Lokales

Hagel – der eiskalte Schnitter

Ernteausfälle um die Teck bei Getreide und Raps bis zu 95 Prozent – Schätzung: über zehn Millionen Euro Flurschaden

Wo der Mähdrescher noch nicht unterwegs war, hat der Hagel zwischen Ötlingen und Boll das Korn „gedroschen“. Die Landwirte in dieser Region sprechen von einem 20- bis 80-prozentigen Ausfall beim Getreide, beim Raps bis zu 95 Prozent. Auf mindestens zehn Millionen Euro schätzt die Hagelversicherung den landwirtschaftlichen Schaden im Land.

Nach dem Mähdrescher kam der Hagel und nach den grafischen Mustern in den Feldern das eiskalte Chaos. Das kleine Foto zeigt den
Nach dem Mähdrescher kam der Hagel und nach den grafischen Mustern in den Feldern das eiskalte Chaos. Das kleine Foto zeigt den Versicherungs-Sachverständigen Elmar Weiß und einen Landwirt in einem verhagelten Maisfeld.Luftbild/Foto: Werner Feirer/VVaG

Kirchheim. Das Jahr 2013 wird als das Jahr der Extreme in die Geschichte eingehen. Extrem nicht nur politisch, sondern auch klimatisch. Einem langen Winter folgte hierzulande ein nasses Frühjahr, abgelöst von einem heißen, trockenen Sommerbeginn. Und dann schlug am Juli-Ende der Hagel zu. In der Teckregion vor allem zwischen Ötlingen und Lenningen sowie zwischen Neuffen und Boll. Wo der Mähdrescher zuvor noch nicht die Körner auf maschinelle, herkömmliche Weise aus den Ähren geholt hatte, droschen Tennisball große Hagelkörner sie zu Boden.

„Raps und Mais hat‘s am schlimmsten erwischt“, berichtet Siegfried Nägele aus Bissingen, einer der beiden Vorsitzenden des Kreisbauernverbandes. Bei Weizen und Sommergerste seien die Verluste nicht ganz so groß gewesen. Dagegen sei der Ausfall bei Dinkel und Hafer ebenfalls deutlich höher.

Das bestätigt Müllermeister Ulrich Sting von der gleichnamigen Jesinger Mühle. Er spricht von einem Ernteverlust beim Getreide, je nach Ort, zwischen 20 und 80 Prozent und bis zu 90 Prozent beim Raps.

Bei einem durchschnittlichen Ertrag pro Hektar von fünf bis sechs Tonnen Weizen, vernichtete der Hagel pro Hektar rund zwei Tonnen, konnte Sting feststellen. „Da unser Betrieb im Hagelstrich liegt, hatten wir deutlich weniger zu mahlen“, sagt der Müllermeister.

Obwohl die Getreidekörner durch die lange Trockenheit schnell abreiften, geht für den Müllermeister die Qualität in Ordnung. „Das Getreide ist mit den Extrembedingungen zurechtgekommen“, sagt er. Das habe sich in anderen Regionen Baden-Württembergs gezeigt, die nicht vom Hagel betroffen waren. „Die Ernte dort war gut“. In der Teckregion allerdings konnte nur das zur Mühle gefahren werden, was der eiskalte Schnitter stehen ließ.

Und das war nicht viel. Dem Owener Bioland-Bauer Andreas Gruel verhagelte es vor allem Dinkel und Emmer. „Unser Dinkel ist eine alte Schweizer Sorte mit dünnen Halmen“, erklärt Gruel. Doch auch Roggen und Weizen drosch der Hagel. Wobei der Bio-Landwirt, der Getreidefelder in Neuffen, Owen und Nabern hat, lokale Unterschiede registrierte. „In Nabern war‘s besonders schlimm, in Neuffen weniger“.

Mit der Roggenernte hatte Gruels Unterlenninger Bioland-Kollege Arnim Kächele Glück. „Der Roggen ist noch vor dem Hagel weggekommen“. Ansonsten vernichtete das Unwetter 15 bis 80 Prozent seines Getreides und 80 Prozent der Ackerbohnen. „Wir haben jetzt wesentlich weniger Futtergetreide,“ klagt er. Deshalb werden seine Kühe wohl den Gürtel im Winter enger schnallen müssen. „Wir sind ein Biobetrieb. Wir können nicht einfach zukaufen“. Doch auch ohne Hagel wäre die Ernte heuer für Kächele eher „unterdurchschnittlich“ geworden.

„Gerade war der Schätzer da“, berichtet Landwirt Hans Ederle vom Bissinger Helleshof. Je nach Reifegrad liegt der Ausfall beim Getreide auf seinen Feldern zwischen 43 und 58 Prozent. „Dinkel und Hafer hat es schlimmer erwischt als Weizen“, sagt Ederle. „Vom Raps hat es 95 Prozent ausgehagelt“. Jetzt, nach der Schadensaufnahme, wartet der Helles-Bauer, der schon vor Jahren eine Hagelversicherung abschloss, auf die Entschädigung.

Wie hoch der Schaden in den vom Unwetter betroffenen Gebieten in Baden-Württemberg ist, konnte der Pressesprecher des Landwirtschaftsministeriums nicht sagen. Er verwies stattdessen auf die Hagelversicherung. „Wir haben 2057 Schadensmeldungen aus der Landwirtschaft erhalten“, erklärte Karl Alois Berner von der Bezirksdirektion Stuttgart der Vereinigten Hagelversicherung VVaG. 673 allein aus dem Raum Göppingen, etwa 100 aus dem Gebiet des Landkreises Esslingen. Insgesamt schlug der Hagel auf einem 160 mal 40 Kilometer langen und breiten Korridor zu. Genau beziffern lässt sich laut Berner der Gesamtschaden noch nicht, aber er schätzt ihn auf mindestens zehn Millionen Euro.

Da hat Landwirt Michael Zimmermann aus Köngen, der Siegfried Nägele im Vorsitzenden-Duo des Kreisbauernverbandes ergänzt, gut lachen. Er benötigt keine Schadensregulierung. „Bei uns hat es keinen Hagel gegeben“, ist ihm die Erleichterung anzuhören. Die Getreideernte verlief normal. Die Körner seien zwar etwas kleiner ausgefallen, der Ertrag sei aber trotzdem ganz ordentlich gewesen. „Wenn die Hitzeperiode so nicht gekommen wäre, hätten wir ein Spitzenjahr gehabt“, sagt Zimmermann.

Hagelschaden - mit Sachverständiger Aktenführer Elmar Weiß
Hagelschaden - mit Sachverständiger Aktenführer Elmar Weiß
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