Lokales

Heimat mal zwei

Sevim Ümit ist in der Türkei geboren, fühlt sich aber in Kirchheim zu Hause

Kirchheim. Der Platz mit der großen roten Lokomotive ist für Sevim Ümit ein besonderer Ort. Nicht weil die 36-Jährige Züge so gerne mag, sondern weil hinter der Lok die Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule liegt,an der sie Abitur gemacht hat. Für eine junge türkische Frau, deren Vater als Gastarbeiter in dieses Land gekommen ist, war das nicht selbstverständlich. Und auch heute ist es das noch nicht. Denn in kaum einem Land hängt der Bildungserfolg so stark vom Elternhaus ab wie in Deutschland.

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Sevim Ümit weiß das. Sie hat erlebt, wie es ist, wenn die Eltern gerne helfen würden, aber nicht können, weil sie der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Sie selbst hat sich hochgekämpft, von der Hauptschule über die mittlere Reife bis zum Abitur, mithilfe von Lehrern, die ihr Potenzial erkannten. „Ich wollte das unbedingt schaffen“, erinnert sie sich. Heute unterstützt die 36-Jährige ihre eigenen Kinder, ihre älteste Tochter Dilara kommt nach den Sommerferien aufs Ludwig-Uhland-Gymnasium. Und sie macht anderen Eltern Mut. „Ich bin ein gutes Beispiel dafür, dass man nicht verzweifeln muss, wenn es mit dem Gymnasium nicht gleich klappt“, sagt Sevim Ümit.

Das Thema Bildung liegt der jungen Mutter sehr am Herzen. „Nur wer gebildet ist, kann sich erklären, kann sich äußern“, sagt sie. Und wer sich nicht äußern könne, dem bleibe die Teilhabe an der Gesellschaft verwehrt. Deshalb sind Schule und Bildung für Sevim Ümit die Schlüssel zur Integration. Wenn man nicht miteinander sprechen könne, lebten die Menschen aus verschiedenen Kulturen nur nebeneinander her. „Für mich ist das Miteinander mit den verschiedensten Menschen wichtig“, sagt sie.

Sevim Ümit war vier Jahre alt, als sie und ihre Mutter dem Vater nach Deutschland folgten. Ihre drei jüngeren Geschwister sind in Deutschland geboren. Die Türkei bezeichnet sie als ihre Heimat, Kirchheim ist die „zweite Heimat“. „Ich fühle mich fast wie eine Gebürtige“, sagt die junge Frau, die die deutsche Staatsangehörigkeit hat. Ihre eigene Kultur ist ihr dennoch wichtig. Sevim Ümit lebt ihre Religion, trägt Kopftuch, besucht regelmäßig die Moschee in der Lohmühlgasse. Ihrer großen Tochter liest sie türkische und deutsche Bücher vor, spricht beide Sprachen mit ihr. Aber mit ihrem kleinen Sohn, der zweieinhalb Jahre alt ist, spricht sie zu Hause nur türkisch. „Wissenschaftler sagen, dass die Kinder ihre Muttersprache als Basis brauchen“, sagt Sevim Ümit. Die zweite Sprache lernten die Kinder dann spielend.

Sevim Ümit spielt in ihrem Leben viele Rollen. Sie ist zum einen nicht nur Ehefrau und dreifache Mutter, sondern auch soziale Anlaufstelle für Menschen, die unter anderem bei Schulfragen ihren Rat suchen. Sie hilft bei der Organisation des deutsch-türkischen Frauentreffs, der von der Familien-Bildungsstätte und dem türkisch-islamischen Kulturverein getragen wird, mit. Bei „klein anfangen“, einem Sprachkurs für Frauen aus aller Welt, hat sie Deutsch unterrichtet und in der Konrad-Widerholt-Grundschule leitete sie eine Zeit lang die Hausaufgabenbetreuung. „Ich kann nicht den ganzen Tag zu Hause sitzen und auf die Kinder aufpassen“, sagt sie. Glücklicherweise stehe ihr Mann hinter ihr. „Hinter einer starken Frau steht immer ein starker Mann“, sagt Sevim Ümit und lacht. Ihr Traum ist es, Sozialpädagogik zu studieren, wenn sie irgendwann die Zeit findet.

Sevim Ümit fühlt sich pudelwohl in Deutschland. Was sie jedoch stört, ist, dass sie sich häufig für ihr Kopftuch rechtfertigen muss. Wer direkt fragt, dem erklärt sie, dass sie das Kopftuch aus freien Stücken trägt. Wer indirekt fragt, bekommt schon mal eine genervte Antwort. „Oft sagen die Leute ganz erstaunt: Sie sprechen ja sehr gut deutsch.“ – „Sie doch auch!“, erwidert sie dann. „Es ist schade, dass man so oft nach dem Äußeren beurteilt wird“, findet Sevim Ümit. Ihrer Meinung nach werden türkische Frauen häufig über einen Kamm geschoren. Den deutschen Medien, vor allem dem Fernsehen, gibt sie daran eine gewisse Mitschuld. „Es wird selten eine gebildete Frau gezeigt, die Kopftuch trägt.“

In die Türkei zurückzukehren, kann sich Sevim Ümit momentan nicht vorstellen. Ginge es nach ihrem Mann, der in der Türkei aufgewachsen ist und dort sein Abitur gemacht hat, säßen sie dagegen schon morgen auf gepackten Koffern. „Die Türkei ist ein aufstrebendes Land. Als Akademiker hat man dort gute Chancen“, sagt Sevim Ümit. Auf der anderen Seite würde die Familie dort ganz von vorne anfangen, denn: „In der Türkei sind wir die Deutschen.“