Lokales

„Pflege ist vor allem Dienst am Menschen“

Interview mit Karlheinz Beck, Bereichsleiter der Agentur für Arbeit Göppingen

In kaum einem anderen Bereich macht sich der Fachkräftemangel so bemerkbar wie in Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen. Dabei sind Arbeitsplätze in der Altenpflege zukunftssicher und krisenfest, sagt Karlheinz Beck, Bereichsleiter der Agentur für Arbeit in Göppingen, im folgenden Interview.

Bundesagentur fŸr Arbeit Beck Karl Heinz
Bundesagentur fŸr Arbeit Beck Karl Heinz

Richard Umstadt

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Aufgrund des demografischen Wandels werden in den nächsten Jahrzehnten wesentlich mehr Pflegefachkräfte benötigt. Wie viele werden es im Bereich der Agentur für Arbeit Göppingen sein, die fehlen?

Karlheinz Beck: Das Statistische Landesamt in Stuttgart hat vor Kurzem seine Prognose veröffentlicht. Danach dürfte sich der Bedarf an Pflegekräften bis 2030 um etwa 57 000 Menschen erhöhen. Das sind 40 Prozent mehr als heute.

Wie viele Kräfte es tatsächlich im Agenturbezirk Göppingen sind, lässt sich nur schwer vorhersagen. Das hängt von vielen Faktoren und den sich ändernden Rahmenbedingungen ab. Unser Arbeitsmarktmonitor zeigt in den nächsten zehn Jahren einen zusätzlichen Bedarf von 7 500 Pflegekräften in Baden-Württemberg auf.

Sicher ist: Auch im Agenturbezirk Göppingen, der die Landkreise Göppingen und Esslingen umfasst, müssen wir schon jetzt und in den nächsten Jahren auf den erhöhten Bedarf an Pflegekräften reagieren und Betriebe und Einrichtungen dabei unterstützen, das benötigte Personal und den Nachwuchs zu gewinnen. Wir wissen, dass wir dies nur im Schulterschluss mit allen Beteiligten am Arbeits- und Ausbildungsmarkt gemeinsam bewerkstelligen können. Deshalb gibt es beispielsweise im Landkreis Esslingen das „Netzwerk Fachkräftesicherung“, das sich die Fachkräftesicherung im Gesundheits- und Pflegebereich als einen Schwerpunkt gesetzt hat.

In der Region Kirchheim haben wir mit den Netzwerkpartnern und dem Teck­boten die Initiative „Mehr Ausbildung zur Fachkräftesicherung unter der Teck“ ins Leben gerufen. Und: Auf Initiative der Arbeitsagentur wurde für beide Landkreise ein „Runder Tisch Pflege“ initiiert, um mit allen Beteiligten die schon sehr gute Zusammenarbeit weiter zu intensivieren.

Ist eine Ausbildung im Pflegebereich zukunftssicher und welche Ausbildungen gibt es?

Die Berufe in der Altenpflege und damit auch die Ausbildung in diesem Bereich sind absolut zukunftssicher und auch krisenfest. Schon jetzt suchen Pflegeeinrichtungen händeringend nach qualifizierten Fachkräften. Dieser Trend wird in den nächsten Jahren sicherlich ungebrochen sein und vielen Menschen eine berufliche Perspektive bieten. In einigen Regionen werden bereits Pflegekräfte gezielt aus dem Ausland angeworben.

Was viele vielleicht nicht wissen: Der Pflegebereich bietet auch ganz hervorragende Aufstiegsmöglichkeiten. So können sich examinierte Altenpflegekräfte weiterbilden und sich auf Leitungs- und Spezialfunktionen vorbereiten. Ich denke da in erster Linie ganz klassisch an die Pflegedienstleitung, aber auch den Fachwirt in der Alten- und Krankenpflege. Altenpfleger mit Hochschulzugangsberechtigung können beispielsweise ein Studium absolvieren, mit dem ein Bachelorabschluss im Bereich Gerontologie erworben wird. Bei der Hochschule Esslingen gibt es die Studiengänge Pflege/Pflegemanagement und Pflegepädagogik. Beides sind Bachelorstudien.

Übrigens: Die Schule für Pflegeberufe Kirchheim-Nürtingen des Klinikums Kirchheim-Nürtingen bietet in einem innerhalb Baden-Württemberg einmaligen Modellversuch eine dreieinhalb Jahre dauernde Ausbildung an, mit der man nicht nur die Fachhochschulreife, sondern zusätzlich auch gleich zwei Berufsabschlüsse erwirbt: Den Gesundheits- und Krankenpfleger und den Altenpfleger. Eine sehr interessante Ausbildung, wie ich finde, welche die Durchlässigkeit in der Alten- und Gesundheitspflege zum Ziel hat und damit die Beschäftigungsmöglichkeiten erhöht und letztlich auch dem Bedarf an mehr Pflegekräften gerecht wird.

Erwähnen möchte ich, dass es neben der klassischen dreijährigen Ausbildung zum Altenpfleger und der einjährigen Ausbildung zum Altenpflegehelfer noch eine relativ junge, zweijährige Ausbildung zum Alltagsbetreuer gibt. Hier steht nicht die Pflege im Vordergrund, sondern vielmehr die Unterstützung hilfebedürftiger älterer Menschen im Alltag. Vor allem demenzkranke Menschen benötigen ein hohes Maß an Begleitung bei der Bewältigung ihres Alltags.

Welche Voraussetzungen sollten Bewerber für Pflegeberufe mitbringen?

Jeder, der sich für diesen Bereich interessiert, sollte sehr verantwortungsbewusst, zuverlässig, sorgfältig und pünktlich, aber auch empathisch sein – er sollte sich sehr gut in seine Mitmenschen und ihre Bedürfnisse hi­neinversetzen können. Denn Pflege ist nicht nur ein Dienst mit Menschen, sondern Dienst am Menschen. Daneben gibt es natürlich auch noch die Voraussetzungen, die rechtlich geregelt sind. Beispielsweise ein mittlerer Bildungsabschluss und die gesundheitliche Eignung für den Beruf, die durch ein ärztliches Attest nachgewiesen werden muss.

An wen können sich Schülerinnen und Schüler wenden, die einen Pflegeberuf ergreifen wollen?

In erster Linie natürlich zunächst an die Berufsberatung der Agentur für Arbeit. Unser Internetauftritt unter www.planet-beruf.de kann eine erste Orientierung sein. Das muss aber unbedingt durch erfahrene Beraterinnen und Berater vertieft werden. Denn der Pflegebereich verlangt viel von einem jungen Menschen, und je bewusster die Berufswahlentscheidung getroffen wird, umso höher sind die Chancen auf berufliche Zufriedenheit. Die psychische aber auch physische Belastbarkeit spielt dabei eine wichtige Rolle. Es empfiehlt sich aber selbstverständlich auch, Pflegeeinrichtungen und Pflegekräfte einfach direkt anzusprechen und im Gespräch herauszufinden, ob sich die eigenen Vorstellungen mit der Realität decken.

Ist ein mehrwöchiges Praktikum in diesem Bereich sinnvoll?

Ein Praktikum ist nicht nur sinnvoll, sondern aus meiner Sicht absolut notwendig. Pflege muss tatsächlich am Menschen erlebt werden, damit man sich für sie begeistern kann. Im Praktikum kann man nicht nur das breite Aufgabenspektrum in der Pflege kennenlernen, das von sozial-beraterischer Tätigkeit über verwaltend-organisatorische Aufgaben bis hin zur ganz konkreten praktischen Arbeit reicht. Ich finde, erst nach einem Praktikum kann man die Entscheidung für oder gegen einen Beruf in der Pflege treffen.

Und wenn ich noch in eigener Sache Werbung machen darf: Am 13. Juli veranstalten wir eine Pflegemesse mit dem Titel „Pflege (er)leben“. Wir freuen uns über interessierte Jugendliche und Erwachsene, auch aus dem Raum Kirchheim, die die Messe rund um das Thema Pflege und Gesundheit besuchen. Die Messe ist in Fellbach in der Schwabenlandhalle und beginnt um 9 Uhr. Hier kann man schon mal erste Eindrücke über diesen spannenden Bereich sammeln und mit Unternehmen und Schulen ins Gespräch kommen.