Lokales

Mitarbeiter sorgen sich um Arbeitspläte

Firma Putzmeister: Nach Verkauf an chinesisches Unternehmen wird Standorttarifvertrag gefordert

Der Schock steckte den Putzmeister-Beschäftigten am Montagvormittag noch in den Knochen: Die meisten von ihnen haben am Wochenende aus den Medien erfahren, dass das Unternehmen zu 100 Prozent an einen chinesischen Wettbewerber verkauft wurde (wir berichteten). Betriebsrat und Gewerkschaft streben jetzt einen Standorttarifvertrag an.

Bei den Putzmeister-Beschäftigten herrscht Unmut über den Verkauf des Unternehmens.Foto: rik
Bei den Putzmeister-Beschäftigten herrscht Unmut über den Verkauf des Unternehmens.Foto: rik

Aichtal. Gestern Morgen versammelten sich rund 600 Mitarbeiter vor dem Werkstor. Die IG Metall hatte zu der Kundgebung aufgerufen. Die Unsicherheit, wie es nun mit den Arbeitsplätzen weitergeht, ist groß.

Dass sie von dem Verkauf aus den Medien erfahren mussten, macht die Beschäftigten wütend. Als Putzmeister am Freitag kurz vor 17 Uhr die Nachricht vom Verkauf bekannt gegeben hatte, waren die meisten schon im Feierabend. Auch im Betriebsrat habe man nichts gewusst, beteuerte dessen Vorsitzender Gerhard Schamber noch einmal: „Wir waren vollkommen überrascht.“ „Für uns ist diese Vorgehensweise ein untragbarer Stil“, sagt Schamber unter dem lauten Applaus der Mitarbeiter. Die Frage nach dem Warum des Verkaufs brennt den Kollegen auf den Nägeln. Sieghard Bender, Erster Bevollmächtigter der IG Metall im Kreis Esslingen, sagt, er glaube nicht, dass es aus wirtschaftlicher Not passiert sei. „Man könnte denken, Putzmeister sei pleite, aber das ist nicht so.“ Das Unternehmen habe im vergangenen Jahr einen guten Gewinn gemacht. Der Vorsitzende der Geschäftsführung Norbert Scheuch hatte auf Anfrage am Freitag gesagt, es gehe darum, in einem veränderten Weltmarkt Marktanteile und Wachstumsperspektiven zu sichern. „Aber das“, so Sieghard Bender, „wäre auch mit einer Kooperation gegangen.“ „Ich glaube deshalb, dass der Verkaufserlös der entscheidende Grund ist“, sagte Bender. Dieser liege nach seiner Einschätzung bei mehreren Hundert Millionen Euro. Putzmeister hatte dazu keine Angaben gemacht.

Das Geld komme vollständig den beiden gemeinnützigen Stiftungen des Firmengründers Karl Schlecht zu, in die dieser sämtliche Firmenanteile eingebracht hatte, hieß es.

Die Arbeitnehmer befürchten, dass über kurz oder lang Arbeitsplätze wegfallen könnten. Gewerkschaft und Betriebsrat forderten am Montag die Geschäftsleitung zu Verhandlungen über einen Standorttarifvertrag auf.

„Wir fordern einen Beschäftigungs- und Standortsicherungstarifvertrag bis 2020“, sagte Bender. Zwar dürften laut Bürgerlichem Gesetzbuch bei einem Eigentümerwechsel die bestehenden Regelungen ein Jahr lang nicht gebrochen werden, aber was danach komme, wisse niemand. Außerdem wolle man ein erweitertes Mitbestimmungsrecht im Aufsichtsrat: „Es darf nicht sein, dass künftig Entscheidungen über die Entwicklung und Produktion in China getroffen werden.“ Weiter bestehe man auf einer Zusicherung, dass vom neuen Eigentümer kein Geld aus der Firma herausgezogen werde. Und man fordere eine Beteiligung der Beschäftigten am Verkaufserlös. Denn die gelungene Sanierung nach der Wirtschaftskrise sei vor allem von der Belegschaft getragen worden. Falls die Geschäftsführung nicht gesprächsbereit sei, kündigte Bender weitere Schritte an: „Wenn nichts passiert, werden wir weiter kämpfen.“ In Aichtal sind bei Putzmeister 900 Mitarbeiter beschäftigt, weltweit sind es 3 000 Mitarbeiter.

Norbert Scheuch, Vorsitzender der Geschäftsführung, betonte am Montag auf die Vorwürfe hin nochmals, dass die Sorgen der Mitarbeiter hinsichtlich ihres Arbeitsplatzes unbegründet seien.

„Ich verstehe, dass es als Kulturschock empfunden wird, das mit den Chinesen zu machen, und wir werden diese Besorgnis auszuräumen versuchen“, sagte er. Die Forderungen der Gewerkschaft und des Betriebsrats werde man prüfen. Den Vorwurf, die Eigentümerfamilie wolle sich mit dem Verkauf bereichern, weist er zurück: „Der Erlös geht vollständig in die gemeinnützige Stiftung, die Familie Schlecht hat davon keinen Profit.“

Sany produziert bereits in einem Werk bei Köln. Sany Heavy Industry ist ein privatwirtschaftlicher chinesischer Konzern für Baumaschinen aller Art, der in den vergangenen Jahren zu einer weltweit agierenden Unternehmensgruppe gewachsen ist. Rund 70 000 Mitarbeiter sind nach Konzernangaben in mehr als 150 Ländern beschäftigt. Auch in Deutschland hat Sany mit seinem Eigentümer Liang Wengen – er gilt als einer der reichsten Männer im Reich der Mitte – bereits versucht, Fuß zu fassen. In Bedburg bei Köln errichtete der Konzern ein Produktionswerk, das im Juni 2011 in Betrieb genommen wurde und das bisher als Europazentrum fungiert. Laut Sany-Angaben seien die Investitionen in Bedburg mit 100 Millionen Euro die bisher größte Investition eines chinesischen Unternehmens in Europa.

Wie gestern zu hören war, ist man auch in Bedburg ob der überraschenden Putzmeister-Transaktion verunsichert, weil in dem dortigen Sany-Werk ebenfalls Betonpumpen produziert werden. Die Produktion befinde sich noch in der Anlaufphase, doch plant das Unternehmen Medienberichten zufolge dort jährlich rund 1 800 Pumpen und Fahrmischer zu produzieren.

200 Mitarbeiter sind in Bedburg in Produktion und Entwicklung beschäftigt. Bis 2015 solle diese Zahl auf 600 anwachsen.

Putzmeister zufolge indes soll Aichtal künftig der Hauptsitz für Betonequipment in der Welt außerhalb Chinas werden. Sany Heavy Industry sei die Nummer eins für Betonpumpen in China. Durch die Übernahme entstehe ein weltweiter Marktführer von Betonpumpen.

An der Transaktion ist auch der chinesische Finanzinvestor Citic PE Advisors beteiligt, der nun eine Minderheitsbeteiligung an Putzmeister hält. Als Finanzberater von Putzmeister agierte bei dem Verkauf die US-amerikanische Bank Morgan Stanley.

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