstand bei den Projekttagen des Schlossgymnasiums im Juli noch ein Rezeptbüchlein mit typischen deutschen und spanischen Gerichten und den dazugehörigen Rezepten auf Deutsch, Spanisch und Englisch.

Insgesamt betrachtet, gelang es, die Zusammenarbeit zwischen den Schulen zu intensivieren und zwei Schülerjahrgängen intensive und inhaltlich interessante Begegnungen zu ermöglichen. Beide Schulen sind bestrebt, auf dieser Grundlage ihre Kontakte weiterzupflegen. So ist die Reise der nächsten Neuntklässler nach Calahorra bereits gebucht. pm