Lokales

Hagel ist gefährlich, die Ukraine nicht

Kreisbauerntag in Dettingen – Bewegt sich der Landkreis beim Hagelflieger?

Wenn die Ukraine in der Presse ist, geht es kaum um deren Landwirtschaft. Anders beim Kreisbauerntag in Dettingen. Im Gegensatz zu manchen aktuellen Reportern, die in Kiew kaum ihr Hotel verlassen, wusste der Nürtinger Professor Heinrich Schüle, wovon er sprach. Er arbeitete fünf Jahre im Land.

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Dettingen. „Ist das Wetter schuld, dass die Erträge in der Ukraine weit geringer sind als bei uns?“ Heinrich Schüle, der in der Ukraine ein deutsches Agrarzentrum aufgebaut hat, hat nachgerechnet. Nein, das Klima würde rund die vierfachen Erträge erlauben als jetzt. Von den Kosten her sind die Ukrainer ebenfalls im Vorteil. Der Stundenlohn liegt bei ein bis zwei Euro, Diesel und Dünger sind rund zehn Prozent billiger.

Woran liegt es also, dass der Abstand zum Westen sogar steigt? Unter anderem an den schlechten politischen Bedingungen. Es gibt Korruption auf allen Ebenen. Rechtsvorschriften sind oft nicht nachzuvollziehen und eher zum Abkassieren gedacht. Land darf nicht verkauft werden, eine öffentliche Förderung der Landwirtschaft fehlt. Ein weiterer Grund ist der Kapitalmangel. „Die Zinsen sind zwar gesunken, liegen aber noch immer bei rund 18 Prozent. Nur die ganz großen Agrarholdings, die zum Teil börsennotiert sind, können sich im Westen günstig finanzieren.“

Woran es ebenfalls mangelt, sind gut ausgebildete Betriebs- und Produktionsleiter. Schüle schätzt den Bedarf auf mindestens 10 000. Die Lehrpläne sind völlig veraltet. In der Schule werden noch Zeichnungen alter russischer Traktoren besprochen, auf dem Acker hat es der Jungbauer mit einem neuen John Deere zu tun. Moderne Fortbildungseinrichtungen fehlen. Im Ausland lernen? Dazu fehlen meist Mobilität und Sprachkenntnisse.

Muss Deutschland Angst haben, falls sich die Erträge in der Ukraine verbessern? Nein. Zum einen, so Schüle, habe Deutschland einen gewaltigen Handelsbilanzüberschuss gegenüber der Ukraine. Zum andern würde die steigende Nachfrage auf dem Weltmarkt eine ukrainische Mehrproduktion sofort aufsaugen. Außerdem sei die Ukraine für Deutschland ein sehr interessanter Kunde, etwa für Landtechnik oder Saatgut. „Die Landwirtschaft in der Ukraine ist für Deutschland eher eine Chance als eine Gefahr.“

Eine Gefahr, die den Bauern im Landkreis viel näher ist, ist der Hagel. Auf ihn ging Siegfried Nägele, einer der beiden Vorsitzenden des Kreisbauernverbands, ein. „In fünf Minuten war im Vorjahr ein großer Teil der Jahresernte hin, dazu die Schäden an den Gebäuden.“ Vom Hagelflieger überflogene Gebiete hätten weit geringere Schäden gehabt. Nägele bat den Landkreis um Hilfe.

Der Erste Landesbeamte Matthias Berg zeigte Bewegung. Bisher habe sich der Kreis an der Finanzierung nicht beteiligt, „weil es keine wissenschaftlich harte Bewertung gab“. Nun habe es zwei fast identische Wetterfronten gegeben. „Die eine wurde vom Hagelflieger überflogen, es gab kleine Körner. Die andere nicht, dort fielen Tennisbälle. Das hat uns zum Nachdenken gebracht.“

Eine weitere Sorge von Nägele ist der noch immer nicht gestoppte Flächenverbrauch. „In den vergangenen 20 Jahren wurden in Deutschland 792 000 Hektar versiegelt, das ist ein Viertel der Fläche von Baden-Württemberg.“ Ein Nullverbrauch gehe nicht oder noch nicht. Aber das Ziel sei ein „so wenig wie möglich“, etwa durch flächensparendes Bauen.

Am Flächenfraß seien nicht die Kommunen schuld, sagte Dettingens Bürgermeister Rainer Haußmann. „Es gibt den Straßenbau, den ICE, Ausgleichsmaßnahmen und den Hochwasserschutz.“ Dettingen verfolge seit 15 Jahren die Innenentwicklung. Er sei gegen sogenannte Donutdörfer: „Die Mitte stirbt, alle wollen am Rand wohnen.“

Wieder in der hessischen Heimat wohnen und arbeiten will Florian Dangel, Geschäftsführer des Kreisbauernverbands. Daher wird er seine Stelle nach sechs Jahren im März aufgeben, über eine Nachfolge wird in Kürze entschieden. Erheblich länger bei ihrer Aufgabe geblieben sind einige Ortsobmänner, die der Kreisbauernverband ehrte. Am längsten übt Fridolin Ehrler aus Wernau das Ehrenamt aus: seit 50 Jahren. Ebenfalls geehrt wurden die 40 Betriebe, die 2013 an der Aktion „Gläserne Produktion“ teilgenommen hatten.