Lokales

Mit dem Zeitungswägele unterwegs

Teckboten-Serie „Nachtarbeiter“: Gisela Schmid trägt seit 20 Jahren in Oberlenningen Zeitungen aus

In einer Reportage-Serie stellt der Teckbote Menschen vor, die ihrer Arbeit nachgehen, während andere schlafen. Jüngst waren wir mit der langjährigen Zeitungsausträgerin Gisela Schmid in Oberlenningens ­Straßen unterwegs.

Gisela Schmid aus Oberlenningen bepackt in aller Früh um 4.30 Uhr ihr ¿Zeitungswägele¿.Fotos: Jean-Luc Jacques
Gisela Schmid aus Oberlenningen bepackt in aller Früh um 4.30 Uhr ihr ¿Zeitungswägele¿.Fotos: Jean-Luc Jacques

Lenningen. Wenn Gisela Schmid mitten in der Nacht ab 4.30 Uhr durch die verlassenen Straßen Ober­lenningens zieht, liegen die meisten Menschen noch in den süßesten Träumen. „Mir macht es nichts aus, zu arbeiten, wenn die anderen schlafen. Ich bin es gewohnt“, winkt die 57-Jährige ab.

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Auch an diesem Dienstagmorgen bepackt Gisela Schmid, die zahlreichen Oberlenningern seit stolzen 20  Jahren ihre Tageszeitung bringt, gut gelaunt ihr „Zeitungswägele“. „109 Ausgaben des Teckboten, elf Mal die Stuttgarter Zeitung, zwei Mal die Stuttgarter Nachrichten und eine Süddeutsche Zeitung“, zählt die 57-Jährige auf, während sie die Exemplare sorgfältig einsortiert. Ihre Route führt über fünf Kilometer durch den Oberen Sand. Dafür benötigt Gisela Schmid etwa eineinhalb Stunden.

Flotten Schrittes zieht die Oberlenningerin von Haus zu Haus. „Meine Kondition ist sehr gut, seit ich Zeitungen austrage“, sagt die 57-Jährige stolz, während sie in Windeseile die Zeitungen nacheinander in die Briefkästen steckt. Angst habe sie keine, wenn sie bei stockfinsterer Nacht durch die menschenleeren Straßen geht, versichert sie. Doch erlebt hat sie in den vergangenen 20 Jahren als Zeitungsausträgerin einiges – Kurioses, Amüsantes, Tierisches, aber auch weniger Schönes.

So erzählt Gisela Schmid zum Beispiel von einem Schäferhund, der plötzlich und völlig unerwartet aus dem Gebüsch auf sie zugeflitzt kam; von einem Mann, der äußerst spärlich bekleidet und nichts ahnend just in dem Moment die Haustür öffnete, als Gisela Schmid die Zeitung vorbeibrachte; und davon, wie sie eines Tages den Hof eines Firmengeländes betrat und dort eine seltsame Gestalt entdeckte. Als Gisela Schmid näher kam, konnte sie das Wesen schließlich identifizieren. „Ich dachte, mein Gott – da steht ja eine Kuh!“, erinnert sich die Zeitungsausträgerin.

Im Nachhinein kann sie über die Situation schmunzeln. Denn tatsächlich handelte es sich nur um eine Kuh aus Kunststoff – eine Art Kunstwerk, das die Firma wohl als Werbegag in ihrem Hof aufgestellt hatte.

Weniger lustig war es hingegen, als Gisela Schmid vor einigen Jahren mit der Hand in einem Briefkasten stecken blieb. „Ich habe damals auch Briefe ausgetragen.“ Versehentlich landete ein Schreiben im falschen Briefkasten. „Ich wollte es wieder herausholen, aber dann steckte ich fest.“ Fünf scheinbar endlose Minuten lang stand Gisela Schmid da und hoffte auf Hilfe. Doch diese kam nicht. Deshalb bog sie kurzerhand das Blech des Briefkastens zurück und befreite sich aus der misslichen Situation.

Die Uhr zeigt 5.30 Uhr. Es ist kalt, und es beginnt zu nieseln. „Ich glaube, ich muss meine Regenjacke anziehen“, sagt Gisela Schmid, während sie skeptisch gen Himmel blickt. Am liebsten trägt sie freilich im Frühjahr und Sommer aus, wenn es früh hell ist und die Vögel zwitschern. Weniger angenehm findet es die 57-Jährige hingegen, bei Schnee und Glatteis loszuziehen. „Ich bin schon oft ausgerutscht, aber zum Glück habe ich noch nie was gebrochen“, erzählt Gisela Schmid. Jammern will sie keineswegs über ihre Tätigkeit, der sie sehr gerne nachgeht. Schließlich habe sie durch das Zeitungsaustragen viel Bewegung an der frischen Luft. „Man härtet dadurch auch ein bisschen ab, denn ich bin so gut wie nie erkältet“, betont Gisela Schmid. Zufrieden ist sie auch mit dem „sehr schönen Gebiet“, in dem sie austrägt. „Es ist eben, und ich habe wenig Leerlauf.“

„Guten Morgen“, sagt eine Dame im Bademantel noch etwas verschlafen, als sie die Haustür öffnet und von Gisela Schmid ihre allmorgendliche Lektüre sozusagen direkt überreicht bekommt. Die gebürtige Oberlenningerin kennt „jedes Gesicht“ im Oberen Sand, und umgekehrt ist sie bei den Menschen als treue und pünktliche Zeitungsausträgerin bekannt. So erhielt sie schon etliche Dankeskarten, auf denen Sätze zu lesen waren wie: „Danke für das Austragen bei Wind und Wetter. Jeden Tag eine Zeitung zu haben, ist ein Stück Lebensqualität“.

In einigen Häusern brennen schon die Lichter. Ein paar Oberlenniger verlassen bereits ihr Zuhause und machen sich auf den Weg zur Arbeit. Bis 6 Uhr sollte Gisela Schmid alle Zeitungen verteilt haben. Anschließend warten auf sie eine heiße Dusche und ein gemütliches Frühstück mit ihrem Mann. Und dann kann der Tag beginnen . . .

ZeitungsaustrŠgerin Gisela Schmid in Oberlenningen unterwegs, Treffpunkt Hirschtalweg 10, Serie Nachtarbeiter
ZeitungsaustrŠgerin Gisela Schmid in Oberlenningen unterwegs, Treffpunkt Hirschtalweg 10, Serie Nachtarbeiter