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Hochzeit mit ausgestopften Schuhen

Am heutigen Montag feiert der gebürtige Neidlinger Georg Pflüger in Weilheim seinen 100. Geburtstag

Bis vor Kurzem noch ein gewohntes Bild: Georg Pflüger mit Mundharmonika. Heute feiert der Neidlinger seinen 100. Geburtstag.Foto
Bis vor Kurzem noch ein gewohntes Bild: Georg Pflüger mit Mundharmonika. Heute feiert der Neidlinger seinen 100. Geburtstag.Foto: Fritz Pflüger

Neidlingen/Weilheim. Vor genau 100 Jahren, am 5. Januar 1915, wurde Georg Pflüger geboren. Bis ins Alter von 98 Jahren lebte er in seinem

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Haus in Neidlingen, erst dann zog er ins Weilheimer DRK-Seniorenzentrum Haus Kalixtenberg. Nie hätte er gedacht, einmal so alt zu werden. „Ich bin zufrieden“, ist ein typischer Satz von ihm. „Wer nicht zufrieden ist, wird keine 100 Jahre alt“, sagt Georg Pflügers Sohn Fritz. Ihm und dessen Schwester Liesel Scheel verdankt Georg Pflüger vier Enkel und diesen wiederum fünf Urenkel, lauter Jungs. Er selbst hat zwei jüngere Brüder und eine jüngere Schwester, alle leben noch.

Etwa zehn Jahre lang pflegte Georg Pflüger seine Frau Charlotte, die zuletzt bettlägerig und halbseitig gelähmt war, wich nicht von ihrer Seite, nicht einmal für eine Geburtstagsfeier. Sein Gedicht – er schrieb zu jeder Familienfeier eins und hatte stets Zettel und Stift auf dem Nachttisch – wurde in Abwesenheit verlesen. Nach dem Tod seiner Frau im Jahr 2007 konnte er wieder mehr hinaus, auch mal ein Schwätzchen halten, und freute sich darüber. Seinen Heimatort Neidlingen verließ er aus Vorsicht nicht: „Wenn ich hinfalle, findet mich sonst niemand.“ Aber er hatte dennoch den Ehrgeiz, den Miniweinberg des Sohnes mit dem Stock alleine hoch- und außen herum auch wieder hinunterzukommen.

Was waren das noch für Schulzeiten: Die untersten drei Klassen wurden gemeinsam unterrichtet, die oberen vier ebenfalls. Oberlehrer Büchler habe „mit schlagendem Beweis“ unterrichtet, sagt Pflüger – wie habe er auch sonst mit mehr als 50 Kindern klarkommen sollen? Die Sitzordnung war damals so, dass die Gescheitesten vorne sitzen durften. Georg Pflüger saß stets vorn. Er konnte sich Dinge gut merken. Wenn nun im Alter das Augenlicht nicht mehr so recht mitmacht, ist es ein Schatz, dass er viele Gesangbuchlieder auswendig kann. Lange Zeit hat er im Posaunenchor den Hochbass geblasen.

Kochen war damals kein Schulfach, die Küche später das alleinige Refugium seiner Frau. Als sie nicht mehr konnte, leitete sie ihren Mann vom Sofa aus an, er lernte es und konnte auch sehr gutes Brot backen.

Beruflich hat er, der als ältester Bauernsohn in Neidlingen geboren wurde, Landwirt gelernt. Den väterlichen Hof überließ er dem Zweitältesten, übernahm die Landwirtschaft im mütterlichen Haus. Weil sie zu wenig abwarf, arbeitete er zusätzlich im Winter im Wald als Holzmacher und später 14 Jahre lang „beim Stoll“, der heutigen Firma Festool. Dort kam ihm sein ausgeprägtes technisches Verständnis zugute. Viele neue „Gastarbeiterinnen“, die sich damals in die deutschen Gepflogenheiten und den Akkord einfinden mussten, freuten sich über seine Unterstützung – von den Herren mit der Stoppuhr nicht immer mit Wohlwollen beobachtet. Entsprechend groß war Georg Pflügers Geschenkkorb zu Weihnachten.

Würde er seine Freundin nach dem Krieg heiraten können? Georg Pflüger wusste es nicht. Einmal verfehlte der Bombentreffer seinen Lastwagen nur ganz knapp, später kam er mit dem letzten Schiff von der Krim weg. Krank und halb verhungert kehrte er im Dezember 1947 aus russischer Kriegsgefangenschaft heim. Im April 1948, in noch armen Zeiten, wurde in der Kirche und im Neidlinger Lamm Hochzeit gefeiert. Das Brautkleid war geliehen, die ebenfalls geliehenen Brautschuhe zwei Nummern zu groß und deshalb mit dem Teckboten ausgestopft. Nur der Schleier war eigen, die Möbel wurden mit Butter und Eiern bezahlt.

Da Georg Pflüger seit Kurzem bettlägerig ist, wird heute in seinem Zimmer im Haus Kalixtenberg gefeiert. Zu den Besuchern, die sich angekündigt haben, gehören mit Johannes Züfle und Klaus Däschler gleich zwei Bürgermeister. Däschler kennt Pflüger gut als Nachbarn.

In seinem Urteil, erzählt Fritz Pflüger, habe seine Vater immer recht gehabt. Wenn er etwas nicht so gut fand, was er hörte, habe er den Erzählenden gerne gefragt: „Hast du dir das gut überlegt?“ Der tat dann gut daran, das spätestens jetzt nochmals gründlich zu tun.