Lokales

Neue Schulform fällt vorerst durch

Informationsveranstaltung in der Limburghalle deckt Meinungen zu Gemeinschaftsschule auf

In absehbarer Zeit wird es in Weilheim wohl keine Gemeinschaftsschule geben. Das ist die Quintessenz einer Informationsveranstaltung, die in der Limburghalle über die Bühne ging. Sowohl Bürgermeister Johannes Züfle als auch der Rektor der Realschule, Winfried Rindle, bezogen eindeutig Stellung gegen die neue Schulform.

Bunte Vielfalt oder klares Sortieren - das Hintergrundbild zeigt den Unterschied zwischen Gemeinschaftsschule und bisherigem Sch
Bunte Vielfalt oder klares Sortieren - das Hintergrundbild zeigt den Unterschied zwischen Gemeinschaftsschule und bisherigem Schulsystem. In einer Infoveranstaltung in der Weilheimer Limburghalle bezogen Bürgermeister Johannes Züfle, Realschulrektor Winfried Rindle, der Leitende Schulamtsdirektor Dr. Günter Klein und der Rektor der Werkrealschule, Christian Birzele-Unger (von links) Position und erhellten die Unterschiede der Schulformen.Foto: Jean-Luc Jacques

Weilheim. In Gang gesetzt hatte die Soziale Bürgervereinigung (SBV) die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema Gemeinschaftsschule in Weilheim. Im Januar hatte sie im Rahmen der Haushaltsdebatte beantragt, eine Diskussionsveranstaltung anzubieten. Intern befassten sich die Schulen längst mit dem Thema, der Gemeinderat hat zwischenzeitlich hinter verschlossenen Türen beraten und es fanden Gespräche mit dem Schulamt sowie den Schulleitern statt.

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Zum Auftakt der Informationsveranstaltung in der Limburghalle am Montagabend positionierte sich Bürgermeister Johannes Züfle eindeutig: „Ich möchte eine Lanze brechen für einen differenzierten Schulstandort Weilheim.“ Dennoch gebe es gewichtige Gründe, sich mit dem Thema zu beschäftigen: „Der Zug Richtung Gemeinschaftsschule fährt“, so der Rathauschef. Zudem propagiere die Landesregierung ein zweigliedriges Schulsystem, und es gebe künftig aufgrund der demografischen Entwicklung weniger Schüler auf das Schulsystem zu verteilen.

Die Überlegungen des Bürgermeisters gingen indes auch in eine andere Richtung: Wie er mitteilte, sei die Verwaltung beim Regierungspräsidium vorstellig geworden, um abzuklären, ob in Weilheim ein Gymnasium möglich wäre. „Wir sehen uns in der Pflicht, attraktiver zu werden“, so lautete Züfles Begründung. Voraussetzung sei aber, in den Eingangsklassen dauerhaft 60 Kinder zu haben. Das gebe die Geburtenstatistik langfristig nicht her. Im gerade begonnenen Schuljahr besuchen von 188 Fünftklässlern aus dem Verwaltungsraum 55 Kinder ein Gymnasium. Im Schuljahr 2021/22 wird es im Einzugsgebiet voraussichtlich nur noch 136 Fünftklässler geben.

Die Werkrealschule wiederum ist in den Augen Züfles eine „kleine, feine und wichtige Schule“, die eine gezielte Förderung ermögliche. Der Bürgermeister legte auch dazu Zahlen offen: Ausgehend von der Annahme, dass künftig rund zehn Prozent eines Jahrgangs die Werkrealschule besuchen, wird die notwendige Klassenstärke von 16 Schülern im Schuljahr 2016/17 gerade noch um ein Kind übertroffen, im Jahr 2019/20 sind es voraussichtlich nur noch 13 Kinder – zu wenig, um eine Eingangsklasse zu bilden. Eine Perspektive, die den Rektor der Weilheimer Werkrealschule, Christian Birzele-Unger, schon vor Längerem zu einem Verfechter einer Gemeinschaftsschule werden ließ. Die Fragerunde bei der Infoveranstaltung nutzte der Pädagoge, um zu beschreiben, wie Schule in Weilheim seiner Ansicht nach weitergedacht werden müsste: „Wir sollten nicht von den Schularten her denken, sondern von den Schülern her“, so lautete sein Appell. Die Qualität einer Schule definiere sich im Übrigen nicht über Standards, sondern sei abhängig von den Personen, die dort arbeiten. Birzele-Unger stellte die Frage in den Raum: „Kann sich Weilheim erlauben, für zehn Prozent der Kinder kein Bildungsangebot mehr zu machen?“ Die Hälfte der Jugendlichen besuchten nach der Werkrealschule weiterführende Schulen. „Wir haben Kinder mit Potenzial“, betonte Birzele-Unger. Er machte sich für eine gemeinsame Lösung stark und rief dazu auf, ein regionales Schulentwicklungskonzept mit den Schulen aus dem Verwaltungsraum auf die Beine zu stellen. – „Sonst vertun wir eine Chance.“

Das sah der Rektor der Realschule, Winfried Rindle völlig anders: „Ich frage mich, ob wir mit dem differenzierten Schulsystem nicht gut gefahren sind?“ Er hob hervor, dass vieles, was die Gemeinschaftsschule auf ihre Fahnen hefte, die Realschule Weilheim bereits bieten könne. Der Schulleiter verwies auf zehn Inklusionsfälle und einen sehr hohen Übergang an berufsbildende Gymnasien mit mehr als 50 Prozent in einzelnen Jahrgängen. Die Durchlässigkeit sei gegeben. „Gemeinschaftsschule bedeutet gleichzeitig verbindliche Ganztagesschule. Dazu muss eine Kommune dann bereit sein“, gab Rindle zu bedenken. Er befürchtete, die Gemeinschaftsschule bringe einen Niveauverlust mit sich. In Bad Boll hätten sich neun Kollegen ein Bild von der neuen Schulform gemacht und gesehen, wie intensiv in den Lernateliers gearbeitet werde. Rindle stellte allerdings infrage, ob damit auch ein vernetztes Denken einhergehe.

Dr. Günter Klein, Leitender Schulamtsdirektor, griff den Ball von Rindle auf: „Ich weiß nicht, ob es eine Gemeinschaftsschule für Weilheim braucht.“ Die Stadt habe ein gutes Bildungsangebot. Auch stimmte er mit Rindle darin überein, dass vieles, was die Gemeinschaftsschule für sich proklamiere, auch in anderen Schulen umsetzbar sei. „Das gilt aber nicht für die Zieldifferenz“, verdeutlichte Klein. Empfehlungen bezüglich des richtigen Wegs für die Weilheimer Schullandschaft erteilte Klein den Vertretern von Verwaltung und Schulen nicht. „Ich sehe das entspannt. Sie müssen das für sich entscheiden, ob eine Gemeinschaftsschule für Sie infrage kommt oder nicht.“ Sie könne jedoch nicht per Gemeinderatsbeschluss herbeigeführt werden, sondern es gebe ein relativ strenges Überprüfungsverfahren. „Es gehen nur die Schulen an den Start, die den hohen Ansprüchen pädagogischer Qualität gerecht werden.“ (Siehe auch gesonderten, untenstehenden Bericht)

Vielfalt stellt kein Handicap dar

Wodurch zeichnet sich die von der grün-roten Landesregierung auf die Schiene gesetzte Gemeinschaftsschule aus? Der Leitende Schulamtsdirektor des Staatlichen Schulamts Nürtingen, Dr. Günter Klein, beschrieb während der Informationsveranstaltung in der Weilheimer Limburghalle die Möglichkeiten der neuen Schulform.

Anke Kirsammer

Weilheim. „Grundsätzlich haben wir in Deutschland ein sehr gutes Schulsystem mit einem recht breiten Sortiment an Schularten.“ Das schickte der Schulamtschef Dr. Günter Klein seinen Ausführungen zur Gemeinschaftsschule voraus. Allerdings sei die Frage der Bildungsgerechtigkeit in der Bundesrepublik nicht gelöst. Noch immer hänge der Schulabschluss wie in kaum einem anderen Land von der Herkunft ab. „Wir können es uns nicht leisten, irgendwelche Begabungen nicht zu nutzen“, unterstrich Klein. Das gemeinsame Lernen, das international gute Ergebnisse hervorbringe, sei eine Zukunftsfrage, der man sich stellen müsse. „Die Türschildfrage ist ne­bensächlich“, verdeutlichte Klein. Vielmehr gehe es um die pädagogische Qualität. Mittlerweile gibt es knapp 130 Gemeinschaftsschulen im Land.

Die Gemeinschaftsschule gehe davon aus, dass Vielfalt kein Handicap darstelle, sondern eine Bereicherung. „Wir lernen dazu, wenn wir mit Dingen konfrontiert werden, die wir nicht kennen“, so der Schulamtschef. Dass Schüler mit unterschiedlichen Voraussetzungen in einer Lerngruppe säßen, sei im Übrigen nicht Neues: „Das ist genauso beispielsweise in der Grundschule oder in der Realschule.“ Die Gemeinschaftsschule sehe einen Mix vor aus gewohnten Lehrervorträgen, selbstständigem und gemeinsamem Lernen. „Jedes Kind wird auf seinem Lernweg individuell und systematisch begleitet. Dazu wird ermittelt, auf welchem Niveau es sich befindet“, erklärte der Schulamtsleiter. „Der entscheidende Unterschied zu anderen Schularten ist das Prinzip der Zieldifferenz. Das ist auch ihr großer Charme.“ Demzufolge kann die Leistung jedes Jugendlichen nach dem Standard des Gymnasiums, der Realschule oder der Hauptschule gemessen werden. „Wer in Mathe hervorragend ist, ist vielleicht in Deutsch schwach. – In der Gemeinschaftsschule lernt jeder nach seinen Möglichkeiten“, erläuterte Klein. Das halte er für den eigentlichen Gewinn der Schulart, denn eine Überforderung könne genauso wie eine Unterforderung zu einem „komischen Verhalten“ von Schülern führen. „Sie müssen sich davon lösen, für alle Kinder dieselbe Messlatte zu haben.“

Wie der Leitende Schulamtsdirektor weiter erklärte, sei die Gemeinschaftsschule vom Grundsatz her eine inklusive Schule, eine Schule also, die auch Kinder mit einer Behinderung aufnimmt. Als Kern bezeichnete er die Sekundarstufe I mit den Klassen fünf bis zehn. Möglich sei, nach der neunten Klasse mit dem Hauptschulabschluss beziehungsweise nach der zehnten mit dem Realschulabschluss auszusteigen oder die gymnasiale Oberstufe anzuhängen. Voraussetzung dafür sei jedoch, dass der Jugendliche in der Gesamtschau nach dem gymnasialen Standard gearbeitet habe. „Es gibt also keinen Abschluss ohne Anschluss“, sagte Klein. Ziel sei, jedem Kind zu dem für ihn bestmöglichen Abschluss zu verhelfen. Ziffernzeugnisse während der Schulzeit gebe es lediglich, wenn das von den Eltern gewünscht werde, ansonsten seien aussagekräftigere Lernentwicklungsberichte die Regel.

In der Gemeinschaftsschule gebe es kein Sitzenbleiben. „Wenn Kinder erfolgsorientiert arbeiten können, braucht es das auch nicht“, betonte Klein. Dass sie für alle, je nach Spielart, eine an drei oder vier Tagen verpflichtende Ganztagesschule sei, fänden Eltern manchmal erschreckend. Als Grundprinzip gelte, den Tag zu rhythmisieren – einen sinnvollen Wechsel zwischen Spannung und Entspannung hinzubekommen. Ganztagesschüler erreichten in der Regel bessere Abschlüsse. Darüber hinaus reagiere man damit auf den gesellschaftlichen Bedarf an Fachkräften und die Möglichkeit, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. „Wenn die Schule spätestens um 16 Uhr endet und sämtliche Hausaufgaben erledigt sind, kann das auch eine Entlastung sein.“

Der Leiter des Schulamts hob hervor: „Die Gemeinschaftsschule ist eine leistungsorientierte, anspruchsvolle Schulart, in der jeder immer wieder an seine Grenzen geführt wird.“ Der Zusammenhang zwischen Elternhaus und Schulleistung sei weniger deutlich als sonst. Zudem biete sich für Eltern die Chance, erst später zu entscheiden, welchen Abschluss ihr Kind machen soll.

Ausführlich beantwortete Klein im Anschluss an sein Referat den bunten Mix an kritischen Fragen aus den Reihen der Zuhörer, zu denen Eltern und Lehrer genauso gehörten wie Stadträte.