Lokales

„Fünf Milliarden für zwei Minuten?“

Faktenreicher Informationsabend mit 70 und Demo gegen Stuttgart 21 mit 100 Teilnehmern

Gleich zweimal machten die Kritiker von Stuttgart 21 am Wochenende in Kirchheim mobil. Am Freitagabend mit einer Infoveranstaltung im Kirchheimer Stadtkino sowie am Samstag mit Demo und Kundgebung vor dem Rathaus.

Bei einer Kundgebung vor dem Kirchheimer Rathaus warnte die grüne Landtagsvizepräsidentin, Brigitte Lösch, am Samstag vor S 21,
Bei einer Kundgebung vor dem Kirchheimer Rathaus warnte die grüne Landtagsvizepräsidentin, Brigitte Lösch, am Samstag vor S 21, dem ¿größten, teuersten und dümms­ten Projekt Deutschlands¿.Foto: Deniz Calagan

Kirchheim. In einem Bahnhof wenden Züge, werden bei Bedarf verlängert oder gekürzt, wird zur Not eine defekte Lok ausgetauscht. All das geht im geplanten Stuttgarter Tiefbahnhof nicht. Weshalb er für Matthias Ilg von den „Ingenieuren 22“ nur ein Haltepunkt ist, Ergebnis eines Rückbauprojekts. Die Einschränkungen des Tiefbahnhofs kommen von den 15 Promille Gefälle der Gleise.

Vor 70 Interessierten beim Info­abend des Bürgerbündnisses „Kirchheim und Umgebung für K 21“ und der Grünen am Freitag kritisierte Ilg noch viele weitere Punkte. Weil in der Hauptverkehrszeit auf vielen der nur acht Gleise zwei Züge hintereinander stehen, sei für mehr als fünf Doppelstockwagen pro Zug kein Platz. Die Folgen trügen die Bahnkunden: „Der S 21-Berufsverkehr wird kuschelig.“ Der Physiker sieht Stuttgart 21 als „Wachstumsbremse für den Schienenverkehr und die Region“. Das Projekt baue die Kapazitäten zurück, behindere den Wettbewerb auf der Schiene und sei wenig flexibel. „Eine Direktverbindung von Böblingen in Richtung Ulm? Geht nicht.“ Dabei seien im Bahnverkehr Zuwächse zu erwarten: „Profiinvestor Warren Buffet hat vor Kurzem für 44 Milliarden Dollar eine Bahngesellschaft gekauft.“ Ein „Integraler Taktfahrplan“ nach Schweizer Vorbild, so Ilg weiter, sei in diesem Tiefbahnhof nicht möglich.

Interessant war Ilgs Vergleich der S-Bahn-Umbauten in Stuttgart und München: Während die Stuttgarter Kapazitäten blieben und die Verspätungen laut SMA-Gutachten zunähmen, bekomme München eine zweite Stammstrecke und eine Express-S-Bahn.

Anschaulich beschrieb der Kirchheimer Landtagsabgeordnete der Grünen, Andreas Schwarz, den künftigen Weg eines ICE aus Zürich über den Flughafen zum Stuttgarter Hauptbahnhof. Er klang mehr nach einem Hindernislauf als nach Schnellverkehr: Mehrfache Kreuzung des Gegengleises, auf den Fildern längere Abschnitte mit 80 oder gar nur 60 Kilometern pro Stunde. „Hier entsteht ein Nadelöhr“, befand Schwarz. Er kritisierte den Mischverkehr von Fernverkehr und S-Bahn und die eingleisige Wendlinger Kurve. Gelächter im Stadtkino, als Ilg diese „so sinnvoll wie ein Autobahnkreuz mit Ampelregelung“ nannte.

Der Bahnhof verkürze die Fahrzeit im Fernverkehr nur um zwei Minuten, betonte Schwarz. Der Großteil der Verkürzung in Richtung Ulm entstehe durch die Neubaustrecke. „Sie ist losgelöst zu sehen, über sie wird nicht abgestimmt.“ Ein Teil der Verkürzungen komme durch Durchbindung von Zügen, sie sei mit dem Kopfbahnhof genauso möglich.

Mit seinen 43 Folien – die angekündigten 20 Minuten reichten bei Weitem nicht – ging Schwarz auch auf Details der Finanzierung ein. „Für Stuttgart 21 sind 286 Millionen Euro eingeplant, mit denen eigentlich Züge bestellt werden sollen.“ 365 Millionen Euro seien Nahverkehrsmittel des Bundes. Beim heutigen Stand von 4,5 Milliarden Euro sei vieles noch nicht eingepreist. Doch der Risikopuffer sei fast aufgezehrt. „Es ist unklar, wer weitere Kostensteigerungen übernimmt.“

Die größte Angst vieler Zuhörer war, dass die Bahn mit dem Bau anfängt und dann irgendwann das Geld ausgeht. „Wir werden uns von der Bahn nicht erpressen lassen“, betonte Schwarz. „Das Land wird sich, egal wie die Volksabstimmung ausgeht, nicht an Mehrkosten jenseits der 4,5 Milliarden beteiligen.“ Erhalte das Ausstiegsgesetz keine Mehrheit, gelte trotzdem der Kostendeckel.

Am Samstag marschierten rund 100 K 21-Befürworter, angeführt von den Trommlern von „Lokomotive Stuttgart“, vom Bahnhof zum Rathaus. Bevor die grüne Landtagsvizepräsidentin Brigitte Lösch dort vor dem „größten, teuersten und dümms­ten Projekt Deutschlands“ warnte, lauschten die Demoteilnehmer den Kirchheimer Turmbläsern. „Fünf Milliarden Euro für zwei Minuten, das macht doch wirklich niemand“, sagte Lösch anschließend und nannte Ausbauprojekte, denen wegen Stuttgart 21 das Geld fehle: die Südbahn zum Bodensee, die Gäubahn nach Singen und die Rheintalbahn. Schon 2003 habe der damalige Verkehrsminister Ulrich Müller angekündigt, für Stuttgart 21 andere Projekte zurückzustellen.

Über den Köpfen der Demonstranten schwebte ein frisches Plakat der S21-Befürworter, das Ausstiegskosten von 1,5 Milliarden nannte. Für ihre Erläuterungen bekam Lösch kräftigen Applaus. Wenn gar nicht über die Neubaustrecke abgestimmt werde, dürften deren bisherige Kos­ten (194 Millionen Euro) auch nicht eingerechnet werden. Kaufe die Bahn für rund 700 Millionen ihre Grundstücke zurück, werde sie nicht ärmer: „Es ist ein Rücktausch Ware gegen Geld.“ Werner Sauerborn von den „Gewerkschaftern gegen S 21“ blickte zurück auf die anfängliche Euphorie mancher Gewerkschafter für das Projekt. Sie sei verflogen. „Ich kenne keine einzige Gliederung mehr, die dafür ist.“ Auch das Argument mit den Arbeitsplätzen ziehe nicht mehr. „Wir wollen sinnvolle und menschenwürdige Arbeitsplätze.“ Nicht solche, wie sie der Zoll bei seinen Kontrollen beim Abriss des Nordflügels vorgefunden habe.

Neben Fakten bot die Demo auch etwas Kultur. Überraschungsgast Timo Brunke hatte aus Stuttgart „Lyrik gegen den Wahnsinn“ und ein Akkordeon mitgebracht. Die Hymne „Freunde schöner Kopfbahnhöfe“ beschloss die Demo in F-Dur.

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