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Man ist so alt, wie man sich fühlt! – Wirklich?

Diplom-Psychologin Barbara Berger plädiert für ein realistisches Selbstbild

Man ist so alt, wie man sich fühlt! – Wirklich?zur Person
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„Alt“ war noch vor Kurzem, wer die 50 überschritten hatte. Kinder und Jugendliche sehen das auch heute noch so. Doch die Gesellschaft hat sich gewandelt. Wie wird der 50. Geburtstag heute empfunden? – Ein Interview mit der Psychologin Barbara Berger.

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Irene Strifler

50 – hat dieses Alter eine besondere Bedeutung in unserer Gesellschaft?

 

BERGER: 50 ist tatsächlich ein markanter Einschnitt. Mit 50 tritt die Endlichkeit des Lebens normalerweise klarer ins Bewusstsein. Das eine oder andere Zipperlein macht sich bemerkbar. Der typische Geburtstagskartenspruch von der ersten „Hälfte“ ist ja auch so eine Sache, denn wer wird denn schon 100 Jahre alt?

 

Mit 50 ist man also alt?

 

BERGER: Was heißt schon alt? Alter ist immer relativ. Eine persönliche Aufgabe für jeden Einzelnen ist sicher, das Selbstbild mit dem fortschreitenden Alter zu verändern oder anzupassen. Ungeliebte Tatsachen zu verleugnen, führt in der Regel nicht zur Zufriedenheit. Im Klartext: Sich mit 25-Jährigen zu vergleichen, ist müßig. Viele Faktoren über 50 sind doch sehr positiv: Oft sind die beruflichen Weichen gestellt, die Kinder stehen im Idealfall auf eigenen Beinen . . . Das eigene Altern zu akzeptieren und die Vorteile jeden Alters bewusst zu sehen, kann dazu verhelfen, sich wohl zu fühlen in der eigenen Haut. Wem das gelingt, der behält auch eine positive Ausstrahlung. Das garantiert bleibende Attraktivität weit mehr als Antifaltencreme oder Powerfitness. Lebenszufriedenheit hängt nämlich nicht nur von der „objektiven Gesundheit“ ab, sondern auch von vielen anderen Faktoren wie zum Beispiel von Freundschaften und der Vernetzung im sozialen Umfeld. Generell gilt, wie der renommierte Altersforscher Andreas Kruse festgestellt hat, dass eine positive und optimistische Einstellung zum Älterwerden die Voraussetzung für ein gesünderes und längeres Leben ist.

Oft hört man den Spruch: Man ist so alt wie man sich fühlt . . .

 

BERGER: Da gilt schon eher: Man fühlt sich immer jünger als man ist. In meiner langjährigen Beratungstätigkeit sind mir nie Menschen begegnet, deren gefühltes Alter dem tatsächlichen entsprochen hat. Schließlich gibt es ja auch keine Norm, die einem vorgibt, wie man sich mit 50 zu fühlen hat.

 

Man kennt die 30er-Krise bei Frauen, die Midlife-Crisis bei Männern – was passiert mit 50?

 

BERGER: Klar ist, dass sich für Frauen zwischen 50 und 60 weit mehr ändert als für Männer. Zeitfenster schließen sich für immer. Das fängt damit an, dass Frauen im Gegensatz zu Männern definitiv keine Kinder mehr bekommen können und gleichzeitig der Versorgungsaspekt der Mutterrolle wegfällt, sie also mehr mit dem „Empty-nest-Syndrom“ kämpfen als die meisten Väter. Manche stehen plötzlich vor der großen Leere. Oft kommen Probleme in der Partnerschaft hinzu, denn man muss sich als Paar neu definieren. Natürlich stecken in dieser Entwicklung bei Weitem nicht nur Nachteile, sondern auch Chancen und neue Freiheiten. Für manche Frauen kann es ein Privileg sein, sich jetzt beruflich verwirklichen zu können und keine Kinder umsorgen zu müssen oder sich darauf zu beschränken, dem Mann den Rücken frei zu halten. Auch Sexualität kann entspannter erlebt werden.

Und die Männer?

 

BERGER: Sie merken meist schon mit etwas über 40, dass sie plötzlich mehr Anstrengungen aufwenden müssen, um ihr körperliches Niveau zu halten. Mit 50 haben sie diese Phase oft überwunden. Schließlich gelten sie dann immer noch als attraktiv, vielfach sogar bei deutlich jüngeren Frauen. Sie sind oft beruflich angekommen und finanziell abgesichert, sodass sie sich Träume wie den Sportwagen oder die Weltreise erfüllen können.

 

Ist 50 nun also eher Anlass zum Flüchten als zum Feiern?

 

BERGER: Da ist keine pauschale Antwort möglich. Der Rahmen muss passen: In manche Lebenssituation passt besser die große Feier, in anderen Fällen mag es besser sein, sich zurückzuziehen.

 

Barbara Berger ist Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin. Sie ist in eigener Praxis in Göppingen niedergelassen.