Lokales

Kirchheim setzt auf das Gespräch

„Nachtwanderer“ als Ansprechpartner von Jugendlichen und Anwohnern in der Innenstadt

In Kirchheim soll es ab Mai erstmals „Nachtwanderer“ geben. Mit einer herkömmlichen Nachtwanderung hat deren Tätigkeit aber nichts tun. Die Nachtwanderer bieten sich als Ansprechpartner an – für jugendliche Nachtschwärmer in der Innenstadt ebenso wie für Anwohner.

Max-Eyth-Stasse bei Nacht - Rathaus - Kornhaus - Spital
Max-Eyth-Stasse bei Nacht - Rathaus - Kornhaus - Spital

Andreas Volz

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Kirchheim. Ausgangspunkt dafür, die Aktion „Nachtwanderer“ zu starten, waren viele Diskussionen über die Nutzung der Innenstadt. Gerade im Sommer und gerade an Wochenenden gibt es große Konflikte. Lärm ist der eine Streitpunkt. Der andere Punkt beginnt bei Hinterlassenschaften wie Verpackungsmüll und Glasscherben und endet bei handfesten Sachbeschädigungen, die gerne unter dem Begriff „Vandalismus“ zusammengefasst werden.

Nun wäre es sicher falsch zu glauben, dass alle diese Konflikte beigelegt wären, sobald die Nachtwanderer ihre Arbeit aufgenommen haben. Einerseits können die Nachtwanderer nämlich nicht überall sein, und andererseits sind sie auch nicht die ganze Nacht über unterwegs. Drittens – und das ist ganz besonders wichtig – haben sie auch nicht die Funktion von Polizisten oder anderen Ordnungshütern. Sie können keine Verbote aussprechen und keine Sanktionen verhängen.

Ihre Aufgabe ist es vielmehr, deeskalierend zu wirken. Das heißt, dass sie mit den Nachtschwärmern ins Gespräch kommen und so vielleicht schon im Vorfeld Schlimmeres verhindern können. Eine harmlose Streitigkeit muss dann eben nicht in eine Prügelei ausarten, und vielleicht lässt sich auch mancher davon überzeugen, seinen Müll nicht einfach irgendwo fallen zu lassen, sondern ihn zu einem Mülleimer zu tragen.

Die Nachtwanderer sind aber nicht nur von der Polizei abzugrenzen. Auch professionelle Sozialarbeit zählt nicht zu ihren Aufgaben. Und dem Vandalismus, der eher später in der Nacht in Erscheinung tritt, möchte die Stadt Kirchheim durch einen privaten Wachtdienst Einhalt gebieten. Auch das hat also mit den Nachtwanderern nichts zu tun.

Nachtwanderer sind ehrenamtlich tätige Bürger, die eben tatsächlich für Gespräche zur Verfügung stehen – wie eine Vertrauensperson in der Familie oder in der Nachbarschaft. Wer sich in der Freizeit in der Innenstadt aufhält, soll die Nachtwanderer kennen und ihnen begegnen. Aus ersten flüchtigen Gesprächen kann sich dann im Lauf der Zeit auch das nötige Vertrauensverhältnis ergeben. Eine Schweigepflicht gehört selbstverständlich dazu.

Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker, Heike Kunz vom Amt für Familie und Soziales sowie Matthias Altwasser, der Leiter des Mehrgenerationenhauses Linde, haben das Nachtwanderer-Konzept gestern in einem Pressegespräch vorgestellt. Dabei handelt es sich nicht um eine Kirchheimer Erfindung. Die Idee des Nachtwanderns in Städten sei vielmehr vor rund 30 Jahren in Schweden entstanden, hieß es. Auch im Kreis Esslingen ist Kirchheim nicht die erste Stadt, die Nachtwanderer einsetzen möchte. Heike Kunz und Matthias Altwasser berichteten von Erfahrungen in Nürtingen und Filderstadt. Trotzdem beruht das Kirchheimer Konzept auf Kirchheimer Erkenntnissen. Das Mehrgenerationenhaus Linde hat nämlich bereits eine „Sozialraumerkundung“ vorgenommen und die Ergebnisse filmisch festgehalten. Matthias Altwasser sagt dazu: „Was uns damals erstaunt hat, das war, wie wir von den Jugendlichen mit offenen Armen empfangen wurden.“ Es habe sogar geheißen: „Schön, dass mal jemand kommt und nach uns fragt.“

Die Jugendlichen seien also durchaus bereit für Gespräche. Und an diesem Punkt sollen die Nachtwanderer ansetzen. Sie sollen sich als Gesprächspartner anbieten, ohne sich deswegen anzubiedern. Sie müssen auch nicht die gleiche Sprache sprechen wie die Jugendlichen. Wichtig ist aber, dass sie ihnen auf Augenhöhe begegnen und sie nicht von oben herab belehren. Als Nachtwanderer gesucht sind Erwachsene ab 25 Jahren, die bereit sind, in Gruppen von drei bis vier Personen mit Offenheit, Toleranz und Akzeptanz auf Jugendliche zuzugehen. Sie sollen auch Ansprechpartner für Anwohner sein und in Konfliktfällen versuchen zu vermitteln. Die ehrenamtlichen Einsätze sind für die wärmere Jahreszeit vorgesehen – freitags und samstags von 22 Uhr bis circa 1 Uhr.

Ein Informationsabend für Interessierte beginnt am Mittwoch, 28. März, um 19.30 Uhr im Vortragssaal der Stadtbücherei. Der Qualifizierungstag für Nachtwanderer ist am Samstag, 21. April, in der Linde. Das erste, begleitete Nachtwandern in Kirchheim ist für das zweite Wochenende im Mai vorgesehen. Interessierte können sich bei Heike Kunz melden – telefonisch unter der Nummer 0 70 21/5 02-3 60 oder per E-Mail an h.kunz@kirchheim-teck.de.

Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker erhofft sich, „dass wir die Kommunikation in unserer Stadt weiter voranbringen“. Zur Mitarbeit am Nachtwandern ruft sie mit folgender Begründung auf: „Jeder hat Verantwortung für die Stadt.“