Lokales

Mehr Mobilität und weniger Verkehr

Professor Udo Jürgen Becker sensibilisierte für bedarfsgerechte zukunftsfähige Planung vor Ort

Das große Interesse am erfolgreich angestoßenen „Zukunftsdialog 2013“ ist erfreulicherweise noch immer ungebrochen. Den drei hochkarätigen Impulsreferaten soll nun die konkrete Arbeit im Kirchheimer „ZukunftsLabor“ folgen, und das mit möglichst großer Bürgerbeteiligung.

asdASDadFoto: Jean-Luc Jacques

Dass eine neue Anbindung an die Stadt den Dorfbewohnern nicht nur Freude bereiten, sondern bald im Stau enden kann, zeigte Professor Becker auf. Die „Lösung“ zusätzliche Direktverbindung verursacht hohe Kosten und lässt zudem das Verkehraufkommen noch weiter ansteigen . . . Foto: Deniz Calagan

Kirchheim. Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker war begeistert vom großen Interesse, das auch dem abschließenden Vortrag der Erfolgsreihe entgegengebracht wurde – und das am ersten sonnigen Abend nach vielen regenreichen Tagen. Ihr Dank galt daher zunächst den zahlreichen Stadthallen-Besuchern, deren großes Interesse am Thema in der sich anschließenden Fragerunde deutlich wurde.

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Im Namen von Verwaltung und Gemeinderat freute sie sich auch über die sehr gute Zusammenarbeit mit den Mitveranstaltern vom Bund der Selbständigen, der Gemeinschaft Kirchheimer Handel, City Ring und dem Verein frauen-unternehmen, die gemeinsam mit den Kooperations- und Medienpartnern Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen und Teckbote das zukunftsorientierte Projekt „Zukunftsdialog 2013“ möglich gemacht hatten.

Nach einem allgemeinen Ausblick auf den zunächst von Zukunftsforscher Lars Thomsen beleuchteten Untersuchungszeitraum der sehr schnell dahinfliegenden Einzeleinheiten von 520 Wochen hatte sich Trendforscher Klaus Kofler dezidiert mit dem Wandel des Konsums in diesen zehn Jahren auseinandergesetzt und ein neues Denken in neuen Strukturen gefordert.

Professor Dr.-Ing. Udo Jürgen Becker, Inhaber des Lehrstuhls für Verkehrsökologie an der Technischen Universität Dresden, befasste sich für den Abschluss des Vortrags-Tripels mit dem sehr konkret auf den Veranstaltungsort fokussierten Thema „Mobilität oder Verkehr?“. Er erörterte mit dem engagierten, informierten und interessierten Publikum gemeinsam die Frage: „Wie werden wir in Kirchheim unter Teck einmal mobil sein, und was wäre dafür heute zu tun?“

Am Beispiel einer an einer Verkehrsachse liegenden größeren Stadt und eines durch einen Fluss abgetrennten Dörfchens im ländlichen Raum zeigte er auf, wie Verkehr entsteht, sich verstärkt und verlässlich nicht nur ungewollte Staus produziert sondern daneben noch viele weitere unerfreuliche Folgewirkungen induziert. Mit rhetorischem Geschick und Mut zu feiner Ironie konnte der Wissenschaftler an den komplexen und sich gegenseitig bedingenden Wechselwirkungen nicht nur nachvollziehbar aufzeigen, dass die ironisch hochgehaltene Hypothese „Mehr ist immer besser“ infrage gestellt werden muss, sondern sie gleich auch noch eindrucksvoll ad absurdum führen.

Den weit verbreiteten Glauben an das einfache, aber unreflektierte „Mehr ist immer besser“ erschütterte er jedenfalls nachhaltig in seinen Grundfesten. Er machte dem Publi­kum klar, warum das „immer weiter und immer schneller“ letztendlich kontraproduktiv sein muss. Immer mehr Energie ist schließlich erforderlich, um die einstigen Ziele zu verfolgen.

Unmissverständlich wurde daher deutlich gemacht, wie ein grundsätzlich gutes Projekt immer ineffizienter wird. Ein anfangs noch sehr gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis driftet dabei immer weiter auseinander und überschreitet schließlich den kritischen Punkt, an dem die Kosten höher werden als der mit einer weiteren Maßnahme anvisierte Zusatznutzen.

Auch wenn Wachstum wichtig sei, bedeute Fortschritt immer zugleich auch ein größeres Verkehrsaufkommen. Ganz wichtig sei es daher, genau zwischen Mobilität und Verkehr zu unterscheiden und sich bewusst zu machen, dass es bei allen Zukunftsüberlegungen stets darum gehen müsse, bedürfnisgerechte Mobilität mit immer weniger Verkehr anzustreben.

Der Wunsch nach Mobilität entstehe schließlich immer aus einem gefühlten Bedürfnis heraus und sollte immer auch eine klare Ursache und einen definierbaren Zweck haben, während Verkehr immer nur ein dienendes Instrument zur Umsetzung der Mobilität bleiben muss und nie Selbstzweck sein darf.

Professor Becker versteht Mobilität nicht nur als ein immer wichtiger werdendes wertvolles Gut, sondern auch als Menschenrecht, das nur bei zukunftsfähiger Vorsorge sicherstellen kann, dass menschliche Bedürfnisse nicht nur heute, sondern auch in zehn oder zwanzig Jahren verlässlich befriedigt werden können. Dabei müsse genau darauf geachtet werden, was eine Kommune beeinflussen kann und was nicht.

Eine zahlenmäßig geringer, aber älter werdende Gesamtbevölkerung sorge für höhere Gesundheitskosten und geringere Steuereinnahmen. Auch die aus dem Klimawandel und steigenden Energiekosten resultierenden Folgen müssten beachtet werden. Für beispielsweise an Frequenz und Bedeutung zunehmende Arztbesuche im Mittelzentrum sind vielleicht ganz neue Wege zu gehen, um den Einsatz des bisherigen Instrumentariums Verkehr konsequent zu reduzieren.

Durch entsprechend zukunftsfähige Planung müsse sichergestellt werden, dass Menschen stets an das jeweils von ihnen angestrebte Ziel kommen können. Klare Vorgabe für die Zukunft sei aber, dass das mit immer weniger Aufwand geschieht und immer weniger Geld und Energie dafür aufzuwenden sind. Außerdem müsse die Gefahr von Unfällen, aber auch von Krankheiten – etwa durch Lärm und Schadstoffausstoß – immer weiter reduziert und auch der Flächenverbrauch konsequent minimiert werden.

„Das, was wir wollen, muss attraktiver werden“, lautet die einfache Botschaft, die auch in der Umkehrung „Das, was wir nicht wollen, muss unattraktiver werden“ sofort einleuchtet. Genauso folgerichtig klang das Fazit, das Professor Becker am Ende seiner Ausführungen zog. Dennoch ist viel Ideenreichtum und Kreativität gefragt, um die richtigen individuellen Antworten auf die sich stellenden Zukunftsfragen zu finden.

Mobilität müsse jedenfalls „für heute und für alle künftigen Generationen garantiert sein“ aus dem Wissen heraus, dass ein unreflektiertes „weiter so“ dazu beitragen würde, „uns alle in die Sackgasse“ zu schicken. Zu fördern sei daher schon heute all das, „was uns dann einmal mobil hält“. Für die Mobilität in der direkten Umgebung sind für den Referenten daher Fuß und Rad weiterhin richtige, da „günstige und gesunde Fortbewegungsmittel“.

Bei prognostizierten sinkenden Kosten etwa für ein VVS-Jahresticket oder einen VVS-MobilPass wäre der öffentliche Personennahverkehr deutlich zukunftsfähiger als der Individualverkehr, dem Professor Becker vor allem dann weiterhin Chancen einräumt, wenn das Premium-Fahrzeug künftig kein sperriger, verbrauchsintensiver SUV, sondern ein echtes Ein-Liter-Auto ist.

Wer sich schon frühzeitig Gedanken um eine zukunftsfähige Vorsorge macht, „profitiert ökonomisch, ökologisch und sozial, vermeidet Kosten und Schäden und schafft echte Lebensqualität für Kirchheim unter Teck“, zeigte sich Professor Dr.-Ing. Becker abschließend überzeugt.