Lokales

Plädoyer für eine neue Lernform

Informationsveranstaltung zum Thema Gemeinschaftsschule in Kirchheim

Die Zukunft der Schullandschaft ist ein heißes Eisen in Kirchheim. Vier Kirchheimer Gemeinderatsfraktionen hatten die Brisanz des Themas genutzt und zu einer Infoveranstaltung über die Gemeinschaftsschule geladen – mit vier Befürwortern auf dem Podium.

Brachen eine Lanze für individuelles, kooperatives Lernen: Grünen-Landtagsabgeordneter Andreas Schwarz, Klaus Buck vom Pädagogis
Brachen eine Lanze für individuelles, kooperatives Lernen: Grünen-Landtagsabgeordneter Andreas Schwarz, Klaus Buck vom Pädagogischen Fachseminar, Moderator Willi Kamphausen, Gemeinschaftsschulleiter Mathias Kessler und Gesamtelternbeiratsvorsitzender Dr. Thomas Brinz (v.l.n.r.)Foto: Markus Brändli

Kirchheim. Heiße Diskussionen auf dem Podium gab es am Freitagabend bei der Informationsveranstaltung zum Thema Ganztagsschule im Kirchheimer Mehrgenerationshaus Linde nicht. Das war aber auch nicht zu erwarten gewesen. Eingeladen hatten die Gemeinderatsfraktionen von Grünen, SPD, Frauenliste und CIK – allesamt Befürworter der Gemeinschaftsschule. Ziel des Abends war, wie CIK-Stadträtin Katja Seybold gleich vorwegnahm, „das Pflänzchen Gemeinschaftsschule zu gießen“. Dementsprechend war auch wenig Kritisches auf dem Podium zu hören, auf dem der Grünen-Landtagsabgeordnete Andreas Schwarz, Klaus Buck, Stellvertretender Leiter des Pädagogischen Fachseminars, Mathias Kessler, Direktor der Gemeinschaftsschule Bad Urach, und Dr. Thomas Brinz, Vorsitzender des Kirchheimer Gesamtelternbeirats, saßen. Lediglich an der Frage, ob die Gemeinschaftsschule zweite Säule neben dem Gymnasium oder eine von vielen Schulformen werden soll, schieden sich die Geister.

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Kein Thema war die aktuelle Diskussion um die Kirchheimer Schullandschaft, um Schließungspläne und Zusammenlegungen. Vielmehr ging es darum, das Gemeinschaftsschulsystem vorzustellen, theoretische Untersuchungen und Erfahrungen aus der Praxis zu präsentieren.

„Politik und Schule müssen reagieren“, sagte der Grünen-Landtagsabgeordnete Andreas Schwarz angesichts sinkender Schülerzahlen, Kleinstklassen an Werkrealschulen und überquellenden Klassenzimmern an den Gymnasien. „Wir wollen in der regionalen Schullandschaft das Zwei-Säulen-System etablieren“, erläuterte An­dreas Schwarz. Die Gemeinschaftsschule soll künftig sämtliche Schulabschlüsse ermöglichen. „Unser Ziel ist es, Bildungserfolg von sozialer Herkunft zu entkoppeln“, so Schwarz. „Alle Kinder sollen durch individuelle Förderung den bestmöglichen Schulabschluss für ihre Fähigkeiten bekommen.“

Wie eine solche individuelle Förderung aussehen kann, schilderte Mathias Kessler, Leiter der Barbara-Gonzaga-Gemeinschaftsschule in Bad Urach. Sie ist eine der Starterschulen im Land, bereits seit Beginn dieses Schuljahres Gemeinschaftsschule und gilt als Paradebeispiel für die neue Schulform. Allerdings weht der Geist des neuen Lernens ohnehin schon seit Jahren durch die Uracher Klassenzimmer. „An erster Stelle steht bei uns die Beziehung“, sagte Kessler. Dann komme die Erziehung und dann die Bildung. „Es geht nicht um Abschlüsse und Fachkompetenz, sondern darum, dass die Kinder Selbstkompetenz erwerben. Sie sollen fürs Leben lernen, Wissen vernetzen und sich zurechtfinden.“ Gesetzt werde auf individuelles und kooperatives, eigenverantwortliches und soziales Lernen. Wichtig sei dabei auch, dass sich die Klassen aus Schülern aller drei bisherigen Schularten zusammensetzen.

Noten gibt es an der Uracher Schule keine, ebenso wenig wie den Anspruch, dass jeder am Ende des Schuljahres auf dem gleichen Stand ist. „Jedes Kind läuft seinen eigenen Weg, in eigenem Tempo und kommt unterschiedlich weit.“ Maßstäbe gibt es trotzdem: „Wir arbeiten mit Kompetenzrastern“, erläuterte Mathias Kessler. Für jeden Lernschritt, den ein Kind bewältigt, bekommt es einen gelben Punkt. Lernanreize gibt es laut Kessler genug: „Wir müssen den Kindern Berge in den Weg stellen, die sie erklimmen können. Allerdings muss man für jedes Kind den richtigen Berg finden.“ Das Lernpensum legen die Schüler an der Barbara-Gonzaga-Schule selbst mit fest. Sie planen jede Woche für sich, nehmen sich Themen und Niveaus vor. „Es geht darum, dass der Stoff beim Schüler ankommt, und nicht, dass der Lehrer mit seinem Stoff durchkommt“, verdeutlichte Mathias Kessler.

Dass Noten keineswegs förderlich fürs Lernen sind, legte Klaus Buck, Leiter des Pädagogischen Fachseminars in Kirchheim, dar. „Sie sind sehr informationsarm und nicht verlässlich“, sagte er. Viel eher eigneten sich die Kompetenzraster – die seiner Ansicht in sämtlichen Schularten Einzug halten sollten. Er plädierte dafür, die Gemeinschaftsschule einzuführen, aber die anderen Schularten und damit die Vielfalt zu erhalten. Fest stand für ihn auch, dass eine gute Atmosphäre und neue Lernformen nicht der Gemeinschaftsschule vorbehalten sein dürfen. „Das muss an jeder Schule Thema sein“, betonte er.

„Lernen muss sich ändern“, betonte Buck und stellte eine Studie zu Faktoren vor, die den Erfolg von Schülern senken und steigern. Den Lernerfolg schmälern demnach Sitzenbleiben, Fernsehen und Sommerferien. Die wichtigsten Faktoren für erfolgreiches Lernen sind laut Studie dagegen die Qualität des Unterrichts, die Klarheit der Instruktionen und lernbezogenes Feedback. „Wir brauchen unbedingt Lehrkräfte, die ein hohes Maß an Organisationsfähigkeit mitbringen“, so Buck. Auch Diagnosefähigkeit, Präsenz und offene Ohren für Schüler seien unerlässlich.

Besonders viele Fragen hatten die Zuhörer bei der Diskussion an Mathias Kessler. Es ging um Stundenzuweisungen, Konkurrenz und Herausforderungen durch die Umstellung. „Das können alle“, zeigte sich Kessler überzeugt davon, dass das Erfolgsmodell übertragbar ist. Das Wichtigste sei die Einstellung, mit der die Lehrer das Projekt anpacken. „Es geht mehr ums Herz als um die Kompetenz.“ Eine Zuhörerin zweifelte daran, dass der Erfolg der Gonzaga-Schule zu verallgemeinern sei: „Schülerregale, Schreibtische und pädagogische Assistenten – das sind tolle Sachen“, kommentierte sie die gute Ausstattung in Urach und fragte: „Was ist, wenn der Prototyp vom Stapel läuft? Können die anderen Schulen mit der gleichen finanziellen Ausstattung rechnen?“

Das Gemeinschaftsschulmodell

An den Gemeinschaftsschulen werden Kinder mit sämtlichen Empfehlungen sowie Kinder mit Behinderungen aufgenommen. Alle Abschlüsse sollen unter einem Dach ermöglicht werden. Unterrichten werden Lehrer jeder Schulart. Gewünscht ist von der Landesregierung ein Zwei-Säulen-Modell aus Gymnasien und Gemeinschaftsschulen. Darüber entschieden wird jedoch in den Kommunen. Als Bedingung für Gemeinschaftsschulen formuliert die Politik Zweizügigkeit und mindestens 40 Kinder pro Jahrgang. Der Klassenteiler liegt bei 28 Schülern. Im Landkreis Esslingen gehen im kommenden Schuljahr drei Gemeinschaftsschulen an den Start: Die Seewiesenschule in Esslingen mit 41 Anmeldungen, die Gemeinschaftsschule Deizisau mit 46 Anmeldungen und die Ludwig-Uhland-Schule in Wendlingen mit 52 Anmeldungen.bil