Lokales

Hagelflieger geht umsonst in die Luft

Dritte Maschine am Flughafen soll auch Landkreis Esslingen schützen – WGV-Versicherung zahlt

Ob man an die Wirksamkeit der Hagelabwehr glaubt oder nicht, spielt keine Rolle, wenn man ihn umsonst bekommt. Deshalb diskutierte der Kreistags-Ausschuss für Technik und Umwelt gestern nicht lange über den Antrag der CDU. Die WGV-Versicherung übernimmt für fünf Jahre die Kosten eines dritten Hagelfliegers am Landesflughafen, der auch den gesamten Kreis Esslingen schützen soll.

An der Tragfläche eines Hagelfliegers ist ein Silberjodid-Generator angebracht. An den Jodid-Teilchen kristallisieren kleinere H
An der Tragfläche eines Hagelfliegers ist ein Silberjodid-Generator angebracht. An den Jodid-Teilchen kristallisieren kleinere Hagelkörner.Foto: Jean-Luc Jacques

Kreis Esslingen. Eigentlich wollte die CDU nur informiert werden und diskutieren, ob es nach den Erfahrungen des Hagelunwetters vom Juli 2013 sinnvoll sei, dass sich der Kreis Esslingen irgendwie an der Hagelabwehr beteiligen sollte. Dieses Unwetter hatte entlang der Schwäbischen Alb einen Schaden von 1,2 Milliarden Euro verursacht. Der Kreis Reutlingen unterstützt deshalb den neuen privaten Hagelfliegerverein mit einem einmaligen Zuschuss. Die Esslinger Kreisverwaltung war bislang noch nicht geneigt, in die Finanzierung einzusteigen. CDU-Sprecher Peter Nester: „Wir wollten aber nicht warten, bis es wieder hagelt – jetzt hat es sich wunderbar gefügt.“

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Tatsächlich war die Kreisverwaltung gerade dabei, die Vorlage für den Ausschuss zu schreiben, als eine Nachfrage beim Vorstandsvorsitzenden der WGV, Hans-Joachim Haug, ergab, dass die Versicherung einen weiteren Hagelflieger finanzieren will. 135 000 Euro hat sie dafür jährlich veranschlagt. Das Flugzeug soll sein Silberjodid über den Landkreisen Göppingen, Ludwigsburg und Esslingen versprühen, also jenen Gebieten, die bisher nicht beflogen wurden. Diese Entscheidung sei gefallen, obwohl auch der WGV kein wissenschaftlicher Nachweis vorliege. Die WGV hatte jedoch für das Unwetter im Juli 2013 rund 260 Millionen Euro ausbezahlt. Sie geht davon aus, dass so ein Unwetter aufgrund der Klimaänderung kein einmaliges Ereignis gewesen ist.

Hinweise für die Wirksamkeit der Hagelabwehr gibt es, Beweise keine. Es gibt keine zwei identischen Gewitterwolken, die man vergleichen könnte: eine mit Silberjodid besprüht, die andere nicht. In Modellversuchen konnte jedoch nachgewiesen werden, dass die Größe der Hagelkörner nach Beschuss abnimmt.

Die Hagelabwehr beruht darauf, dass die Flieger zusätzliche Partikel (Silberjodid) in die Gewitterwolke bringen. Dadurch kann sich der Wasserdampf in dieser Aufwindzone an mehr Partikeln anlagern, wodurch mehr, aber kleinere Körner entstehen. Im günstigsten Fall schmelzen diese auf ihrem Weg zum Boden und kommen als dicke Tropfen an.

Wissenschaftler kommen aber zu unterschiedlichen Ergebnissen. In der Region Stuttgart, wo der Rems-Murr-Kreis seit Längerem auf die Abwehr setzt, wurde der Fliegereinsatz zwischen 2007 und 2012 wissenschaftlich beobachtet. Man kam zum Schluss, dass „großflächiges Impfen gewitterträchtiger Wolken zu einer Minderung der Hagelentwicklung“ führen kann. Untersuchungen in Österreich und in den USA führten zu ähnlichen Schlüssen. Andererseits hat man im Schwarzwald-Baar-Kreis, wo seit 2010 geflogen wird, in den letzten vier Jahren deutlich mehr Schadensmeldungen erhalten als in den vier Jahren zuvor. Die Landesregierung lehnt mangels klarer Beweise eine regelmäßige Förderung von Hagelfliegern ab.

„Man kann sich wunderbar drüber streiten“, sagte Esslingens Bürgermeister Wilfried Wallbrecht gestern im Ausschuss. Er sei dankbar, dass die Frage nun so gelöst werde. In dieser gelösten Stimmung fiel Landrat Heinz Eininger noch ein passender Bauernspruch ein: „Eine Feuerversicherung braucht man, eine Hagelversicherung nicht, weil man kann’s nicht hageln lassen.“