Lokales

Neidlingen im großen Friedenswerk von 1648

Geschichte und Gegenwart im Landkreis Esslingen: Vortragsabend über den Dreißigjährigen Krieg im einstigen Amt Kirchheim

Über Geschichte, die sich vor Ort ereignet hat, möchte das Esslinger Kreisarchiv auch möglichst vor Ort berichten. Deshalb gab es in Neidlingen in der Reihe „Geschichte und Gegenwart“ einen Abend über den Dreißigjährigen Krieg im württembergischen Amt Kirchheim. Als Überschrift diente ein passendes Zitat Friedrich Schillers: „Verwüstete Felder, eingeäscherte Dörfer“.

In Neidlingen hielten sich die Zerstörungen des Dreißigjährigen Kriegs in Grenzen. Das Schloss zumindest überstand den Krieg unb
In Neidlingen hielten sich die Zerstörungen des Dreißigjährigen Kriegs in Grenzen. Das Schloss zumindest überstand den Krieg unbeschadet.Foto: Kreisarchiv Esslingen

Neidlingen. Eigentlich würde dem Zitat aus Schillers „Geschichte des dreißigjährigen Krieges“ noch etwas vorausgehen, sagte Kreisarchivar Manfred Waßner zu Beginn des kurzweiligen Abends. Schiller schreibe nämlich auch von verbrannten Schlössern. Das passe aber nicht zu Neidlingen. Nicht dass es dort kein Schloss gegeben hätte, aber dieses Schloss sei eben nicht dem Dreißigjährigen Krieg, sondern erst weitaus später der Spitzhacke zum Opfer gefallen.

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Aber in der Vortragsreihe geht es nicht nur um einen Bezug zum Ort, sondern auch zur Gegenwart. Diesen Bezug stellte Manfred Waßner gleich doppelt her: Zum einen seien heutige Konflikte auf der Welt kompliziert und verworren und erschienen als unlösbar. Nicht anders sei es den Menschen im Dreißigjährigen Krieg gegangen; entsprechend lange dauerten die Friedensverhandlungen. Andererseits seien viele Menschen damals Seuchen zum Opfer gefallen, die häufig als „Pest“ bezeichnet wurden. Auch heute noch gebe es „strukturelle Ähnlichkeiten“, beispielsweise beim Thema „Ebola“, auch wenn es nicht direkt vergleichbar sei.

Über die Rahmenbedingungen des Dreißigjährigen Kriegs berichtete anschließend Professor Dr. Franz Brendle von der Universität Tübingen. Dieser Krieg des 17. Jahrhunderts sei lange Zeit als das Kriegstrauma schlechthin im kollektiven deutsche Gedächtnis verankert gewesen. Erst im 20. Jahrhundert habe der Erste Weltkrieg damit begonnen, die Erinnerung an die ganz große Katastrophe des Dreißigjährigen Kriegs zu verdrängen. Immerhin aber gibt es eine Strophe des Lieds „Maikäfer, flieg“, die bis heute bekannt ist und sogar namentlich Bezug nimmt auf eine wichtige Kriegsmacht und einen ihrer bedeutendsten Repräsentanten: „Bet‘t, Kinder, bet‘t. Morgen kommt der Schwed‘. Morgen kommt der Oxenstern, wird die Kinder beten lehr‘n. Bet‘t, Kinder, bet‘t.“

Gewisse Zahlen veranschaulichten die Notwendigkeit, die es damals zum Beten gab: Der Bevölkerungsrückgang habe zwischen 30 und 70 Prozent betragen, sagte Franz Brendle, das sei regional sehr unterschiedlich gewesen. „Ganze Landschaften wurden auch völlig ausgerottet, und manche Dörfer blieben ganz ohne Einwohner zurück.“  Wenn im Schnitt die Hälfte aller Einwohner dem Krieg, der Gewalt, den Krankheiten und dem Hunger während der 30 Jahre zwischen 1618 und 1648 zum Opfer fielen, dann würde das für heutige Verhältnisse bedeuten, dass Deutschland rund 40 Millionen Einwohner verlieren würde.

Allerdings betonte Franz Brendle, dass es auch im Dreißigjährigen Krieg nicht nur Verlierer gegeben habe, sondern durchaus auch so etwas wie „Kriegsgewinnler“. Das seien große Städte wie Augsburg oder Straßburg gewesen, die stark befestigt waren und vom Krieg und dessen Bedürfnissen profitieren konnten – oder auch der Graf von Oldenburg, der Freund und Feind mit Pferden versorgt habe.

Gängigste Interpretation des Dreißigjährigen Kriegs sei lange Zeit die eines Religionskriegs gewesen. So sehr das auch zutrifft, sei doch nicht zu vergessen, dass es nicht nur um Protestantismus und Katholizismus, um Reformation und Gegenreformation ging, sondern auch um handfeste Machtpolitik – vor allem um einen Machtkampf zwischen habsburgischen Kaisern und französischen Königen. Das katholische Frankreich habe sich gerne mit dem protestantischen Schweden verbündet, um das katholische Kaiserhaus zu schwächen. Auch bei König Gustav II. Adolf von Schweden sei beides zu beobachten. So wurde er lange Zeit als „Retter des Protestantismus“ verherrlicht, der er sicher auch war. Aber genauso sei es ihm um die schwedische Vormacht im baltischen Raum gegangen.

Den Menschen im Heiligen Römischen Reich sei es irgendwann einmal völlig egal gewesen, welche Kriegsmacht da gerade zum dritten Mal das Land ausplündert oder zum vierten Mal das gesamte Vieh wegtreibt. Und ganz am Ende habe es nach langen Verhandlungen eine pragmatische Friedenslösung gegeben: Alle wichtigen Organe des Reiches wurden paritätisch besetzt, sodass keine Konfession die Oberhand gewinnen konnte. In Augsburg, Dinkelsbühl, Biberach und Ravensburg seien deshalb sogar alle Ämter doppelt besetzt gewesen – vom Bürgermeister bis hin zum Nachtwächter und zum Totengräber. Gehalten habe der Westfälische Friede im Inneren bis zum Ende des alten Reichs 1806.

Kirchheims Stadtarchivar Dr. Joachim Brüser ging schließlich noch auf das Herzogtum Württemberg, das Amt Kirchheim und die Herrschaft Neidlingen ein. Bindeglied hierfür war Konrad  Widerholt. Zunächst aber sprach er von der Neutralität Württembergs, die Herzog Johann Friedrich bereits 1608 – also zehn Jahre vor Kriegsbeginn – aufgibt, indem er der Protestantischen Union beitritt. Lange Zeit habe Württemberg „nur“ die Kriegsrüstungen gespürt, einhergehend mit Teuerungen. 1622 dann ein prominenter Kriegsteilnehmer, der in der Schlacht bei Wimpfen sein Leben lässt: Magnus von Württemberg, Bruder des regierenden Herzogs, 1594 in Kirchheim geboren. Als Feldherr gekämpft habe er aber nicht für Württemberg, sondern für Baden.

So richtig kam der Krieg erst 1634, nach der Schlacht bei Nördlingen, in Württemberg an, dafür aber umso heftiger. 1635 waren alle Landesfes­tungen verloren, also auch Kirchheim. Einzig der Hohentwiel hielt bis Kriegsende stand, verteidigt von seinem Kommandanten Konrad Wider­holt. Selbst Herzog Eberhard III. befand sich in Straßburg im Exil: „Das Land war vier Jahre lang führungslos. Die Bevölkerung in ganz Württemberg war Plünderungen und Brandschatzungen ausgesetzt. Es war eine Welle der Zerstörung, von Mord und Totschlag.“ Wer aus dem Umland ins befestigte Kirchheim kam, hatte Glück. Die anderen versuchten, sich in den Wäldern zu verstecken.

Holzmaden etwa sei 1639 komplett niedergebrannt gewesen, „bis auf drei Häuser“. Auch später kam Joachim Brüser noch einmal auf Holzmaden zu sprechen, und das klang noch verheerender: „Nach dem Krieg waren noch zwei Einwohner Holzmadens am Leben.“ Für den Wiederaufbau rund um die Teck sorgte Konrad Wider­holt, der 1650 den Hohentwiel verließ, um im Amt Kirchheim als Obervogt zu wirken. Außerdem war ihm die Herrschaft Neidlingen übertragen worden. Weil Neidlingen damals eine eigenständige Herrschaft innerhalb des Herzogtums Württemberg war, ergibt sich daraus die kuriose Tatsache, dass Neidlingen explizit im Friedensvertrag von 1648 aufgezählt wird: „Schloß vnd Dorff Neidlingen / mit seiner Zugehörung“.

Die Aufbauleistung ist sicher Konrad Widerholts Verdienst. Joachim Brüser verwies aber auch darauf, dass die Heldenverehrung für seine kriegerischen Taten im Hegau sich auf Württemberg beschränkt habe. Im Südbadischen genießt er dagegen als Mordbrenner bis heute einen Ruf, der Kinder das Fürchten lehrt.

Andererseits sollten schon bald die nächsten Kriege folgen. Noch im 17. Jahrhundert fielen die Truppen König Ludwigs XIV.  von Frankreich in den deutschen Südwesten ein – teils mit ähnlich verheerenden Folgen. Insofern bleibt für die Gegenwart als Mahnung zu bedenken, was Kreisarchivar Waßner einrahmend sagte: „Demnächst haben wir in Mitteleuropa seit 70 Jahren Frieden. Ein solch langer Zeitraum war früher unvorstellbar. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass man aus der Geschichte doch noch etwas lernen kann.“