Lokales

Fremdbestimmung geht schon im Kindergartenalter los

Großer Andrang beim Burnout-Vortrag der Raiffeisenbank Teck in der Dettinger Schlossberghalle

„Auch wenn es um ein Thema geht, das bewegt und mitunter polarisiert – einen solchen Zuschauerandrang hätte ich nicht erwartet“, sagte Stefan Gerlach, der am Montagabend die Begrüßung zur „Mitglieder exklusiv“-Veranstaltung der Raiffeisenbank Teck in der Dettinger Schlossberghalle übernommen hatte.

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Thilo Adam

Dettingen. Knapp 500 Karten habe man an die Mitglieder der Genossenschaftsbank ausgegeben, erheblich höher sei im Vorfeld jedoch das Interesse am Burnout-Vortrag der Mentaltrainerin Simone Langendörfer gewesen. Vor zwölf Jahren, noch bevor sich das Thema ins öffentliche Bewusstsein drängte, begann sich die Psychologin auf Burnout-Prävention zu spezialisieren. Inzwischen gilt sie als gefragte Expertin und Trainerin, arbeitet mit zahlreichen Instituten zusammen und wird als Beraterin von namhaften Unternehmen gebucht.

„Produktiv, flexibel, belastbar, effizient“ – Langendörfer nennt es eine „Perversion“, was in den heutigen Assessment-Centern von Bewerbern erwartet werde. Die Strukturen dieser modernen Erfolgsgesellschaft macht sie als eine wesentliche Ursache aus für das, was heute unter der Rahmendiagnose „Burnout-Syndrom“ mehrere Hunderttausend Menschen in Deutschland in psychologische Behandlung treibt.

Dabei sei Burnout keine Krankheit. Die Weltgesundheitsorganisation führt das Ausgebranntsein unter „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“. Eine allgemeingültige Definition gibt es nicht. „Psychische Probleme sieht man niemandem an“, meint Simone Langendörfer. Kennzeichnend für Burnout-Fälle sei im gängigen Verständnis, wenn ehemals beruflich außergewöhnlich engagierte Menschen unter emotionaler Erschöpfung litten. Nach außen drücke sich das dann häufig in sarkastischem, zynischem Umgang mit Verwandten, Freunden und insbesondere Kollegen aus.

Bei ihrer Ursachenforschung geht Simone Langendörfer von folgender Prämisse aus: „Jeder hat Sehnsucht nach Glück und Erfolg. Von klein auf werden wir konditioniert. Wir lernen: Für Erfolg wird man geliebt.“ Fremdbestimmung macht die Autorin und selbst ernannte Glücksforscherin schon im Kindergartenalter aus. „Ein bisschen Englisch, ein IT-Kurs für die Vierjährigen, alles nebenher, ganz spielerisch – da wird mir schlecht“, sagt sie, „Erziehung ist ein Unwort“. Weil früh die Leistungserwartungen der Eltern, des Umfelds, auf die Kinder projiziert würden, bleibe der „innere Anpeitscher“ bis ins Erwachsenenalter. Man lebe nach der Glücksformel, viel Leistung gleich viel Geld gleich viel Glück.

Zu den ständigen Selbstvergleichen – Soll und Ist – kommen Zeit- und Leistungsdruck von außen. Versagensängste, Schlafstörungen, Herzrasen, Gereiztheit, Unruhe, Unzufriedenheit, manchmal sind Kopf- und Rückenschmerzen die Folge. Der „Infarkt im Gehirn“ ergebe sich aus einer nicht enden wollenden To-Do-Liste. Um die Gedanken von ihrem ständigen Kreisen um die sogenann­ten „Stressoren“ abzuhalten, helfe Sport. „Regelmäßig laufen oder Rad fahren vor dem Schlafengehen kann Stress abbauen“, sagt Langendörfer.

Sie warnt davor, psychosomatische Symptome mit Tabletten zu bekämpfen. „Hausärzte haben in der Regel nicht die Zeit, ein umfangreiches Diagnosegespräch zu führen. Antidepressiva schlucken und ansonsten weitermachen wie bisher, hilft da auch niemandem“. Ihren Präventions- und Therapieansatz nennt die Psychologin „Self-fulfilling Management“. Was man denke, erfülle sich im Außen. So unterscheidet sie zwischen „Kraft- und Mangeldenkern“: Freude, Respekt, Vergebung, Achtsamkeit und Gelassenheit gegen Hass, Neid, Angst und Kontrolle. In jedem stecke beides – jedoch in unterschiedlicher Ausprägung.

Möglichst schon beim morgend­lichen Blick in den Spiegel solle man beginnen, die Mangel- mit Kraftgedanken zu verdrängen. „Wir sind keine wandelnden Problemzonen, wie uns das mediale Schönheitsideal weiszumachen versucht.“ Selbstannahme und -achtung sind wichtige Schritte in Langendörfers Drei-Punkte-Plan zu mehr Selbstbestimmung: „Erstens muss ich mir klar machen, dass ich nicht meine Gedanken bin“, sagt die Referentin. „Woher weiß ich, dass meine Gedanken recht haben?“ Sie rät, die eigenen Gedanken laufend zu beobachten, über regelmäßig wiederkehrende Gedanken Tagebuch zu führen. „Unterbewusst sind wir ständig am Urteilen, Bewerten, Beschuldigen.“ Wer aber gelernt habe, bewusst zu trennen, ob Befürchtungen, Zweifel, Sorgen und alte Denkmuster wirklich angebracht sind, schaffe es letztlich, in sich zu ruhen.

Neben dem „ständigen Gedanken-Check“ empfiehlt Simone Langendörfer den „Bewusstseins-“ und den „Blickwinkel-Check“. Ausdrück­lich spricht sie sich gegen Multitasking aus. Augenblicke bewusst zu erleben, im Hier und Jetzt präsent zu sein, helfe einem Burnout vorzubeugen. Damit gehe einher, sich klar zu machen, „dass Probleme Lebenssituationen sind, die wir zum Problem erklären“. Wer solchen „Problemen“ zu viel Aufmerksamkeit schenke, gerate in einen Konflikt mit der Realität, meint die Expertin. „Wer jederzeit überzeugt sagen kann ,mein Wert ist mir selbst bewusst‘, wird sich nicht ausgebrannt fühlen.“