Lokales

Kremerin macht Kirchheim berühmt

Interdisziplinäre Tagung zur Kirchheimer Klosterchronik hat gestern im Rathaus begonnen

Wissenschaftler der unterschiedlichsten Fachrichtungen sind aus aller Welt nach Kirchheim gereist, um sich an historischer Stätte mit einem wichtigen Zeugnis der Kirchheimer Geschichte zu befassen: mit der Klosterchronik der Magdalena Kremerin, die auch für die württembergische Landesgeschichte von großer Bedeutung ist.

Stadtführung mit Roland Deigendesch zur Historikertagung
Stadtführung mit Roland Deigendesch zur Historikertagung

Andreas Volz

Kirchheim. Zur Begrüßung der Gäste des interdisziplinären Dialogs schaute Bürgermeister Günter Riemer gestern nicht etwa zurück in die Vergangenheit. Vielmehr blickte er auf die Gegenwart und in die Zukunft. Er sprach von den 40 000 Einwohnern, die Kirchheim mittlerweile aufzuweisen hat, und von der Elektromobilität, in die er auch die S-Bahn einbezog. Beide Punkte wären der Kirchheimer Nonne Magdalena Kremer Ende des 15. Jahrhunderts sicher reichlich fremd erschienen. Einzig mit Günter Riemers Hinweis auf den „attraktiven Wochenmarkt“ hätte sie wohl etwas anfangen können – obwohl sich natürlich auch der Markt in den vergangenen 500 Jahren deutlich verändert hat.

Kirchheims Stadtarchivar Dr. Joachim Brüser bedankte sich bei den Kooperationspartnern, die gemeinsam mit dem Stadtarchiv diesen interdisziplinären Dialog veranstaltet haben: das Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften der Universität Tübingen sowie der Geschichtsverein der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Zugleich verwies er darauf, dass ein wichtiger Name auf der Referentenliste fehle: der Name von Dr. Rolf Götz, dem kürzlich verstorbenen Kirchheimer Historiker, der diese Tagung mit angeregt hatte.

Professor Dr. Sigrid Hirbodian, die Leiterin des Tübinger Instituts für Landeskunde, ging darauf ein, dass die Klosterchronik den Namen der Stadt Kirchheim in bestimmten Wissenschaftskreisen sehr berühmt gemacht habe, und fragte deshalb einleitend im gut gefüllten großen Sitzungssaal des Rathauses: „Was lag näher, als die Vertreter verschiedener Fachrichtungen gerade hier in Kirchheim zusammenzubringen?“

Zunächst einmal führte Georg Wendt, Doktorand aus Tübingen, die Tagungsteilnehmer in die Zeit der Magdalena Kremer oder Kremerin ein. Zum Thema „Magdalena Kremerin und das Eberhard‘sche Landeskirchenregiment“ sprach er davon, wie es den Württembergern im 13. Jahrhundert gelang, das Machtvakuum auszufüllen, das die Staufer nach ihrem Untergang im heutigen Südwesten Deutschlands hinterließen. Eines der wichtigsten Erfolgsrezepte für den Ausbau der neuen württembergischen Hausmacht habe darin bestanden, weite Teile des Klerus in die Landesherrschaft zu integrieren.

Im geteilten Württemberg in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts sei es dann Graf Ulrich V. der Vielgeliebte aus der Stuttgarter Linie gewesen, der die Reform der Frauenklöster vorantrieb. Magdalena Kremerin rücke ihn deshalb auch ins Zentrum des Geschehens, das zur Reform des Kirchheimer Dominikanerinnenklosters im Mai 1478 führte. Die Schwestern, die sich der strengen Observanz verpflichtet sahen, kamen aus dem Kloster Sylo im Elsass. Eine von ihnen, Barbara Bernheimerin, kehrte nach zwölf Jahren im Elsass nach Kirchheim zurück und wurde die erste Reformpriorin.

Das wesentliche Geschehen, von dem die Klosterchronik berichtet, fällt aber in die Jahre 1487/88, als es zu einem Streit zwischen den beiden gräflichen Vettern Eberhard im Bart und Eberhard dem Jüngeren kam, der unter anderem in Kirchheim handfest ausgetragen wurde. Eberhard im Bart hatte Württemberg 1482 de facto wiedervereinigt, wobei seinem gleichnamigen Vetter, dem Sohn Ulrichs des Vielgeliebten, außer der Herrschaft in den Ämtern Kirchheim und Winnenden vor allem die Aussicht auf die Nachfolge in der Grafschaft blieb. Als Eberhard der Jüngere sich nun die innerklösterliche Opposition gegen die Reform zunutze machen wollte, um gegen das Kirchheimer Kloster vorzugehen, ergriff sein Vetter die Gelegenheit, ihn ganz aus der Herrschaft zu drängen.

Insgesamt drei Blockaden verhängte Eberhard der Jüngere gegen die Klosterfrauen und verpflichtete die Kirchheimer dazu, das Kloster auszuhungern. Eberhard im Bart wiederum reagierte mit Durchhalteparolen an die Nonnen und mit Drohungen gegen die Stadt. Die letzte Blockade wurde im Februar 1488 schließlich mit militärischer Gewalt beendet, und Eberhard im Bart ließ sich als Retter und Schirmherr des Klosters feiern – obwohl sein Eingreifen eigentlich einen Bruch des Stuttgarter Vertrags von 1485 darstellte.

Georg Wendt fragte deshalb in seinem Vortrag, ob Magdalena Kremerin, die ihrerseits zu den Reformschwestern aus Sylo gehört hatte, „eine Nonne im Dienste Württembergs“ gewesen sei. Schließlich habe sie mit ihrer schriftlichen Version des Geschehens Eberhard im Bart als göttliches Werkzeug für die Rettung des Klosters dargestellt, was durchaus den Propagandazwecken des späteren ersten Herzogs von Württemberg gedient habe. Allerdings ist nicht zu klären, wie weit diese Propaganda an die Öffentlichkeit gelangen konnte, denn außer dem Chronikexemplar, das sich heute im Hauptstaatsarchiv Stuttgart befindet, ist nur eine Abschrift bekannt, die im Wiener Schottenkloster gefunden wurde.

Auf eine weitere Kirchheimer Handschrift aus dem Umfeld der Klosterchronik ging Dr. Roland Deigendesch ein, früherer Kirchheimer und jetziger Reutlinger Stadtarchivar: auf den Nekrolog, der sich heute in Sankt Paul im österreichischen Lavanttal befindet. Die Datierung dieses Nekrologs ist nicht weniger einfach als die der Chronik. Während für die Chronik eine Entstehungszeit ab 1490 angenommen wird, geht Roland Deigendesch für den Nekrolog von einem Zeitraum zwischen 1500 und 1503 aus. Trotz einer erheblichen Distanz zur Reformzeit des Klosters hält er aber auch den Klosternekrolog für reformbezogen. Eine einzige Person ist übrigens im Nekrolog besonders hervorgehoben: Magdalena Kremerin. Diese Hervorhebung ist aber genauso rätselhaft wie alle anderen Nachrichten über diese Person. So tritt sie zu keinem Zeitpunkt deutlich als die Autorin der Chronik in Erscheinung, als die sie seit langem angesehen wird. Ebenfalls ungeklärt ist die Frage, ob eine Priorin namens Magdalena, die auf Barbara Bernheimerin folgte, identisch ist mit der Kremerin oder ob es sich um eine andere Magdalena handelt.

Andererseits ist die Wissenschaftstagung, die heute ihre Fortsetzung findet, auch nicht dazu da, auf alle Fragen Antworten zu geben. Eine wichtige Aufgabe des Dialogs besteht darin, Fragen aufzuwerfen.

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