Lokales

Mehr Fleisch als Gemüse

In städtischen Kitas in Kirchheim gibt es zum Mittagessen überwiegend Fleisch und Fisch

Immer mehr Kleinkinder nehmen ihr Mittagessen nicht zu Hause ein, sondern in der Kindertagesstätte. Doch wie ausgewogen ist das Essen dort? Und wer bereitet es zu? Der Teckbote hat bei städtischen und privaten Kitas nachgefragt.

Dieser kleine Junge lässt sich Kürbis-Gemüse, Möhrchen und Stampfkartoffeln schmecken. Wenn es nach Experten geht, sollten Kita-
Dieser kleine Junge lässt sich Kürbis-Gemüse, Möhrchen und Stampfkartoffeln schmecken. Wenn es nach Experten geht, sollten Kita-Kinder weniger Fleisch und mehr Gemüse essen.Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Bei den „Kleinen Strolchen“ in der Kindertagesstätte Teckstraße kommen heute Rindfleischbällchen mit Kräuterrahmsoße, Reis und Salat auf den Tisch. Ein kleiner Junge bildet die Ausnahme: Für den jungen Vegetarier gibt es Kürbis-Gemüse, Möhrchen und Stampfkartoffeln. Das Essen stammt nicht aus der eigenen Küche, sondern vom Caterer „Robin Cook“, der die meisten städtischen Kindertagesstätten in Kirchheim seit drei Jahren mit Mittagessen beliefert. Jeden Tag wird das Essen aus der Landeshauptstadt per Lkw verzehrfertig geliefert. Das Kita-Personal misst die Temperatur, um auszuschließen, dass sich krankmachende Keime gebildet haben. Dann wird das Essen auf die Gruppen verteilt.

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Die Stadt ist mit dem Caterer zufrieden. „Er kocht sehr abwechslungsreich und saisonal“, sagt Brunhilde Oeffinger vom Amt für Kultus und Sport. Schweinefleisch stehe aus Rücksicht auf die muslimischen Kinder gar nicht auf dem Speiseplan. Laut Johannes Ehni, dem Leiter des Amts, hält sich der Caterer an die Kriterien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), die 2009 eigens für die Verpflegung in Kitas entwickelt wurden. Sie sehen beispielsweise vor, dass die Kinder jeden Tag Gemüse und Salat essen sollten, dafür aber nur acht Mal im Monat Fleisch. Fisch sollte vier Mal im Monat auf dem Speiseplan stehen, süße Hauptgerichte wie Pfannkuchen dafür nur zwei Mal im Monat.

Allerdings haben die Standards nur empfehlenden Charakter. Was in den Kitas auf den Tisch kommt, entscheiden die Kitas. Der Caterer Robin Cook bietet täglich ein fleisch- oder fischhaltiges Gericht sowie ein vegetarisches Menü zur Auswahl an, die Kitas können sich daraus ihren individuellen Speiseplan zusammenstellen. Allerdings bestellten die Kirchheimer Kitas recht einseitig, weiß Christian Buchka, Geschäftsführer von Robin Cook. „Wir liefern überwiegend fleisch- und fischhaltige Mittagessen nach Kirchheim.“ Auf diese Art und Weise könne man die von der DGE empfohlenen acht Mal Fleisch im Monat natürlich überschreiten.

Damit befinden sich die Kirchheimer Kitas in guter Gesellschaft. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung, in der kürzlich bundesweit 1 100 Kitas untersucht wurden, wird in 46 Prozent der Einrichtungen zu viel Fleisch angeboten, also häufiger als acht Mal in 20 Verpflegungstagen, wie von der DGE empfohlen.

Christian Buchka von Robin Cook verweist auf die Wahlfreiheit der Kitas. „Wir können vegetarisches Essen anbieten, aber wir können es nicht diktieren.“ Er persönlich findet es schade, dass nicht mehr Gerichte wie „Schwarzwurzeln in Petersilien-Buttersauce mit Kräuterflädle“ oder „Herbstliches Kürbis-Gemüse mit Möhrchen und gepressten Kartoffeln“ bestellt werden, denn sein Herz hänge an vegetarischen Gerichten. Den Wünschen der Kunden müsse aber auch er sich beugen.

Laut der Stadt sind die Eltern mit dem Caterer weitestgehend zufrieden, auch wenn besonders im Teck-Kindergarten die Umstellung von der eigenen Küche auf das Catering natürlich kritisch beäugt worden sei. Das kann Matthias Bremer, Elternbeiratsvorsitzender der städtischen Kindertagesstätten, bestätigen. „Natürlich wäre es schön, wenn das Essen aus Kirchheim käme, damit man es nicht so lange warm halten muss. Aber das muss man auch bezahlen wollen“, sagt Matthias Bremer. Das Mittagessen kostet drei Euro. Für diesen Preis sei das Essen seiner Meinung nach in Ordnung. Die Rückmeldung aus dem Rest der Elternschaft sei neutral bis positiv. „Man kann das große Schweigen auch als Zustimmung sehen.“ Geholfen hat laut Bremer, dass der Elternbeirat bei Robin Cook eine Betriebsführung erhalten hat. „Dort konnten wir uns von der Qualität des Essens überzeugen.“

In den privaten Kindertagesstätten, die Mittagessen anbieten, wird in der Regel selbst gekocht. Die Kita im Doschler, Topkids, Schneckenhäusle, Rasselbande sowie die Waldorf-Kindertagesstätte haben eine eigene Küche, in der das Mittagessen frisch zubereitet wird. Der evangelische Kindergarten Traub‘sche Stiftung wird von der Stiftung Tragwerk im Wächterheim mitversorgt. Der katholische Kindergarten Sankt Gabriel dagegen bezieht das Mittagessen von der Metzgerei Frik.

Öfter mal was NeuesKommentar

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) rät dazu, Kita-Kindern an acht Verpflegungstagen im Monat Fleisch anzubieten. Öfter nicht. Diese Menge wird in städtischen Kitas in Kirchheim offenbar überschritten, und das, obwohl das Mittagessen laut der Stadt den Standards der DGE zu genügen hat. Einem überwiegend fleisch- und fischhaltigen Speiseplan den Stempel „ausgewogen“ aufzudrücken, ist irreführend. Stadt, Kita-Leitungen und Elternbeiräte sollten sich darüber Gedanken machen.

Sicherlich ist es nicht einfach, kleinen Kindern klarzumachen, dass Brokkoli oder Kürbisgemüse genauso lecker sein können wie Chicken Nuggets oder Fleischkäse. Zumal die Kleinen häufig von zu Hause vorgeprägt sind. Aber Kitas sind eben auch Bildungseinrichtungen, die einen Erziehungsauftrag haben. Dazu gehört, den Kindern öfter mal etwas Neues anzubieten. Schließlich geht es um die Gesundheit der kommenden Generation.ANTJE DÖRR