Lokales

Ostfildern distanziert sich von Murr

Ehrenbürgertitel für früheren NSDAP-Reichsstatthalter offiziell aberkannt

Eigentlich ist die Ehrenbürgerschaft des ehemaligen NSDAP-Gauleiters und Reichsstatthalters Wilhelm Murr schon mit seinem Tod 1945 erloschen. Aber die Stadt Ostfildern geht noch einen Schritt weiter: Sie distanziert sich per einstimmigem Beschluss des Gemeinderats ausdrücklich von der Entscheidung des früheren Scharnhausener Gemeinderats.

Harald Flösser

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Ostfildern. Das Gremium der ehemals selbstständigen Filderkommune Scharnhausen hatte Murr am 21. März 1933 „in Anerkennung seiner großen Verdienste um die nationale Erhebung“ den Ehrenbürgertitel verliehen. – Ostfilderns Gemeinderat folgte jetzt mit dem Beschluss einer Empfehlung des baden-württembergischen Städtetags, sich „anlässlich des Gedenkens an den Kriegsbeginn am 1. September 1939 von Ehrenbürgern, die ihre Würde für Verdienste um den Nationalsozialismus erlangt haben, öffentlich zu distanzieren und hierfür eine symbolische Aberkennung der Ehrenbürgerwürde“ vorzunehmen.

Wilhelm Murr, ein gebürtiger Esslinger, war der NSDAP schon 1923 beigetreten und amtierte von 1928 bis 1945 als Gauleiter von Württemberg-Hohenzollern. Nach einer kurzen Phase als württembergischer Staatspräsident 1933 führte er bis 1945 den Titel „Reichsstatthalter“. Nach der Kapitulation nahm er sich das Leben.

Während es in vielen Gemeinden goldene Bücher mit Einträgen der Geehrten oder kunstvoll gestaltete Ehrenbürgerlisten gab, die in den Rathäusern ausgehängt wurden, ist von Scharnhausen dergleichen nicht bekannt. Nach 1945 sei Murrs ehemalige Ehrenbürgerschaft aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Eine posthume Würdigung, etwa durch Pflege und Publikation von Ehrenbürgerlisten oder Kranzniederlegungen, habe es in Scharnhausen oder seit 1975 in Ostfildern nie gegeben, sagt Ostfilderns Stadtarchivar Jochen Bender.

Als man den Aktenbestand von Scharnhausen 2003 offiziell verzeichnet hat, wurde Murrs Ehrenbürgerschaft als historische Tatsache im Findbuch des Stadtarchivs veröffentlicht und zeitgleich ins Internet gestellt. Da findet sich die ehemalige Nazi-Größe heute noch. Seit 2005 gibt es im Lexikon Wikipedia unter Ostfildern einen Eintrag über die frühere Ehrenbürgerschaft Wilhelm Murrs.

Der Rat des Städtetags fiel in Ostfildern auf besonders fruchtbaren Boden. Im vorigen Jahr war lange im Gemeinderat darüber debattiert worden, ob eine Straße im Scharnhauser Park weiter nach Ernst Heinkel benannt werden soll. Der Historiker Roman Fröhlich hatte herausgefunden, dass der begnadete Tüftler auch ein gnadenloser Profiteur des Hitler-Regimes gewesen sein soll. Der Straßenname wird vorerst nicht geändert. Aber der Gemeinderat beschloss, sich kritisch mit der Thematik „Spuren des Nationalsozialismus in der Stadt“ auseinanderzusetzen.