Lokales

„Plus 30“: Neue Chancen für Radler

Die Initiative „FahrRad“ hat Vorschläge und Visionen für den Radverkehr zusammengestellt

„Plus 30“ heißt das Opus, das die Initiative „FahrRad“ jetzt erarbeitet hat. Es bündelt über 30 Anregungen zur Verbesserung des Radwegenetzes. Ziel der engagierten Rad-Befürworter ist es, den Alltagsradverkehr in Kirchheim weiter zu fördern.

Wahrlich kein gutes Pflaster für Radfahrer in Kirchheim: Der verkehrsreiche Gaiserplatz.Foto: Jean-Luc Jacques
Wahrlich kein gutes Pflaster für Radfahrer in Kirchheim: Der verkehrsreiche Gaiserplatz.Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. „Vor zwölf Jahren gab‘s grad mal gut 50 Meter Schutzstreifen für Radler in Kirchheim“, erinnern sich Dieter Hutt und Siegfried Hauff an ihre Anfänge als Vorkämpfer für das tägliche Radeln in Kirchheim. Das Team war seiner Zeit schon immer ein gutes Stück voraus: Für „Schutzstreifen“ auf Fahrbahnen machten sich die Pedaleure nämlich schon zu einer Zeit stark, als in den meisten Köpfen noch Radler und Fußgänger auf dem Gehweg eine Einheit bildeten. Auch jetzt blickt die Agenda-Gruppe weit in die Zukunft: „Plus 30“ kocht nicht etwa Ideen auf, die ohnehin im Rathaus schon in Planung sind. Vielmehr enthält das Konvolut jede Menge Visionen, Ideen und Wünsche – teils nur durch aufwendige Baumaßnahmen zu realisieren, teils aber auch fast zum Nulltarif zu haben.

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Dass sich Kirchheim in den vergangenen Jahren zur radlerfreundlichen Stadt gemausert hat, wissen Hauff und Hutt wohl zu schätzen. Doch das begehrte Label „fahrradfreundliche Kommune“, das die Teckstadt als erste Kleinstadt im Ländle erhalten hat, ist ihnen aber nicht etwa ein Ruhekissen, sondern eine stete Aufforderung: „Das verpflichtet!“

Die drahtigen Herren treibt keineswegs in erster Linie Öko-Denke an. „Uns geht es darum, dass jeder seine täglichen Aufgaben lieber mit dem Rad als mit dem Auto wahrnimmt“, erläutert Siegfried Hauff. Dieter Hutt gibt zu bedenken: „Die Städte, die sich durch urbanes Leben auszeichnen, sind Radlerstädte.“ Es geht also um nichts Geringeres als Lebensqualität in der Stadt. Beide sprudeln nur so vor Ideen, wie man auch hier die Innenstadt für Radler noch attraktiver machen könnte: Schließfächer in der Stadt, auch für Fußgänger natürlich, Bringdienste der Innenstadt-Geschäfte, sichere Parkplätze für Elektroräder in Tiefgaragen . . . Da neben Infrastruktur und Service auch die Kommunikation ein wichtiger Pfeiler der Radverkehrspolitik ist, freuen sich beide über eine umfassende Radkultur-Kampagne, die für 2015 geplant ist.

Doch die Visionen aus „Plus 30“ könnten auch schon früher bedeutsam werden, schließlich steht eine Kommunalwahl an. Der Traum der Radbewegten wäre innerorts durchgehend Zone 30 oder eben überall Schutzstreifen. Das ist Utopie, doch die Zahl der Schutzstreifen ist mittlerweile groß. „Das Problem ist die Vernetzung“, erklärt Hutt. Immer wieder findet sich der Radler nach anfänglich sicherer Fahrt mitten im Verkehr wieder.

Ein neuralgischer Punkt ist der Gaiserplatz mit seiner Umgebung. Zahlreiche Vorschläge hat die Initiative für diesen Bereich gesammelt, beispielsweise einen Schutzstreifen in der Dettinger Straße vor der Polizei, eine Radwegverbreiterung vor dem ASB-Pflegeheim oder auch ein Vorbeifahrstreifen auf der Schöllkopfstraße geradeaus in die Tannenbergstraße. Ein geradezu revolutionärer Vorschlag betrifft die Ausfahrt aus dem Südbahnhof für Radler, die beispielsweise vom Aldi kommen und in die Dettinger Straße einbiegen wollen: Sie könnten eine „Ampelanforderungstaste“ erhalten – dies wäre die erste dieser Art für Radler weit und breit.

Als „Schandfleck“ bezeichnen die Radfreunde die Unterführung am Südbahnhof. „Da sollte vor dem Eisenbahnjubiläum noch was passieren“, sagt Siegfried Hauff. Das Team hofft auf einen oberirdischen, schienengleichen Übergang. Er würde nicht nur die bessere Vernetzung zum Lauterradweg dahinter fördern, auch Spaziergänger hätten es leichter.

Während die Beseitigung der Unterführung ein großes Projekt wäre, ist es mancherorts schon mit ein paar Markierungen getan. Zum Beispiel am Ochsengässle. Bei der Überquerung der Alleenstraße in Richtung Innenstadt gab es immer wieder Konflikte zwischen Radlern und Autofahrer. Radler müssen am dortigen Zebrastreifen absteigen. Darauf weist jetzt seit Kurzem ein kleines Schild hin. Hutt und Hauff plädieren dafür, auch den Boden noch entsprechend zu markieren. Das Aufstellen von Schranken, sogenannte „Drängelgitter“, gilt heute nicht mehr als Option, da zu viele Gefahren von den Gittern ausgehen. Von den sieben Drängelgittern, die es im Stadtgebiet gibt, halten die „FahrRad“-Vertreter nur ein einziges für wirklich sinnvoll und zeitgemäß: Es bewahrt Radler, die vom Würstlesberg beziehungsweise aus Notzingen kommen und über die Notzinger Straße in die Stadt fahren wollen, davor, auf der Gefällstrecke auf die Umgehungsstraße zu geraten.

Die Initiative „FahrRad“ ist zuversichtlich, mit ihren Vorschlägen bei der Stadt Kirchheim Gehör zu finden: „Seit es eine Radverkehrsbeauftragte gibt, läuft die Zusammenarbeit noch viel besser“, freuen sich die Repräsentanten über das konstruktive Miteinander mit der Verwaltung. Erst kürzlich wurde die Beschilderung des Radwegnetzes neu koordiniert. Jetzt geht es darum, Schwachstellen anzugehen und Lücken im Radverkehrsnetz zu schließen. Die Gruppe wird nicht müde, an einzelnen Schräubchen in Sachen Attraktivität des Radverkehrs zu drehen. „Man muss Alternativen zum Autofahren bieten“, sind sie überzeugt. Während im Bereich des Freizeitradelns ihrer Meinung nach schon viel getan ist, sehen sie noch „jede Menge Luft“ im Alltagsradverkehr.