Lokales

Nähen liegt wieder im Trend

Ein Besuch im Nähstudio der Familien-Bildungsstätte Kirchheim – Die angebotenen Kurse sind fast alle ausgebucht

Kirchheim. „Das sieht schon mal super aus. Du hast die Knöpfe fest angenäht, das ist gut.“ Elli Lütze betrachtet die ultramarinblaue Jacke einer ihrer Kursteilnehmerinnen. Die Direktrice leitet vier Nähkurse an der Familien-Bildungsstätte Kirchheim (FBS), die gut besucht sind, denn Nähen erfreut sich in letzter Zeit einer immer größeren Beliebtheit.

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Das Rattern von Nähmaschinen erfüllt den Raum. An der Wand des Studios sind spezielle Vorrichtungen montiert, an denen Garnrollen und Reißverschlüsse unterschiedlicher Farben angebracht sind. Die meisten Frauen, die den Kurs besuchen, kennen sich schon lange. Nur Magdalena Filipetz ist erst zum dritten Mal dabei. Zu ihrem 70. Geburtstag bekam sie von ihren Kindern eine Nähmaschine geschenkt. Ihre Enkelin, die selbst näht, motivierte sie, wieder einen Nähkurs zu besuchen.

Die Frauen sind immer offen und ehrlich zueinander, denn das Urteil der jeweils anderen ist ihnen wichtig. Jeder bringt Ideen mit. Sie tauschen untereinander Erfahrungen aus und erhalten von Elli Lütze Rat, wenn etwas nicht funktioniert. Da die Direktrice zwei Jahre lang eine Modeschule besuchte und bei Burda in Offenburg arbeitete, kann sie Maßschnitte anfertigen. „Manchmal zeigen wir ihr Bilder aus Katalogen und sie entwirft dazu die Schnittmuster“, erklärt Margareta Beutelschieß bewundernd. Schon seit fast zwölf Jahren näht sie bei Elli Lütze und wechselt sich mit einer Partnerin beim Kursbesuch ab. Da sie nur alle zwei Wochen ins Nähstudio kommt, hat sie auch daheim Zeit, an ihrem Kleidungsstück selbstständig zu arbeiten. Im Kurs erhält sie das nötige Feedback und Hilfe, wenn Schwierigkeiten auftauchen.

Elli Lütze vermisst die Frauen und passt die Schnittmuster individuell an. Den Vorteil am Nähen sieht sie hauptsächlich darin, dass man sich die Kleider so anpassen kann, wie man sie braucht. Auch wenn man Problemzonen gezielt kaschieren möchte, muss man nicht auf modische Kleidung verzichten. Die meisten ihrer Kursteilnehmerinnen nähen, weil ihnen die Kleider von der Stange nicht zufriedenstellend passten. „Eine neue Hose anfertigen geht schneller als Abnehmen“, wirft Margareta Beutelschieß lachend ein. Rosemarie Kazmaier besucht Elli Lützes Nähkurse seit zehn Jahren und näht neben Jeans, Jacken und Röcken auch Dirndl. „Ich kaufe eigentlich nur T-Shirts“, erklärt sie. „Alles andere nähe ich selbst.“

Symbolbild

Einen weiteren Grund für die steigende Beliebtheit des Nähens sieht Elli Lütze im neuen Stellenwert, den das Nähen in der Pädagogik einnimmt: „Der ganze Körper soll eingesetzt, Motorik und Kreativität sollen gefördert werden. Der Trend richtet sich gegen den hohen Computer- und Fernsehkonsum und deren Einseitigkeit.“ Handarbeiten im Grundschulalter förderten wissenschaftlich bewiesen die Intelligenz von Kindern. Nachdem Nähen bei Kindern lange als konservativ und „out“ gegolten habe, würde es jetzt an den Schulen wieder verstärkt aufgegriffen. Über das Internet finden jüngere Menschen vermehrt Zugang zu Gleichgesinnten. Auf www.ravelry.com, einer Community für Näh- und Häkel-Fans, können Anleitungen ausgetauscht und fertige Stücke präsentiert werden. Sogar Schnittmuster fürs eigene Brautkleid sind auf www.burdastyle.de erhältlich. Viele Homepages bieten kostenlose Schnitte zum Herunterladen an.

Die Teilnehmerinnen von Elli Lützes Nähkurs orientieren sich dagegen hauptsächlich an Nähzeitschriften. Gemeinsam besuchen sie den großen Stoffmarkt in Ludwigsburg, der zwei Mal im Jahr stattfindet und von dem sie den Großteil ihrer Stoffe beziehen. „Dort gibt es alles. Man kann in Stoffen schwelgen“, sagt Margareta Beutelschieß augenzwinkernd. „Wir etwas Älteren haben alle ein Stofflager zu Hause. Wenn man eine Weile näht, ist man stoffverrückt.“ Die Liebe zum Stoff haben alle gemein. An der Wand des Nähstudios hängt der Spruch: „Das richtige Stoffstückchen beruhigt die Nerven, streichelt die Seele und macht Freude. Außerdem ist es immer billiger und meist sinnvoller als ein Psychiater.“

Stoffe werden jedoch nach Elli Lützes Aussage immer teurer, denn viele Läden schließen: „Früher gab es in Deutschland eine hoch entwickelte Textilindustrie, die Produktion wurde jedoch nach und nach zu teuer. Heute herrscht in Indien ein modernes Sklaventum.“ Die Ablehnung von mit Kinderarbeit produzierter Kleidung scheint ein weiterer Faktor zu sein, um selbst zu Nadel und Faden zu greifen, beziehungsweise zur Nähmaschine. In Elli Lützes Nähstudio stehen 13 verschiedene Modelle. Da die Maschinen oftmals Probleme bereiten, ist technische Kenntnis erforderlich. Ein besonderes Modell ist die Overlock, die nähen, abschneiden und versäumen kann. Durch Differenzialtechnik wird besonders viel Gestaltungsraum geboten.

Es kommen auch viele berufstätige Frauen zu Elli Lütze. Sie betrachten das Nähen als Ausgleich zum hektischen Alltag. Sich für eine Arbeit so viel Zeit nehmen zu können, wie man will, ist allem Anschein nach ein beruhigender Gedanke.