Lokales

Salatschüssel statt Schmelztiegel

Ministerpräsident Kretschmann sprach in der Nürtinger Albert-Schäffle-Schule über Europa

Europa – für Baden-Württemberg als Exportland ist die Staatengemeinschaft eine wichtige Institution. Mit dem Comenius-Projekt machen die Schüler der Albert-Schäffle-Schule auf dem Säer derzeit selbst hautnah Europa-Erfahrung. Aus diesem Anlass diskutierte Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit den Schülern über die EU.

Von Fremdeln keine Spur: Der ehemalige Lehrer Kretschmann wurde mit den Schülern der Albert-Schäffle-Schule schnell warm. Foto:
Von Fremdeln keine Spur: Der ehemalige Lehrer Kretschmann wurde mit den Schülern der Albert-Schäffle-Schule schnell warm. Foto: Jürgen Holzwarth

Nürtingen. „Was machen Sie denn heute hier“, fragte ein Schüler grinsend die Polizisten, die vor dem Besuch des Ministerpräsidenten den Schulhof der Albert-Schäffle-Schule inspizierten. Als Winfried Kretschmann dann eintraf, waren die Schüler aber doch neugierig und ein wenig aufgeregt. Dazu bestand jedoch kein Anlass. Als ehemaliger Lehrer fremdelte Kretschmann kein bisschen mit Schülern und Lehrern.

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Europa stand auf dem Stundenplan und der Ministerpräsident setzte sich in den Gemeinschaftskundeunterricht einer Klasse, um zu hören, welche Gedanken sich die Schüler zu Europa gemacht haben. „In Vielfalt geeint“ – das Motto der Europäischen Union bedeutet für die Schüler, trotz aller Unterschiede in Sprache und Kultur geeint zu sein.

Doch Kretschmann war nicht nur zum Zuhören gekommen. Lehrer Norbert Pascher bat ihn, den Satz „Baden-Württemberg ist Heimat, Europa ist Zukunft“, den er anlässlich des Baden-Württemberg-Tages in Donaueschingen in der vergangenen Woche gesagt habe, zu erklären. „Heimat ist, wo wir zu Hause sind, uns auskennen, wohlfühlen. Aber man kann nicht immer zu Hause bleiben“, sagte der Ministerpräsident. Und so hätten die Schwaben seit jeher ihre Produkte in die Welt hinausgetragen. Dass Baden-Württemberg ein wohlhabendes Land sei, hänge mit dem Export zusammen.

Damit war die Fragerunde für die Schüler eröffnet: „Welcher Beruf hat Ihnen besser gefallen: Lehrer oder Politiker?“, wollte Jana von Kretschmann wissen. „Natürlich bevorzuge ich es, Ministerpräsident zu sein, aber ich war auch gerne Lehrer“, antwortete er entwaffnend offen und erzählte, dass er noch als Abgeordneter einen Tag in der Woche unterrichtet habe. Erst als er Fraktionsvorsitzender der Grünen wurde, habe er die Lehrtätigkeit aufgegeben.

Kretschmann verteidigte den Bologna-Prozess, der die Hochschulsysteme in Europa vereinheitlichen soll. Wichtig sei, dass die Studienabschlüsse anerkannt seien. Warum wurden die Studiengebühren abgeschafft? „Aus finanziellen Gründen sollte niemand davon abgehalten werden, zu studieren“, antwortete Kretschmann. Er selbst sei jedoch nicht der größte Anhänger der jetzigen Lösung, hätte eine Entrichtung der Gebühren nach dem Studium bevorzugt. „Dafür gab es jedoch bei den Koalitionsverhandlungen keine Mehrheit“, sagte der Ministerpräsident.

Begeistert zeigte sich Kretschmann über das Comenius-Projekt, an dem die Jahrgänge zwölf und dreizehn der Albert-Schäffle-Schule über zwei Jahre hinweg teilgenommen haben. Das Projekt beinhaltet den gegenseitigen Austausch mit Schülern aus Nordirland, Spanien und Norwegen. „Europa ist in Zukunft unsere Heimat. Viel von unserem Wohlstand hängt vom Export ab, deswegen müssen wir uns in Europa auskennen“, sagte er. Europa mit den vielen verschiedenen Sprachen unterscheide sich radikal von den USA, sei eher eine Salatschüssel, in der alle Bestandteile erkennbar blieben, statt ein Schmelztiegel. Das habe Vor- und Nachteile. „Wenn man jedoch kein Feeling für die Unterschiede hat, haut es einen um“, brachte Kretschmann die Definition von Europa auf den Punkt.

„Das duale Ausbildungssystem gehört zu unseren Exportschlagern. Es ist überall im Ausland bekannt und man bringt den Wohlstand in Deutschland damit in Verbindung“, lobte Kretschmann. Da die allgemeinbildenden Schulen derzeit in der öffentlichen Wahrnehmung stärkere Beachtung fänden, habe er bewusst eine berufliche Schule für seinen Besuch ausgewählt. Dafür war auch Landrat Heinz Eininger dankbar, der sich als Schulträger bei all den Diskussionen über das neunjährige Gymnasium und die Gemeinschaftsschule Sorgen um die Zukunft der beruflichen Schulen macht.

Indes, über die Situation an den beruflichen Schulen ist Kretschmann durchaus im Bilde. Hundert neue Berufsschulklassen habe die neue Landesregierung eingerichtet, um den Unterrichtsausfall so gut wie möglich zu kompensieren. „Allerdings werden wir Probleme bekommen, wenn wir die Mädchen nicht stärker für die MINT-Fächer, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik, interessieren“, so Kretschmann.