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Keine Scheu vor Tabu-ThemenInfo

Leitung der Kirchheimer Pro Familia-Beratungsstelle wechselt: Auf Dr. Brigitte Schmitt folgt Andrea Reicherzer

25 Jahre hat Dr. Brigitte Schmitt die Pro Familia-Beratungsstelle geleitet. – Ein Vierteljahrhundert, in dem sich die Gesellschaft dramatisch verändert hat. Jetzt übernimmt Andrea Reicherzer das Ruder. Kontinuität ist damit garantiert, denn sie zählte bisher schon zum Team.

Kirchheim. „Die Arbeit wird fortgeführt von jemandem, der die Einrichtung bestens kennt“, freut sich der Erste Vorsitzende, Professor Jost Bauer. Die Diplom-Sozialarbeiterin Andrea Reicherzer arbeitet seit vielen Jahren mit Brigitte Schmitt sowie der Diplom-Sozialpädagogin Christel Walker und dem Diplom-Psychologen Joachim Elger in der Beratungsstelle zusammen. Der Erstkontakt läuft über Christine Fischer.

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Der Abschied von Brigitte Schmitt bedeutet keine völlige Neuorientierung der Beratungsstelle, aber eine Verschiebung der Schwerpunkte. Als Ärztin war sie erste Ansprechpartnerin in medizinischen Fragen. Doch das Beratungsangebot umfasst ein breites Spektrum, das die unterschiedlichen Lebensweisen, soziale Lebenslagen und verschiedenen Altersgruppen berücksichtigt.

Ursprünglich stand die Schwangerschaftskonfliktberatung im Mittelpunkt. Pro Familia war längst nicht in allen Gesellschaftskreisen gern gesehen. Brigitte Schmitt erinnert sich, wie sie ihre Freundinnen bat, in ihrem Heimatdorf niemandem von ihrer Arbeit zu erzählen. In den 70er- Jahren prägten sozialpolitische Kämpfe um ein freies Frauenbild die Gesellschaft. Heute dagegen sind Aktionen wie „Ob Kinder oder keine, entscheiden wir alleine“ Geschichte. In den Beratungsstellen geht es um komplexe psychosoziale und finanzielle Hilfen. Das Thema Geld erhält immer größere Brisanz: „Das Armutsrisiko Familie steht im Vordergrund“, sagt Professor Bauer. Zunehmend könnten Familien mit einem Einkommen ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten. Bei Pro Familia wird versucht, jungen Müttern eine ökonomische Perspektive zu verschaffen. Hier bieten sich auch Kooperationen an, etwa mit dem Projekt „MiA“ (Mütter in Ausbildung), das durch die Teckboten-Weihnachtsaktion unterstützt wird.

„Frühe Hilfen“ nennen die Fachleute die Unterstützung der Schwangeren von Anfang an. Was alle im Team betroffen macht, ist die Erkenntnis, dass junge Frauen und Paare oft wenig positive Reaktionen auf eine Schwangerschaft erleben. „Die Schwangerschaft wird als Risikofaktor fürs Leben empfunden“, bedauert Schmitt. Bauer ergänzt: „Darauf reagieren wir, denn wie sind gemäß unserem Namen ‚pro familia‘ dem Leitbild der Familie verpflichtet.

Dazu gehört auch der große Komplex der Paarberatungen. Joachim Elgert berichtet von vielen ratsuchenden Paaren, die oft zehn oder mehr Beratungstermine benötigen. Meist spielen Kommunikationsprobleme zwischen den Partnern eine Rolle. Auch Patchworkfamilien wenden sich nicht selten an Pro Familia. „Oft wäre es besser, die Paare würden früher kommen“, bedauert der Fachmann.

Frühzeitig Hilfe sucht man nur dann, wenn keine Schwellenangst besteht. Deshalb versucht Pro Familia, möglichst viele junge Leute schon über die Schule zu erreichen. „Diesen Bereich würden wir gern ausbauen, doch dazu benötigen wir Verstärkung“, macht Andrea Reicherzer klar. „Für Lehrer ist es sehr hilfreich, beim Tabu-Thema Sexualität externe Autoritäten hinzuziehen zu können“, ergänzt Professor Bauer. Die Themen reichen weit über Verhütungsinformationen hinaus. Es geht um Sexualität im Allgemeinen, um das erste Verliebtsein und vieles mehr. Hier knüpft auch das Präventionsstück „Maria“ an, das bei den Kirchheimer Kinder- und Jugendtheatertagen aufgeführt wird. „Im Anschluss kommen wir sehr intensiv mit den Schülern ins Gespräch“, zieht Christel Walker positive Bilanz.

Junge Leute nutzen auch gern die Internetberatung, die unter www.sextra.de zu erreichen ist. „Im Gegensatz zu facebook sorgen wir uns ganz extrem um Datensicherheit“, versichert Jost Bauer. Im Schutz der Anonymität traut sich manch einer, sehr persönliche Probleme darzulegen.

Ziemlich modern mutet das Angebot „EPB“ an, das für „Entwicklungspsychologische Beratung“ steht. Andrea Reicherzer filmt Familienszenen, die dann gemeinsam besprochen werden. „Das fördert die Selbsterkenntnis“, betont Reicherzer und verweist auf den wichtigen präventiven Charakter der Maßnahme, für die die Bürgerstiftung das technische Equipment stiftete. „Das, was man früher mal Mutterinstinkt nannte, ist heute oft nicht mehr anzutreffen“, ergänzt Brigitte Schmitt. Mütter sind vielfach auf sich gestellt und von ihrer Situation überfordert, aber auch vom Kind. „Das Baby verstehen“ heißt deshalb ein weiteres Gruppenangebot der Kirchheimer Beratungsstelle.

Wenn auch Pro Familia längst nicht mehr am Pranger steht wegen seiner damals so umstrittenen Beratung, so hat sich doch nichts daran geändert, dass man in der Beratungsstelle keine Scheu vor Tabu-Themen hat. Dazu gehört zum Beispiel der Schutz von Partnerschaften behinderter Menschen. „Sexualität ist ein Gut, auf das alle ein Anrecht haben“, betont Jost Bauer überzeugt.

INFO

Pro Familia in Kirchheim in der Wellingstraße 8 ist unter der Nummer 0 70 21/36 97 und der E-Mail-Adresse kirchheim@profamlia.de zu erreichen. In Nürtingen betreibt die Kirchheimer Einrichtung eine Außenstelle in der Kirchstraße 17, die immer mittwochs von 14 bis 17 Uhr besetzt ist. Der Kontakt kann über die Kirchheimer Daten hergestellt werden.