Lokales

Legale Graffitis und „Schüttungen“

Ab heute ist in der Galerie im Kornhaus die Ausstellung „Mon Rambou“ zu sehen

Auseinandersetzungen mit dem Thema „Kunst und öffentlicher Raum“ sind für Kirchheim nicht neu. Nach dem vor zwei Jahren durchgeführten Stadtprojekt „tecktopisch“ wurde gestern die Ausstellung „Mon Rambou“ eröffnet.

STUNTWORKSHOP mit Prof. Georg Winter (HBKsaar)    im Rahmen der Ausstellung / Stadtprojekt Mon Rambou

Stuntworkshop mit Prof. Georg Winter im Rahmen der Ausstellung "Mon Rambou".

Kirchheim. Dass wieder einmal Künstler Leben in die Stadt bringen und die bewusst wahrgenommene Außensicht des Besuchers von au­ßerhalb mit der Neugierde und Kreativität des Künstlers verbinden, wird in der Kirchheimer Südstadt ganz besonders aufgefallen sein. Schon seit Montag „untersuchen, bearbeiten und kommentieren Studentinnen und Studenten des von Professor Georg Winter geleiteten S_A_R Projektbüros der Hochschule für Bildende Künste Saarbrücken (HBKsaar) den vorstädtischen Raum um den Rambouilletplatz und das Hochhaus Sibylle“.

Ausgewählt wurden die beiden durch Autobahnzubringer, Bundes- und Landesstraßen abgetrennten Or­te wegen ihrer ungewöhnlichen städtebaulichen Inselsituation und weil beide städtischen Räume in den 60er-Jahren entstanden. Die als Referenz an die französische Partnerstadt Kirchheims „Rambouilletplatz“ getaufte, 1966 entstandene Fläche im Bereich Freiwaldaustraße, Thomaskirche, Teck-Realschule, Kindergarten und dem als neue Begegnungsstätte etablierten Pavillon war der vorübergehende Standort dabei das Haupteinsatzgebiet der 18-köpfigen Künstlergruppe, die sich tatsächlich Tag und Nacht vorwiegend dort aufhielt.

Zum Verweilen einladende Hängematten, flexibel an die vorhandenen steinernen Sitzgelegenheiten andockbaren „koreanischen“ Holzbänkchen, mit denen sich flexible Sitzgruppen zusammenstellen und auch wieder trennen lassen, markierten die deutlich aufgewertete Kommunikationssituation dieses horizontalen Experimentierfelds Rambouilletplatz.

Eine von spielenden Kindern gern genutzte „Rutsche“ und vor allem ein mobiler Teestand erweiterten das Menschen zusammenbringende Aktions-Angebot. Barbara Billy Bürckner schenkte dort – aber auch an anderen Stellen der Stadt – großzügig Tee aus und erwartete im Gegenzug Zeichnungen oder sonstige künstlerische Aktionen.

Am auffälligsten sind aber die dank der großen Kooperationsbereitschaft der Hausbesitzer genehmigten und damit völlig legal und bei Tageslicht entstandenen Graffitis und eine menschliche Figur, deren vorgegebene Vergänglichkeit sie schon bald mit ihrem steinernen Sitz verbinden und verschwinden lassen sollte. Zuvor wurde sie aber in einem „unbewachten Moment“ in der Nacht von unbekannten Tätern mutwillig zerstört.

Ein weiteres interessantes Kooperationsprojekt war ein Tanz- und Performance-Workshop, der von Vera Theuer und Rebecca Rohusch vom Fachbereich Elementare Musikpädagogik unter der Leitung von Ann-Barbara Steinmeyer von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart mit Schülerinnen und Schülern der Teck-Realschule durchgeführt wurde. Diese Vorführung leitete gestern Abend die von Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker eröffnete Ausstellung ein, in die Susanne Jakob vom Kunstbeirat der Stadt einführte.

Zu sehen sind dort Ergebnisse des Projekts „Post-Konstruktionen Kirchheimer Keramik“ von Hyan Ju Do. Ihr Ziel war es, „als Fragmente und Bruchstücke geborgene archäologische Fundstücke mit Ton nachzubilden, zu ergänzen, interpretieren und neu zu erfinden.“

Chris Kolondra bot neben einer Tonwerkstatt auch ein Masken-Tanz-Theater an, während sich Jules Meiser und Nora Rödelstütz spielerisch mit dem Thema „Konkurrierende Stadtmodelle“ auseinandersetzten.

Mit dem Thema „Der Hinterkopf in der Landschaftsmalerei des 21.  Jahrhunderts“ entfernte sich Julia Rabusai „etwas“ vom vorgegebenen Thema und Untersuchungsraum. Umso fundierter befasste sie sich gemeinsam mit Arne Menzel und Claudia Raudszus mit dem zweiten – vertikal angeordneten – Experimentierfeld. Das zwischen 1966 bis 1969 erbaute Hochhaus „Sibylle“, das seinen Namen der mythenverwobenen Sibyllenhöhle verdankt, ist in direkter Nachbarschaft zu finden und wartete mit erstaunlichem Experimentierpotenzial auf.

Nahe der Stelle, an der ein Brunnen an Vincenz Prießnitz erinnert, führten die Künstler mit Hochhausbewohnern unterschiedlicher Stockwerke mehrere „Prießnitz-Schüttungen“ durch. Prießnitz, der mit seinen Wasserkuren und Luftbädern die Hydrologie populär gemacht hatte, setzte bei der Bekämpfung unterschiedlichster Krankheiten unter anderem auch auf das Prinzip eiskalter Duschen, wobei das Wasser aus Höhen von mehreren Metern auf die Patienten gegossen wurde.

Ob der Krankenstand der Stadt, durch die durchgeführten „Schüttungen nach dem „Prießnitz-Intervall“ nachweislich verringert werden konnte, ist nicht bekannt, eine vergnügliche Abkühlung war das viele Menschen zusammenführende Spektakel allemal.

Die Workshops und Aktionen dieser Woche sorgten für erstaunlich vielfältige, intensive und aufschlussreiche Begegnungen zwischen Besuchern und Bewohnern der Stadt, wobei den experimentierfreudigen Studenten aus Saarbrücken immer wichtig war, dass „ihre künstlerischen Einlassungen in die Südstadt“ auch „spielerische, kommunikative und partizipative Aspekte enthalten“.

Die Ergebnisse ihres aktionsreichen Aufenthalts sind in der Ausstellung „Mon Rambou“ dokumentiert, die noch bis zum 8. September in der Städtischen Galerie im Kornhaus zu sehen ist. Im Kornhaus ist zeitgleich auch die Schulkunst-Ausstellung „Kunst und Bewegung“ mit Arbeiten der Klassen 1 bis 9 der Raunerschule geöffnet.

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