Lokales

Hilfe in alltäglichen Dingen

Dettingen hat als einzige Kommune im Kreis eine Familienbesucherin – Finanzierung ungewiss

Was soll ich tun, wenn mein ­Baby nicht schlafen will oder oft weint? Wo und wie finde ich Anschluss zu anderen jungen Müttern und Vätern? Und welche Betreuungsangebote gibt es in Dettingen? Solche und weitere Fragen beantwortet Inge Eichler, die in der Schlossberggemeinde als ­Familienbesucherin tätig ist.

Im Auftrag der Gemeinde Dettingen besucht Inge Eichler alle Familien mit neugeborenen Babys, die Interesse an dem Angebot haben.
Im Auftrag der Gemeinde Dettingen besucht Inge Eichler alle Familien mit neugeborenen Babys, die Interesse an dem Angebot haben.Foto: Jean-Luc Jacques

Dettingen. Inge Eichler aus Dettingen ist einmalig im Landkreis Esslingen – denn sie ist die einzige Familienbesucherin kreisweit. Die 38-Jährige besucht im Auftrag der Kommune alle Dettinger Familien mit neugeborenen Babys, die Inte­resse an dem Angebot haben. Dies sind durchschnittlich vier im Monat.

Entstanden war das Projekt Familienbesucher der Stiftung Kinderland Baden-Württemberg vor einigen Jahren, als immer mehr Missbrauchs- und Verwahrlosungsfälle im Land bekannt wurden. „Damals hat man festgestellt, dass diese Familien schlicht und ergreifend überfordert waren mit ihrer Situation“, erzählt Inge Eichler. Daraufhin wurden die Familienbesucher ins Leben gerufen. Sie sollen sich ganz bewusst nicht nur um die „schwierigen“ Fälle kümmern, sondern auf alle jungen Familien zugehen. „Dadurch wird Stigmatisierung vermieden“, erklärt die Dettingerin.

Die Mutter einer 13 Jahre alten Tochter unterstützt die Familien meist in ganz alltäglichen Dingen. So geht es in den Gesprächen um die neue Situation mit dem Baby und ob die Eltern gut damit zurechtkommen. Ist dies nicht der Fall, werde zusammen überlegt, „welche Ressourcen die Eltern ,anzapfen‘ können, um ihre Situation zu erleichtern“, erklärt Inge Eichler. Dabei komme oft auch das Familienzentrum im Alten Gemeindehaus, deren Leiterin die 38-Jährige ist, mit seinen zahlreichen Angeboten ins Spiel. Inge Eichler klärt die Eltern außerdem darüber auf, welche sonstigen Betreuungs- und Unterstützungsangebote es in Dettingen gibt und auch, wie die Zukunft der Kindergärten, der Grundschule und der Werkrealschule aussieht. Immer wieder würden die Eltern den Wunsch nach einer Leih-Oma äußern, erzählt Inge Eichler. Das Problem sei allerdings, dass sich bislang keine Dettinger Senioren bereit erklärt hätten, diese ehrenamtliche Aufgabe zu übernehmen.

Grundsätzlich sei es wichtig, „den Müttern und Vätern ein Gesicht zu zeigen, an das sie sich wenden können, falls sie je Schwierigkeiten in der Familie haben“, erklärt Inge Eichler. Die Hemmschwelle des Sozialen Dienstes sei sehr hoch, sodass sich viele Familien dort erst Hilfe holen, wenn es schon zu spät ist, ergänzt sie. Die Familienbesuche seien hingegen ein unkompliziertes, niederschwelliges und freiwilliges Angebot.

Ende 2011 hat Inge Eichler an der Universität Ulm eine Fortbildung zur Familienbesucherin absolviert, die von der Stiftung Kinderland Baden-Württemberg finanziert wurde. Seit Januar 2012 ist die diplomierte Krankenschwester und deutschsprachige Südafrikanerin, die seit elf Jahren in Dettingen lebt, für die Schlossberggemeinde im Einsatz.

Warum Dettingen als einzige Kommune im Kreis über eine Familienbesucherin verfügt, liegt für Inge Eichler auf der Hand: Dettingen sei eine sehr kinderreiche Kommune, in der zahlreiche junge, zugezogene Familien leben. „Viele davon haben keine Familienmitglieder vor Ort, die sie unterstützen könnten“, weiß Inge Eichler. Auch zu den anderen Dettingern hätten sie häufig keinen Kontakt. „Tagsüber sind sie beim Arbeiten. Überspitzt gesagt, sind sie nur zum Schlafen in Dettingen.“ Sei dann allerdings ein Baby auf der Welt, seien die Mütter plötzlich den ganzen Tag im Haus – vielen würde irgendwann die Decke auf den Kopf fallen. Deshalb geht es in den Gesprächen mit der Familienbesucherin oft auch darum, wo und wie die Eltern Kontakt zu anderen knüpfen können. Inge Eichler informiert sie dann zum Beispiel über das Vater-Kind-Frühstück und den Kaffeetreff im Familienzent­rum, über die Krabbelgruppen im Ort und das Projufa-Frühstück im neuen Gemeindehaus. „In Dettingen gibt es täglich von Montag bis Freitag ein Angebot“, sagt Inge Eichler.

Bisher hat die 38-Jährige 48 Familien besucht. Gerne würde sie ihre Arbeit im nächsten Jahr fortsetzen, allerdings ist ihre 25-Prozent-Stelle befristet und läuft zum Jahresende aus. Die evangelische Landeskirche, die den Löwenanteil der Kosten trägt, und die Gemeinde Dettingen, die das Projekt im Jahr mit 1 000 Euro bezuschusst, entscheiden in den nächsten Wochen über die Zukunft der Familienbesucherin. Sie selbst ist relativ zuversichtlich, zumal sie von beiden Seiten schon positive Signale erhalten hat.

 

Die Familienbesucherin Inge Eichler ist unter 0 70 21/97 22 72 82 oder 01 70/9 02 40 86 zu erreichen.

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