Lokales

Mobilitätswahn mit fatalen Folgen

Winfried Wolf plädiert in der Bastion für eine Verkehrswende

Sein persönliches „Erweckungserlebnis“ hatte Winfried Wolf vor über zwanzig Jahren, als er ein Doktoratsstipendium zur Erforschung der Geschichte von Automobil und Eisenbahn erhielt. Während dieser Arbeit entwickelte sich der nach eigenem Bekunden bis dahin leidenschaftliche Autofahrer zu einem glühenden Eisenbahnfan.

Kirchheim. Wolfs Dissertation erschien unter dem Titel „Eisenbahn und Autowahn“. Seither ist der Politikwissenschaftler und Verkehrsexperte ein begeisterter wie streitbarer Befürworter des öffentlichen Verkehrs. Eingeladen vom Kirchheimer Bündnis für K 21 und dem DGB in Zusammenarbeit mit der Bastion, referierte Wolf über die Mobilität im 21. Jahrhundert. Dabei sprach er auch über die Perspektiven der Verkehrsentwicklung jenseits von Großprojekten wie S 21 und zeigte Alternativen auf.

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Steigende Temperaturen, Überschwemmungen – die Auswirkungen des Klimawandels sind nicht mehr zu übersehen. Allein in den letzten dreißig Jahren habe sich die Zahl der Kilometer, die ein Mitteleuropäer jährlich durchschnittlich zurücklegt, verdoppelt: von etwa 7 000 Anfang der 1970er-Jahre auf 14 000 Kilometer heute, so Wolf. Für ihn ist es auch grotesk, China und Indien als Länder hinzustellen, die das Weltklima bedrohen. Ausgehend von der Tatsache, „dass die Automotorisierung in dieser Region dem westlichen Modell folgt und vor allem von den Autokonzernen in den USA, Japan und Westeuropa vorangetrieben wird“. Zu vergegenwärtigen ist, so der Referent weiter, dass von den 2008 weltweit registrierten 700 Millionen Pkws sich 480 Millionen oder knapp 70 Prozent auf die Regionen Nordamerika, Europa, Japan, Australien und Neuseeland konzentrieren, in denen nur 17 Prozent der Menschen Leben. Um es einmal ganz plastisch auszudrücken: In den vier Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen rollen mehr Personenkraftwagen als in Indien und China. „Man kann ihnen diese Art der Entwicklung nicht verwehren, aber sie wird nicht oder nicht nur vom Politbüro in China gemacht, sondern auch von westlichen Autokonzernen und einem in Südkorea – soll heißen, da liegt eine ganz konkrete Verantwortung bei uns, wir müssen eine andere Verkehrspolitik machen.“

Ein verkehrter Verkehr, meint Wolf und lokalisiert die Ursachen in der Struktur des weltweiten Kapitals, indem rund ein Drittel des Umsatzes der größten Konzerne auf Unternehmen entfällt, die konstitutiv für den „fossilen Kapitalismus“ sind. Die Macht der Konzerne, die alles für das Auto tun, zeigte Wolf am Beispiel von Los Angeles auf. „Das Schreckensbild einer Autostadt wuchs ursprünglich umweltfreundlich Hand in Hand mit der Straßenbahn, und bis zum Zweiten Weltkrieg besaß die Stadt das größte kommunale Schienennetz der Welt. Dann jedoch begannen die Firmen Standard Oil, General Motors und der Reifenhersteller Firestone, die Straßen- und Eisenbahnen an der Westküste aufzukaufen und nach und nach stillzulegen. In fast allen amerikanischen Großstädten sei Vergleichbares geschehen. Was wie eine Verschwörungstheorie klingt, wurde Mitte der 1970er-Jahre in einer Studie für den US-Senat dokumentiert.

Und wie sieht es nun mit den Schienensystemen in der Alten Welt aus? Auf Deutschland bezogen sieht Wolf ebenfalls gefährliche Entwicklungen. So seien hierzulande von 1994 bis 2007 rund 6 000 Kilometer Schienenetz abgebaut worden, in der Schublade würden weitere 10 000 Kilometer Abbauplanungen für die derzeit noch 34 000 Kilometer liegen. Die Ziele konzentrierten sich auf eine kleine Klientel, auf Hochgeschwindigkeit, Metropolverbindungen, jedoch nicht auf den Erhalt des Streckennetzes. Wolf: „Weitere regionale Verbindungen fallen weg und die Taktzeiten der Züge werden zurückgefahren. Bedient werden dann nur noch lukrative Strecken, auch mit der Folge von Personalabbau und Qualitätseinbußen beim Service und den Sicherheitsstandards.“

Wolf skizzierte die Entwicklung der verschiedenen Verkehrsmittel kritisch, bedachte dabei insbesondere die klimaschädigende Wirkung des Autos sowie den ungebremsten Flugverkehr. Er plädierte für Verkehrsvermeidung, den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, verwies auf fußgänger- und fahrradfreundliche Städte sowie auf autofreie Stadtzonen. Schließlich könne durch eine gezielte Strukturpolitik rund die Hälfte des Personenverkehrs vermieden werden.