Lokales

Letzte Phase einer Idylle 

In einem der ältesten Häuser Hochdorfs wohnt seit wenigen Wochen niemand mehr

Am Talbach sitzen und ein Buch zu lesen, das hat Nilda Caceres-Weber viele Jahre genossen. Nicht mehr zu empfehlen: Der Steg übe
Am Talbach sitzen und ein Buch zu lesen, das hat Nilda Caceres-Weber viele Jahre genossen. Nicht mehr zu empfehlen: Der Steg über den Bach.Fotos: Bulgrin

Hochdorf. Seit fast 450 Jahren steht das Bauernhaus am Hochdorfer Talbach. Wie lange noch? Nilda Caceres-Weber hat vor ein paar Wochen vor dem Regenwasser kapituliert, das durchs Dach rinnt. Ob sich nach ihrem Auszug ein Käufer für das denkmalgeschützte Bauernhaus findet, weiß sie nicht. 15 Jahre lang hat sie die Idylle genossen, saß oft auf den Steinen am Bach, um zu lesen.

Im Winter 1 570 sind die Bäume geschlagen worden, mit denen die Scheune gebaut wurde. Das hat eine dendrologische Untersuchung ergeben. Ob der Wohntrakt zeitgleich erstellt wurde, ist nicht bekannt. Zu den armen Bewohnern Hochdorfs haben die Erbauer vermutlich nicht gezählt. „Ich hätte gern gewusst, wer damals hier gewohnt hat“, sagt Nilda Caceres-Weber. Die Webers wohnten „seit mindestens 200 Jahren“ im Haus, habe ihr Schwiegervater erzählt. 1989 kam die gebürtige Argentinierin zum ersten Mal in das Haus am Bach. „Wenn mir damals jemand erzählt hätte, das ich in 20 Jahren die einzige sein werde, die noch in diesem Haus lebt . . .“ Vor 15 Jahren ist sie mit ihrem Mann in eine kleine Wohnung im Dachgeschoss eingezogen. Die Schwiegermutter lebte damals noch und betrieb eine kleine Landwirtschaft mit vier oder fünf Kühen sowie etlichen Hühnern. „Die Helene war eine typische Landfrau, sie hat bis zum Ende gearbeitet,“ erzählt Nilda Caceres-Weber. Am Bach sitzen und ausruhen oder hinter dem Haus grillen, das kannten die Schwiegereltern nicht. Wenn das Vieh versorgt war, saßen sie zum Vesper in der Küche, schauten noch ein bisschen fern, dann war der Tag vorbei.

Der Sohn Hans-Georg Weber war anders. Er ging aus dem Dorf hinaus, reiste nach Südamerika und genoss dann daheim wieder die Natur am Bach. Schon in Argentinien habe er ihr ein Foto gezeigt, wie Leute auf dem zugefrorenen Bach liefen, erinnert sich Nilda Weber. Aber vor vier Jahren ist ihr Mann gestorben. Seither verfällt der Steg, den er vor 30 Jahren über den Talbach gebaut hatte, um die Wiese auf der anderen Seite zu bewirtschaften. Geblieben sind die Steine, die er am anderen Ufer gesetzt hat und auf denen ab und zu Kinder hocken, um ihre Angeln auszuwerfen. Auch eine kleine Holzbank haben sie hergeschleppt, um es sich am Bach bequem zu machen. Es gibt noch kleinere Besucher als die Kinder: Den Eichhörnchen gefallen die riesigen Fichten, die am Bach stehen. Und manchmal tollen sie im Garten der Webers herum. Auch eine Entenfamilie taucht von Zeit zu Zeit auf.

Nach starken Regengüssen schwillt der Hochdorfer Talbach kräftig an und überspült in manchen Jahren die Brücke oben am Feuerwehrhaus. Das Weber-Gelände liegt etwas höher. Selbst wenn die Wiese gegenüber überflutet ist, kommt das Wasser nicht bis zur Scheune. Vor etwa 200 Jahren hat der Talbach übrigens die Kurve noch um die Wiese in Richtung Kindergarten gemacht, das hat Nilda Weber auf einem Plan aus dem Jahr 1828 entdeckt.

Das alte Haus hat in den vergangenen drei Jahren eine letzte Blütezeit erlebt, zumindest in der Milchküche neben dem Stall und gelegentlich in der Scheune. Um das Haus zu entrümpeln, organisierte die letzte Bewohnerin Scheunen-Flohmärkte. Daran fanden auch Judith Fischer und Corinna Meinke Gefallen. Die eine fotografiert gern Kinder, die andere hat ein Faible für Floristik und Dekorationen. Sie richteten in der Milchküche „Mamas Kitchen“ ein und öffnen jeden Freitag den winzigen Laden mit hübschen Dingen, die man nicht unbedingt braucht. An Advent, Ostern und einmal im Juli laden sie gemeinsam mit Nilda Weber zum Scheunenmarkt ein. Beim Sommermarkt hockten die Besucher hinter der Scheune am Bach, labten sich an argentinischen Spezialitäten. Munteres Leben am Bach.

Vielleicht wird es diesen Herbst einen großen Abschieds-Flohmarkt geben, überlegt sich die Hausbesitzerin. Für sie ist das Kapitel Leben am Bach jetzt abgeschlossen. Lange Zeit habe sie sich Sorgen gemacht, was mit dem Haus passiert, wenn sie auszieht. Nun lässt die 60-Jährige los, stellt aber fest: „Ich habe Lebensqualität verloren.“ Andere Menschen werden das kaum verstehen, wenn sie vor dem Haus stehen, das nach Sanierung schreit – und wahrscheinlich nicht erhört wird. Und wer hineingeht, wundert sich, wie lange jemand hier wohnen konnte. Im Treppenhaus stehen Plastikwannen, die einen Teil des Wassers auffangen, das durchs Dach läuft. Die Holzstufen sind nass. Die niederen Räume im Erdgeschoss sind leer geräumt und dennoch verströmen sie die Atmosphäre einer anderen Zeit, die nur Arbeit kannte und in der es das Wort Idylle nicht gab.

Die Zukunft? Die Gemeinde sieht in ihrem Konzept zur Dorfmitte und dem Breitwiesen-Areal die Belebung des Uferbereichs vor. Und die riesige Wiese wäre kein schlechter Platz für ein Pflegeheim. Aber für das alte Haus sind wohl die Tage gezählt.

foto: roberto bulgrin13. 8. 2013Hochdorf, Bachstraße (Haus direkt am Talbach): Fr. Caceres-Weber
foto: roberto bulgrin13. 8. 2013Hochdorf, Bachstraße (Haus direkt am Talbach): Fr. Caceres-Weber
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