Lokales

„RAD“-Prinzip und „Stopp“-Regel

Coolness-Training hat an der Raunerschule Klassen- und Schulklima bereits nachhaltig verbessert

Seit zwei Jahren gibt es an der Kirchheimer Raunerschule das Gewaltpräventionsprojekt „Bleib cool“. Bei einer ersten Bilanz dazu war gestern in einem Gespräch zu erfahren, dass sich nicht nur das Klima in einzelnen Klassen deutlich verbessert hat, sondern mitunter sogar das gesamte Schulklima. Das ist Grund genug, das erfolgreiche Projekt fortzusetzen – zumindest solange die Mittel reichen.

Zum Coolness-Training an der Kirchheimer Raunerschule gehört es auch, spielerisch zu lernen, wie man ohne Berührungsängste mitei
Zum Coolness-Training an der Kirchheimer Raunerschule gehört es auch, spielerisch zu lernen, wie man ohne Berührungsängste miteinander umgehen und sich durchaus aufeinander verlassen kann.Archiv-Foto: Markus Brändli

Kirchheim. Das „Coolness-Training“ sei zum einen ein Anti-Gewalt-Training und zum anderen ein Anti-Aggressions-Training, sagte Heidi Kaufmann vom Kreisjugendring Esslingen. Gespräche und Spiele sind feste Bestandteile des Trainings. Dabei gehe es darum, die Rollen näher zu betrachten, die Täter, Opfer, Zuschauer, aber auch die Institution Schule bei Konflikten jeweils spielen, wie Ahmet Aksu vom Fachdienst Jugend, Bildung, Migration der Bruderhaus-Diakonie in Nürtingen erläuterte. Das Projekt wird sowohl für die Grundschüler als auch für die Werkrealschüler angeboten. Durch das Coolness-Training lasse sich zwar nicht in jedem Fall verhindern, dass jemand zum Opfer wird, „aber jedes Opfer, das wir verhindern, ist für uns ein Sieg, und deshalb lohnt sich ein solches Projekt.“

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Ein wichtiges Lernziel ist die Erkenntnis: „Niemand hat das Recht, einen anderen zu verletzten, auszugrenzen oder zu beleidigen.“  Wenn es doch passiert, dann folgt in diesem Fall die „Konfrontation“. Das Fehlverhalten wird angesprochen und ausgesprochen. „Wir sagen jemandem, dass wir verstehen, dass er wütend ist. Wir können aber nicht damit einverstanden sein, dass er zugeschlagen hat.“ Die Sprache der Trainer sei dabei aber immer frei von Gewalt und Aggressionen, betont Heidi Kaufmann.

Um Friede, Freude, Eierkuchen geht es gleichwohl nicht. Mitunter wird auch Tacheles geredet. So berichtete eine Lehrerin gestern von einer „Kritikrunde“ unter der Leitung von Heidi Kaufmann, der sie selbst nur als interessierte Zuhörerin beiwohnte. Unter dem Motto „Mich stört an dir, dass du ...“ sollten und durften sich die Kinder offen die Meinung sagen. Es habe sich dann ergeben, dass fast alle einhellig immer derselben Person sagten, dass sie deren Verhalten grundsätzlich störe. Für dieses Kind sei es sicher nicht einfach gewesen, die Kritik auszuhalten, auch wenn sie noch so nett und freundschaftlich formuliert war. Die Kritik habe aber ihre positive Wirkung nicht verfehlt: Das Kind habe sein Verhalten seither nachhaltig und zum Besseren hin verändert.

Andere Lehrerinnen erzählten vom „RAD“-Prinzip, auf das sich ihre Schüler auch viele Wochen und Monate nach dem Training noch beziehen. „RAD“ steht für die Begriffe „Respekt“, „Aufmerksamkeit“ und „Disziplin“. Selbst Zweitklässler könnten mit diesen Begriffen etwas anfangen, sagte Heidi Kaufmann aus ihrer praktischen Erfahrung heraus. Immer wieder erinnern sich die Kinder gegenseitig daran, wenn sie es an einem dieser Punkte fehlen ließen.

Ahmet Aksu geht sogar so weit, dass er manchen Schulklassen der Werkrealschule erklärt, sie könnten sich die gesamte Schulordnung mit allen ihren einzelnen Bestimmungen sparen, solange sie sich an Respekt, Aufmerksamkeit und Disziplin halten. Dann nämlich bestünde keinerlei Gefahr, jemals gegen eine Schul- oder Hausordnung zu verstoßen.

Bei den Grundschülern dagegen hilft die „Stopp“-Regel aus dem Coolness-Training, dass manche Konflikte gar nicht erst entstehen. Die Kinder rufen ernsthaft, laut und deutlich „Stopp“, wenn ihnen das Verhalten eines anderen nicht passt. Der andere hört dann entweder auf, oder aber sein Verhalten wird nach dem dritten „Stopp“ der Lehrerin gemeldet. An der Raunerschule ist diese Regel ein voller Erfolg, weil sie auch die Lehrerinnen entlastet, die nun nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit im Umgang ihrer Schüler eingreifen müssen.

Die Regeln hören sich einfach an, und sie sind auch einfach. Umsetzen lassen sie sich aber nur, wenn sie entsprechend eingeübt werden. Und für das Einüben sind die beiden Coolness-Trainer zuständig. Dabei ist es wichtig, dass sie von außen kommen, wie die Lehrerinnen betonen, die es auch schätzen, beim Sozialtraining einmal ihre Schüler selbst wie von außen beobachten zu können.

Zum Einüben gehören aber auch Spiele, bei denen die Schüler beispielsweise Vertrauen lernen, wenn sie sich von einem Stuhl fallen und von der Klasse auffangen lassen. Bei anderen Spielen muss die ganze Klasse eine gemeinsame Aufgabe bewältigen und lernt so ein ganz neues Zusammengehörigkeitsgefühl kennen. – Eine Klasse hat nach dem Training etwa eine eigene Zirkusshow einstudiert und sich über diese Geschichte ganz anders zusammengerauft, als das im „normalen“ Schulalltag der Fall hätte sein können. Selbst sämtliche Eltern waren bei der Aufführung mit in die Arbeit eingebunden. Eltern und Lehrer mitzunehmen, gehört übrigens zur Grundidee des Projekts „Bleib cool“.

Ob und wie es weitergeht mit dem Projekt, das ist eine Frage des Geldes. Für die nächsten zwei Jahre ist die Finanzierung noch gesichert. Bis dahin sorgen zwei Organisationen für die nötigen Mittel: die Bruderhaus-Diakonie und die Paul-Lechler-Stiftung. Sabine Steininger, Leiterin des Stiftungsmanagements der Bruderhaus-Diakonie, zeigte sich gestern sehr angetan von dem Projekt. Vor allem war sie beeindruckt, von den Lehrerinnen zu hören, wie positiv sich das Sozialtraining auf Klassen- und Schulklima auswirkt.

Auch Dieter Hauswirth, Geschäftsführer der Paul-Lechler-Stiftung, bescheinigte den Beteiligten, dass das Projekt an der Raunerschule hervorragend laufe. Aus stiftungsrechtlichen Gründen sei es seiner Einrichtung aber nur möglich, ein Projekt bis zu vier Jahre lang zu fördern. Aber bis dahin sei ein wesentlicher Zweck der Förderung erreicht: „So ein Projekt soll der Politik zeigen, dass etwas geht, wenn man bereit ist, ein bisschen Geld in die Hand zu nehmen.“