Lokales

„Großartig“ oder „gefährlich“?

Die Meinungen über den neuen Zebrastreifen statt Ampel beim Alten Haus gehen auseinander

Seit Anfang September ersetzt ein erhöhter Zebrastreifen die bisherige Ampel beim Innenstadteingang von der Dettinger Straße her. Die Umstellung beschäftigt die Gemüter, das Thema wird heiß diskutiert und je nach Blickwinkel aus Autofahrer- oder Fußgängerperspektive so oder so bewertet. Im Rat soll nach einem halben Jahr Bilanz gezogen werden, ob sich das Provisorium bewährt hat. Der Teckbote hat Stimmen von Passanten eingefangen – alle waren zu Fuß unterwegs, alle sind jedoch auch Autofahrer.

Früher Ampelkreuzung, heute Zebrastreifen auf Plateau im Tempo-20-Bereich. Seit dem Mitternachtsshopping Anfang September sammel
Früher Ampelkreuzung, heute Zebrastreifen auf Plateau im Tempo-20-Bereich. Seit dem Mitternachtsshopping Anfang September sammeln Autofahrer, Fußgänger und Radler in Kirchheim Erfahrungen an der Kreuzung Dettinger Straße/Marktstraße und Alleenring. Die Neugestaltung sorgt für Diskussionsstoff und war auch im Gemeinderat nicht unumstritten. Hauptargument der Befürworter war die homogenere Gestaltung der Fußgängerzone, die Gegner befürchten den Verkehrskollaps auf der Straße. Vorerst handelt es sich bei dem neuen Überweg um ein Provisorium, in einem halben Jahr soll dann im Ratsrund Bilanz gezogen und eine endgültige Entscheidung getroffen werden.Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. „Sehr fußgängerfreundlich“ findet Eckehard Tast aus Dettingen die neue Regelung. Er muss öfters von der Marktstraße in die Dettinger Straße laufen und hat sich in der Vergangenheit oft über lange Wartezeiten an der Fußgängerampel geärgert. Jetzt unternimmt er den Weg viel lieber als früher. „Ich hoffe, dass das Provisorium in Kirchheim auch weiterhin Bestand hat“, meint er. Auch als Autofahrer hat er die Stelle bereits passiert und kam ohne unerträglich lange Verzögerung ans Ziel: „In der Innenstadt muss man sich die Zeit einfach nehmen“, lautet sein Urteil.

Anzeige

„Fahren Sie doch mal nach Berlin Hannover, Frankfurt oder auch nur Stuttgart – da herrschen hier doch immer noch wahrhaft göttliche Zustände für Autofahrer“, sieht auch Stefan Mayer aus Jesingen die Autofahrer nicht unnötig gegängelt: „Die Städte sind im Kern für die Fußgängerzone da“, ist er überzeugt. Er hat soeben sein Fahrrad über den Zebrastreifen geschoben und freut sich über die fußgängerfreundlichere Gestaltung des Überwegs, die jetzt noch mehr zum Besuch der Innenstadt einlädt. Als Autofahrer hat er die Stelle auch schon auf vier Rädern passiert, ohne dabei Schaden zu nehmen, wie er berichtet.

„Großartig“ findet Sonia Zauner die Neuerung und ergänzt: Wir freuen uns total!“ Fußgänger und Radfahrer müssten in der Innenstadt Vorfahrt haben, und genau dieses politische Signal setze die Neugestaltung in Kirchheim. Lösungen wie die am Alleenring kennt Sonia Zauner aus anderen Städten. Den Fußgängern werde jetzt auch in Kirchheim bewusst deutlich mehr Gewicht als den Autos eingeräumt. Ob die neue Überführung auch sicherer sei, das müsse die Zukunft zeigen. Die Kirchheimerin, die auch schon mit dem Auto über den Überweg gefahren ist, hat beobachtet, dass viele Autofahrer merkwürdig und unsicher reagierten.

Genau hier liegt auch für Birke Navarro das Problem. Sie glaubt, dass ihre drei Jungs zwischen fünf und zwölf Jahren jetzt deutlich gefährdeter sind als früher: „Die Kinder verlassen sich darauf, dass die Autos halten“, begründet sie ihr „banges Gefühl“. Zuvor sei die Verkehrssituation durch die Ampel immerhin klar geregelt gewesen. Als Autofahrer stehe man nun ewig, ergänzt die Kirchheimerin, die die Stelle auch zu Fuß täglich überquert. Durch das Stop and Go entstünden zumindest gefühlt mehr Abgase. Für sie ist daher das Urteil klar: „Den neuen Überweg finde ich gar nicht gut.“

„Viel mehr von dieser Sorte“, fordert dagegen Roland Dotschkal aus Owen und ergänzt: „Ampeln weg aus der Kirchheimer Innenstadt.“ Er argumentiert, dass sich überall im Innenstadtbereich der Verzicht auf Ampeln bewährt habe, das zeige zum Beispiel jüngst auch die Erfahrung beim Krone-Kreisel. „Die Innenstädte sollten den Fußgängern gehören“, ist der passionierte Motorradfahrer, der auch Auto fährt, überzeugt. In anderen Städten habe sich diese Überzeugung längst durchgesetzt. Dabei seien derlei Schritte andernorts schwieriger, weil die Verkehrsprobleme zumeist größer seien als in Kirchheim.

„Als Fußgängerin finde ich die Neuerung so richtig gut“, erzählt Anita Deiker. Allerdings bedauert sie die Autofahrer, die sich durch die Passanten tasten müssen, aus tiefstem Herzen: „Ich hab schon oft gedacht: Die Armen, die da drüber müssen . . .“. Die Kirchheimerin würde jedoch bei allem Verständnis nicht so weit gehen, den Verzicht auf die Ampel als „autofeindlich“ zu bezeichnen. „Kirchheim ist einfach sehr schön zum Bummeln, Einkaufen und Spazieren“, meint sie und siedelt daher die Bedeutung der Fußgängerzone hoch an: „Es ist wichtig, den Passanten den Aufenthalt im Innenstadtbereich möglichst angenehm zu machen.“

„Wie man das Ganze beurteilt, hängt davon ab, ob man als Fußgänger oder Autofahrer unterwegs ist“, meint auch Udo Lauenstein. Samstags sei‘s besonders schlimm für Autofahrer, er selbst fahre generell nicht mehr hier vorbei. Das sei jedoch alles andere als ein Problem: „Keiner muss unbedingt hier fahren, es gibt auch andere Wege zu den Parkhäusern“, meint der Kirchheimer. Auf jeden Fall sei die Änderung richtig und auch zeitgemäß, denn der obere Teil der Dettinger Straße werde jetzt viel besser in die Kirchheimer Fußgängerzone eingebunden.

Meinungen im Internet

Im Internet erhitzten sich die Gemüter beim Thema Fußgängerüberweg. Hier sind die Stimmen kritischer und wesentlich emotionaler als bei der zufälligen Befragung des Teckboten vor Ort, die naturgemäß nur Fußgänger berücksichtigen konnte. Manche User sprechen von einer „Fehlentscheidung“ und sehen einen Beweis für die Autofahrerfeindlichkeit Kirchheims. Andere erkennen einfach keine Notwendigkeit für einen Zebrastreifen. Wieder andere räumen aber auch ein, „nur positive Stimmen“ zu hören.ist