Lokales

Pflege auf Russisch

„Hoffnungstal“ ist der erste ambulante Pflegedienst in Kirchheim, der auf Migranten spezialisiert ist

In Kirchheim gibt es immer mehr Spätaussiedler die pflegebedürftig werden. Sie in ein Heim zu geben, kommt für ihre Angehörigen meist nicht infrage. An dieser Stelle kommt der ambulante Pflegedienst „Hoffnungstal“ ins Spiel. Er ist auf russischsprachige Menschen spezialisiert.

Paul Arnold (links) kann sich nicht mehr selbst ankleiden. Pflegerin Lidia Ermisch (Mitte) hilft ihm dabei, während Ida Arnold (
Paul Arnold (links) kann sich nicht mehr selbst ankleiden. Pflegerin Lidia Ermisch (Mitte) hilft ihm dabei, während Ida Arnold (rechts) zusieht. Der russischsprachige Pflegedienst ¿Hoffnungstal¿ besucht die Arnolds dreimal am Tag in ihrer Wohnung.Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Es ist 8 Uhr morgens. In die Souterrainwohnung am Kegelesbach fällt ein wenig Morgenlicht, vor den Fenstern rauscht der Autobahnverkehr. Die 82-jährige Ida Arnold sitzt angekleidet in ihrem Sessel und schaut Lidia Ermisch bei ihrer morgendlichen Routine zu. Die Pflegerin vom ambulanten Dienst „Hoffnungstal“ misst Paul Arnolds Blutdruck und seinen Blutzuckerspiegel. Nach der Insulinspritze kommt die Fußpflege an die Reihe. Anschließend kleidet Lidia Ermisch den 82-Jährigen Stück für Stück an und hilft ihm vom Pflegebett in den Rollstuhl. Am Mittag wird Lidia Ermisch wiederkommen, und am Abend wiederholt eine andere Pflegerin alles noch einmal. Nur eben umgekehrt.

Anzeige

Familie Arnold hat den größten Teil ihres Lebens in Kasachstan verbracht. 1998 kamen die beiden Deutschstämmigen als Spätaussiedler in die Bundesrepublik. Seit fünf Jahren leben sie in der Wohnung am Kegelesbach, gemeinsam mit dem Schwiegersohn, der Enkelin und deren Familie. Eigentlich ist es ein klassisches Mehrgenerationenhaus. Doch die aufwendige Pflege der beiden Alten kann die Familie nicht selbst erledigen. Die Tochter der Arnolds ist gestorben, die Enkelin und ihr Mann sind berufstätig. Deshalb kommen Lidia Ermisch und ihre Kolleginnen vom ambulanten Pflegedienst „Hoffnungtal“ dreimal am Tag, um die Arnolds zu pflegen und einmal wöchentlich, um ihre Wohnung zu reinigen. Alle Mitarbeiterinnen stammen aus der ehemaligen Sowjetunion. Und alle sprechen auch russisch.

Bundesweit gibt es immer mehr Pflegedienste, die sich auf Migranten und ihre Bedürfnisse spezialisieren. In Kirchheim ist „Hoffnungstal“ als erster ambulanter Pflegedienst in diese Lücke gestoßen. Der Dienst versorgt mehrheitlich russischsprachige Patienten. Es sind aber auch Deutsche dabei.

„Hoffnungstal“ ist ein Familienunternehmen, das von Lidia Ermisch und ihrer Tochter Natalia gegründet worden ist. Die Ermischs sind ebenfalls Spätaussiedler. 1995 ist die Familie aus Kasachstan nach Deutschland gekommen. Die Mutter, die in Russland als Krankenschwester gearbeitet hatte, ließ in Berlin ihre Qualifikation anerkennen und arbeitete später als Pflegedienstleiterin bei einem ambulanten Dienst in Stuttgart. Nach Kinderpause und Ausbildung zur Industriekauffrau stieß Tochter Natalia als Bürohilfe dazu. „Irgendwann haben wir gesagt: Lass‘ uns was eigenes aufziehen“, erinnert sich die Tochter. Im Oktober 2010 ließen sie den Worten Taten folgen und gründeten in Kirchheim den Pflegedienst „Hoffnungstal“.

Bei allem Zeit- und Dokumentationsdruck, unter dem jeder ambulante Pflegedienst gleichermaßen ächzt: Den „Hoffnungstal“-Gründerinnen ist es wichtig, sich für die Patienten Zeit zu nehmen, mit ihnen zu sprechen und keinen Druck aufzubauen. Da die Patienten zwar deutschstämmig sind, jedoch aus einer anderen Kultur stammen, müssen die „Hoffnungstal“-Mitarbeiter häufiger Übersetzungshilfe leisten, bei der Arztwahl unterstützen oder beim Papierkram helfen,

Der Druck, seine Alten möglichst lang zu Hause zu versorgen, ist bei Russischsprachigen noch größer als bei Deutschen, erklärt Natalia Ermisch. „Es ist bei uns schlecht angesehen, wenn man die Eltern ins Pflegeheim bringt. Man hat einfach für sie zu sorgen.“ Selbst wenn die Angehörigen am Ende ihrer Kräfte seien, kämpften sie darum, die Eltern zu Hause zu behalten. „Lieber wechseln sich die Angehörigen mit der Pflege ab oder holen sich Hilfe von einem Pflegedienst, als die Eltern wegzugeben“, weiß Natalia Ermisch. Dass es irgendwann ein russischsprachiges Pflegeheim in Kirchheim geben wird, ist für sie deshalb schwer vorstellbar. Eine „Alten-WG“, wie die Pflegereform sie in der Zukunft ermöglichen soll, könnte sie sich schon eher vorstellen.

Kein muslimischer Pflegedienst in Kirchheim

Der ambulante Pflegedienst „Hoffnungstal“ ist aktuell der einzige Dienst, der sich auf eine bestimmte Migrantengruppe spezialisiert hat. Während es in Stuttgart bereits einige Dienste gibt, die sich besonders auf die religiösen und kulturellen Bedürfnisse von Muslimen eingestellt haben, existiert in Kirchheim laut Roland Böhringer kein solcher Dienst. „In Stuttgart ist der Anteil von Muslimen an der Bevölkerung ja noch einmal deutlich höher“, sagt der Leiter des Amts für Familie und Soziales. Roland Böhringer glaubt jedoch nicht, dass es notwendigerweise einen separaten Dienst braucht, der Muslime pflegt. „Die etablierten Dienste kümmern sich um alle Patienten, unabhängig von der Religion“, sagt er. Die Pflegedienste seien in der Lage, sich auf die religiösen und kulturellen Bedürfnisse von Muslimen einzustellen, indem sie beispielsweise muslimische Pflegerinnen einstellten. Roland Böhringer beobachtet jedoch immer wieder, dass es unter Muslimen große Wissenslücken beim Thema Pflege gibt. Deshalb gehe die Stadt mit dem Verein buefet in muslimische Gruppen, um über Angebote zu informieren.adö