Lokales

„Granaten sind lange nicht so schlimm“

Gertraud Löffler ist am Alltag ihres Vaters August Melchinger als Soldat im Ersten Weltkrieg interessiert

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Kirchheim. Der Ärztin Gertraud Löffler, die vielen Kirchheimern aus ihrer aktiven Berufszeit noch ein Begriff sein dürfte, ist es ein Anliegen, hundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs auch über den Alltag

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der Soldaten etwas berichten zu können. Erhalten hat sich in ihrem Familienarchiv unter anderem ein Schreiben ihres Vaters August Melchinger, in dem er – auf Bitten der Mutter – einen kleinen Einblick in seine Gefühlswelt gibt. Wie vielen anderen Soldaten auch, ob im Ersten oder im Zweiten Weltkrieg, ist ihm das nicht ganz leicht gefallen. Gerade was die „Unannehmlichkeiten“ betrifft, schreibt er nämlich: „Ja nun – ich bin immer froh, wenn so etwas vorbei ist u. rede nicht gern drüber.“

August Melchinger muss zu diesem Zeitpunkt schon einiges an Erfahrung gesammelt haben, auch an vorderster Front, bevor er hier seine Sicht des Alltags schildert: „Die Granaten sind lange nicht so schlimm, wie Ihr vielleicht glaubt, solange wir selber auch schiessen. Grausig wird die Sache erst, wenn man untätig zuschauen muss. Aber überhaupt das Feuer ist lange nicht das unangenehmste. So hat man sich ja den Krieg immer vorgestellt.“ Erstaunlich abgeklärt klingt das für einen jungen Mann von damals höchstens 25 Jahren. Dann aber zählt er etliche Punkte auf, die ihm den Alltag tatsächlich vermiesen, auch wenn sie nicht direkt zum Kriegshandwerk gehören: „Ärgerlich sind oft vielmehr die so­- gen.[annten] kleinen Dinge, als da sind Ratten- u. Schnakenplage, Trinkwassermangel u. das leidigste von allem ist, wenn Unstimmigkeiten zwischen Kameraden aufkommen.“

Vielleicht hat er unter solchen Unstimmigkeiten auch deshalb so gelitten, weil er sich recht schnell hochgedient hatte. In seinen „Personalien“ hat August Melchinger stichwortartig Einsätze und Beförderungen verzeichnet: Das beginnt mit dem 15. September 1914 und dem Vermerk „Kriegsfr.“ Der nächste Eintrag des Kriegsfreiwilligen datiert vom 4. Juni 1915 besteht aus noch weniger Buchstaben: „U. Offz.“ Gut denkbar also, dass er zum Zeitpunkt des Schreibens – also zu einer Jahreszeit, als ihn wohl auch Schnaken plagten – bereits Unteroffizier war. Bei den Unstimmigkeiten könnte er somit besonders empfindlich gewesen sein.

Dazu passt, dass August Melchinger in seinem Schreiben fortfährt: „Das erfährt jeder, wo so viele Leute auf einem od. vielmehr unter einem kleinen Fleck Erde wohnen, besonders aber der Geschützführer.“ Und abermals kommt seine eigene Einstellung zum eigentlichen Kriegsgeschehen deutlich zum Ausdruck: „Das beste Mittel ist da immer das Donnern der Kanonen, da ist die Luft wieder sofort rein.“ So ist es durchaus denkbar, dass die „Unstimmigkeiten“ in Zeiten ohne direkte Gefahr einer Art Lagerkoller zuzuschreiben sind, der für Behausungen „unter einem kleinen Fleck Erde“ auch hundert Jahre später noch nachvollziehbar ist.

Das Zusammenleben auf sehr engem Raum, das viel eher einem Zusammengepferchtsein entspricht, kommt ganz gut auf dem Bild oben zum Ausdruck – auch wenn sich die sieben Soldaten beim Rauchen und beim Telefonieren recht gut gelaunt geben. August Melchinger ist oben links zu sehen, ebenfalls mit einer Zigarette in der Hand. Einen solchen Unterstand muss man sich wohl auch vorstellen, wenn die Nachricht an die Eltern mit dem Satz schließt: „Wilhelm [seinem jüngeren Bruder] geht es in dieser Hinsicht auch wieder besser. Er war am Sonntag bei mir in meiner neuen Behausung. Ich liege jetzt links von seiner Kompagnie wiederum ½ Stunde weg.“

August Melchinger war am 7. Mai 1892 in Unterensingen zur Welt gekommen. Er war der Älteste von sieben Geschwistern. Und auch er dürfte vielen Kirchheimern heute noch bekannt sein, weil er über Jahrzehnte hinweg am Kirchheimer Gymnasium Mathematik unterrichtet hat. Überlebt hat er übrigens nicht nur den Einsatz im Ersten, sondern auch den im Zweiten Weltkrieg. Erst 1977 ist er im Alter von 85 Jahren gestorben.

Seine Brüder Wilhelm und Hermann dagegen, die wie er im Ersten Weltkrieg gekämpft hatten, starben sehr viel früher. Gertraud Löffler hat das Schicksal ihrer Onkel in knappen Worten schriftlich festgehalten: „Der Bruder meines Vaters, Wilhelm, geb. 1893, wurde an der Somme im August 1918 verwundet. Er starb an dieser Verwundung am 23.8.1918 in Gefangenschaft. Ein jüngerer Bruder, Hermann, geb. 1895, wurde verwundet und nach seiner Heilung entlassen. Er starb 1919 an der Spanischen Grippe, die damals epidemisch war.“

Seinen Bruder Wilhelm jedenfalls muss August Melchinger während des Kriegseinsatzes immer wieder getroffen haben. Auf der Rückseite des kleineren Fotos unten hat der ältere Bruder – wahrscheinlich wieder an die Eltern – geschrieben: „Heute war es mir wiederum einmal möglich, Wilhelm im Schützengraben zu besuchen. Es ist schön Wetter u. da hat man von dem Weg noch einen Genuss. Neues gibts nicht. Vor meinem Besuch hat mir mein Herr Hauptmann die silberne Verdienstmedaille angeheftet, ,für ganze Hingabe u. Aufopferung im Dienst‘ sagte er. Herzlichen Gruss senden Euch Euer August & Wilhelm“.

Wilhelm Melchinger hat auf dieser Karte selbst unterschrieben und hinzugefügt: „Herzlichen Dank für das Gelée“. Auch das ist ein Hinweis auf den Soldatenalltag, denn vielfach haben sich Dankschreiben erhalten, in denen Söhne berichten, wie sie sich über die Gaben der Eltern aus der Heimat gefreut haben. Auf dem Foto ist August Melchinger in der Mitte zu sehen und Wilhelm rechts. Links sitzt „ein Freund“, wie Gertraud Löffler berichtet. Und auch dieser Freund war den Eltern bekannt, denn er schreibt ebenfalls noch einen kleinen Nachsatz: „Herzl. Gruß fügt bei Erich Schütz“.

Wenn August Melchinger das Lob und die Auszeichnung seines Hauptmanns eher beiläufig erwähnt, dann heißt das nicht, dass ihm das nichts bedeutet hätte: Wie viele andere Soldaten auch, hat er in dem bereits erwähnten knappen schriftlichen Abriss seiner Kriegseinsätze für Juli 1916 das „EK. II“ und für September 1918 das „EK. I“ vermerkt. Die Ei­sernen Kreuze waren Ehrungen, auf die auch die Familie in der Heimat im Normalfall mächtig stolz war.

Gertraud Löffler allerdings erzählt von ihrem Vater, dass es noch etwas ganz anderes gab, worauf er selbst vor allem stolz war. Trotz aller Enttäuschungen über den verlorenen Krieg und den ungeliebten Friedensvertrag von Versailles hat er den Ersten Weltkrieg im Rang eines Leutnants ehrenhaft zu Ende gebracht. Im Oktober und November 1918 war er noch in „Kämpfe vor u. in [der] Hermannstellung“ verwickelt. Die „Hermannstellung“ in Belgien und Nordfrankreich war bereits ein Rückzug von der besser bekannten „Siegfriedstellung“. Für die Zeit zwischen dem 12. November und dem 8. Dezember 1918 verzeichnet August Melchinger schlicht: „Räumung des bes.[etzten] G.[ebiets] u. Marsch in die Heimat“.

Dieser Nachhausemarsch war es, auf den er ein Leben lang stolz war, wenn es um den Ersten Weltkrieg ging. „Mein Vater hat oft gesagt“, erinnert sich Gertraud Löffler auch heute noch, „,ich habe meine Kompanie geordnet und heil wieder nach Hause gebracht‘.“

historisches fotoSerie Projekt Erzählte Geschichte - 100 Jahre erster Weltkrieg
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