Lokales

Historisches unter der Teck

Eine alte, vor allem im Schwäbischen beliebte Pflanze ist nach Jahrzehnten der Abstinenz ins Lenninger Tal zurückgekehrt: die Linse. Zu verdanken ist dieser Umstand Bioland-Landwirt Andreas Gruel aus Owen.

Jahrzehntelang wurden in der Region rund um die Teck keine Linsen mehr angebaut. Andreas Gruel, Bioland-Landwirt aus Owen (Foto)
Jahrzehntelang wurden in der Region rund um die Teck keine Linsen mehr angebaut. Andreas Gruel, Bioland-Landwirt aus Owen (Foto), belebte die alte Tradition wieder und baute auf zwei Feldern in Dettingen und Owen die eiweißreiche Frucht an. Mit ausschlaggebend für die Entscheidung war eine seine Lieblingsspeisen: Linsen mit Spätzle. Fotos: Jean-Luc Jacques

Dettingen. Es ist ein unscheinbares Pflänzchen, die Lens culinaris, besser bekannt als Linse. Was als Schwäbisches Nationalgericht – Linsen mit Spätzla und Saitenwürstle – im Südwesten regelmäßig auf den Tisch kommt, suchte man auf den Äckern in Württemberg allerdings jahrzehntelang vergebens, denn die Linse verhält sich leicht divenhaft und fordert ihren Anbauer in vielerlei Hinsicht heraus. Zum einen braucht sie eine Stützfrucht, deren Rolle in der Regel der Hafer übernimmt. Zum andern ist sie unberechenbar was den Ertrag anbelangt – von Totalausfall bis respektable Mengen ist alles drin; konkret heißt das: zwischen zwei und zehn Doppelzentner pro Hektar. Deshalb ist Andreas Gruel neugierig auf das Resultat seines Experiments Linsenanbau. Ein Feld liegt in Dettingen entlang des Radwegs, wo ein großes Schild auf die kleine Pflanze hinweist, das andere befindet sich in Owen.

Braune, unscheinbare und vertrocknete Zweigbüschel liegen flach auf dem Boden. Andreas Gruel bückt sich, hebt eines auf und sagt strahlend: „Das sind die Linsen.“ Wer sich nicht auskennt, wäre versucht, von Unkraut zu reden. „Das ist ein historischer Tag heute. Ich wage die Behauptung, dass dies die ersten Linsen im Lenninger Tal sind, die mit dem Mähdrescher geerntet werden“, sagt Andreas Gruel und schwingt sich behende auf das große Gerät. Kaum ist die letzte Bahn des Felds gedroschen, klettert der Landwirt flugs zur Öffnung des Tanks und schaut sich seine Ernte an. Zum Vorschein kommt ein buntes Gemisch aus vielen gelben Haferkörnern, durchmischt mit dunkelgrün marmorierten Linsen, grünen Hülsenfrüchten und weißen Kalksteinchen. So recht einschätzen kann der Biobauer den Ertrag nicht, begeistert ist er aber auf jeden Fall – und selbstkritisch. „Ich hätte tiefer dreschen sollen, es liegen noch viele Linsen auf dem Acker“, bedauert er. Noch tiefer dreschen bedeutet jedoch noch mehr Steine in der Drusch. Der Hagel ist die Ursache für die im wahrsten Sinn des Worts am Boden liegenden Linsen. Er hat die kleinen Pflänzchen, deren Frucht hart wie Kieselsteine und nicht zu kauen ist, regelrecht vom Hafer „runtergehauen“. Die Saatmischung des Neu-Linsenanbauers betrug ein Drittel Hafer. „Mehr möchte ich nicht, sonst macht es keinen Sinn“, so Andreas Gruel.

Die Zeit drängt, das nächste Unwetter kündigt sich mit dunklen Wolken und Donnergrollen an und der zweite Acker will noch trocken gedroschen werden. Als auch der sicher im Tank ist, geht die Ausbeute als Anhängerfracht nach Lauterach zu Woldemar Mammel. Der Studienrat a. D. und Vollerwerbslandwirt hatte 1985 eine wahre Pioniertat vollbracht und den Linsenanbau wieder auf die Alb gebracht. Neben der Experimentierfreude bezüglich des Anbaus war auch echter Tüftlergeist gefragt, denn der ganze Ausputz des Tanks muss zunächst getrocknet und dann intensiv gereinigt werden. In einem ersten Arbeitsschritt werden Steinchen und andere unerwünschte „Zutaten“ entfernt sowie Hafer und Linsen getrennt. Den letzten Reinigungsschritt übernimmt der sogenannte Gewichtsausleser. Dieser ,König der Reinigungsmaschinen‘ sortiert nach spezifischem Gewicht Steinchen und auch leichtere Körner und Verunreinigungen aus, ist auf der Homepage der Alb-Leisa-Produzenten zu lesen. „Was aussortiert ist, wird bestes Schweinefutter, und das ist Vollwertnahrung für die Tiere“, sagt Andreas Gruel. Der Hafer liefert die Stärke, die Linse das Eiweiß. „Unsere Kühe würden das auch gern fressen, aber diese spezielle Futtermischung bekommen die Alblinsenschweine“, erklärt der Biolandwirt. Die gibt es seit Anfang dieses Jahres und die Idee dazu hatten fünf Bio-Landwirte, Biosphärengastgeber, eine Albmetzgerei und die Öko-Erzeugergemeinschaft „Alb-Leisa“.

Andreas Gruel musste sich einige Tage gedulden, bis er erfuhr, wie viel er tatsächlich von seinen zwei Äckern ernten konnte – es waren 1000 Kilogramm Hafer und 800 Kilogramm Linsen der Sorte Späth‘sche Alblinse, dunkelgrün marmoriert.

Die Geschichte dieser Pflanzensorte liest sich wie ein Krimi der besonderen Art. Diplomlandwirt Fritz Späth experimentierte auf seinem Saatzuchtbetrieb bei Haigerloch in den letzten Kriegsjahren auch mit Linsen. Zu dieser Zeit war er einer der erfolgreichsten Hülsenfruchtzüchter, insbesondere was Erbsen anbelangt. Das Ergebnis seiner jahrelangen Auslese waren die Sorten „Späths Alblinse I (groß) und II (klein)“. Außerdem züchtete noch die größere Sorte „Späths Hellerlinse“. In den Handel kamen die Linsen nach dem Zweiten Weltkrieg und erstmals vermeldet wurde „Späths Alblinse I“ 1957 im westdeutschen Bundessortenregister. Doch zu die- ser Zeit bestand bei deutschen Landwirten kaum noch Interesse am aufwendigen Linsenanbau. Das Schicksal dieser jungen Züchtung schien besiegelt. Rettung nahte ausgerechnete vom damaligen sowjetischen Klassenfeind – was zum damaligen Zeitpunkt niemand ahnen konnte: Die Wawilow Saatgutbank in Sankt Petersburg nahm 1963 und 1965 die drei Samensorten in ihre Sammlung auf. Im Jahr darauf wurde die Alblinse I im Bundessortenregister gelöscht, denn niemand baute diese Hülsenfrüchte auf bundesdeutschem Boden mehr an.

Jahrelang suchte Woldemar Mammel vergeblich nach Restbeständen dieser Züchtung. 2001 kam er zu dem Schluss, dass Alblinse I und II ausgestorben sind, denn weder beim Saatzuchtbetrieb Späth noch bei der Deutschen Genbank in Gatersleben wurde er fündig. Damit wollte sich aber der „Nutzpflanzendetektiv“ Klaus Lang aus Wolfegg nicht abfinden und wurde im April 2006 bei der Genbank in Sankt Petersburg fündig, weil er sich unter anderem von einem Schreibfehler – Späths Alpenlinse – nicht in die Irre führen ließ. Im Oktober desselben Jahres erhielt er zwei Tütchen mit rund 350 Samenkörnern aus der einstigen russischen Hauptstadt. Nahezu zeitgleich fand der „Linsensucher“ Klaus Amler in der Internetdatenbank bei eben jenem Wawilow-Institut auch die Alb­linsen.

Dies führte zu der Idee, mit zehn Linsenanbauern von der Alb im Dezember 2007 nach Sankt Petersburg zu reisen. Dort werden etwa 340 000 verschiedene Pflanzensamen aufbewahrt, unter anderem auch etwa 3 000 Linsenarten verschiedener Herkünfte. Alle fünf bis sechs Jahre werden sie ausgesät, um sie keimfähig zu halten. Von dort brachten die Schwaben nochmals zwei Tütchen Saatgut mit – ein Geschenk. Der einstige Institutsdirektor, Nicolai Wawilow, sammelte auf der ganzen Welt Saatgut, damit diese Samen wieder umsonst der Welt zurückgegeben werden können. Diese selbstlose und weitblickende Idee sorgte im Falle der Alb-Leisa-Bauern für einen glücklichen Ausgang ihres großen Ziels.

Die erste Aussaat war zum Zeitpunkt der Russlandreise schon geglückt, fast alle Samen hatten gekeimt. Im Frühjahr 2010 konnten die Landwirte auf der Alb dank Saatgutvermehrung fünf Hektar Späths Alblinse aussäen, im Jahr darauf waren es schon 34 Hektar. Diese Ernte kam dann erstmals in den Handel.

Nun gibt es die Alblinse auch aus dem Lenninger Tal. „Ich esse selbst unheimlich gerne Linsen mit Spätzle und Saiten. Es hat mich gereizt, mal wieder was Neues anzubauen. Wir waren die ersten, die rund um die Teck Dinkel angebaut haben, dann war es der Emmer und jetzt die Linsen“, sagt Andreas Gruel und freut sich, seine eigenen Linsen im Hofladen anbieten zu können.

 

Nachzulesen ist der Linsen-Krimi im Buch „Alb-Leisa – Linsen von der Schwäbischen Alb“ von Thomas Stephan und Woldemar Mammel. Dort finden sich noch weitere spannende Geschichten und Rezepte. Eines davon ist der

 

Linsen-Walnuss-Salat:

 

250 Gramm getrocknete Alb-Leisa, gekocht und abgetropft

50 Gramm Walnüsse, gehackt

eine Knoblauchzehe, zerdrückt

ein Bund Frühlingszwiebeln, geputzt und gehackt

eine Portion Walnussvinaigrette, bestehend aus einem Teelöffel Salz, zwei Teelöffel Balsamico, drei Esslöffel Oliven- oder Walnussöl

Salz

frisch gemahlener Schwarzer Pfeffer

zum Garnieren ein bis zwei Esslöffel gehackte Petersilie

Die Linsen mit Walnüssen, Knoblauch, Zwiebeln und Vinaigrette in eine Schüssel geben. Alles gut mischen, mit Salz und Pfeffer würzen und zum Marinieren einige Stunden stehen lassen. Den Salat in eine Servierschüssel geben und bis zur Verwendung kalt stellen. Kurz vor dem Servieren mit gehackter Petersilie garnieren.

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