Lokales

Schon in der Jugend an das Alter denken

Frauenwirtschaftstag befasste sich mit dem Thema „Gleiche Arbeit, ungleicher Lohn“

Ulrike Reiche, Waltraud Lenhart, Moderatorin Felicitas Wehnert, Kerstin Mayer und Susanne Voigt (von links nach rechts) gewährte
Ulrike Reiche, Waltraud Lenhart, Moderatorin Felicitas Wehnert, Kerstin Mayer und Susanne Voigt (von links nach rechts) gewährten im Gewölbekeller sehr offene Einblicke in ihre unterschiedlichen Lebenswege und sorgten für einen kurzweiligen und aufschlussreichen Gedankenaustausch. Foto: Deniz Calagan

Warum Frauen in Deutschland durchschnittlich rund 22 Prozent weniger Gehalt beziehen als Männer, war die Ausgangsfrage der Podiumsdiskussion, die im Rahmen des Frauenwirtschaftstages unter dem Titel „Gleiche Arbeit, ungleicher Lohn“ im Gewölbekeller der Volksbank veranstaltet wurde.

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Kirchheim. Grundsätzliche Lösungen des schon lange erkannten Problems waren beim Frauenwirtschaftstag genauso wenig zu erwarten wie einfache Patentrezepte, aber schon eine nachhaltige Sensibilisierung für den wichtigen Themenbereich Verdienst und Rente und die angebotene Solidarisierung in den eigenen Reihen ist ja schon ein erfreulich gutes Ergebnis. Das offene Ende des Abends mit der Gelegenheit zu individuellen Gesprächen auch mit Vertretern der Bank ebnete möglicherweise den Weg für Seilschaften und Vernetzungen, die sich so sonst vielleicht nicht ergeben hätten.

Nach der Begrüßung durch Sven Gundler von der Volksbank wünschte Bürgermeister Günter Riemer sich und den Vertretern der Bank viele neue Erkenntnisse und Einsichten für die versammelten „männlich geprägten Horizonte“ und den vielen Besucherinnen einen spannenden Abend zu einem wichtigen Thema.

Dass in Kirchheim schon sehr viel erreicht wurde, belegte Günter Riemer am Beispiel der Kinderbetreuungsplätze, machte zugleich aber auch auf die damit verbundenen Kosten aufmerksam und auf die alles entscheidende Frage: „Was ist uns das wert?“ Im Blick auf unterschiedliche Bezahlung und die Frage einer gerechten Altersversorgung sieht er aber dringenden Handlungsbedarf, die Rahmenbedingungen zu verbessern.

Irmela Gaber, Vorstandsvorsitzende des Vereins frauen-unternehmen, betonte gleich zu Beginn, dass an diesem Abend nicht vorrangig Zahlen und Statistiken im Mittelpunkt stehen sollen, sondern möglicherweise beispielhafte Lebenswege und selbst erprobte Konzepte.

Fundierte statistische Zahlen wurden aber schon genannt, um Gründe dafür zu finden, warum Frauen in Deutschland tatsächlich im Schnitt rund 22 Prozent weniger verdienen als Männer, ein Wert, der europaweit bei durchschnittlich 16 Prozent liegt. Der statistische Bruttoverdienst von Männern lag im vergangenen Jahr in Baden-Württemberg bei 19,60 Euro pro Stunde, und bei Frauen bei 15,21 Euro.

Noch deutlicher klafft die Schere allerdings bei der Rente auseinander, die bei Männern in Baden-Württemberg im Durchschnitt 1087 Euro beträgt, bei Frauen mit 541 Euro dagegen nur etwa die Hälfte. Unterschiedlichste Karrierewege und die Familienplanung spielen hier eine große Rolle. Dass berufstätige Frauen ganz aus dem Beruf ausscheiden oder aber nur Teilzeitarbeiten nachgehen, sorgt für eine große Diskrepanz bei den anrechenbaren Berufsjahren, die bis zum Eintritt ins Rentenalter kaum mehr aufgeholt werden kann.

Felicitas Wehnert, Redaktionsleiterin der Bereiche Landeskultur und Feature BW beim SWR-Fernsehen und Moderatorin des Abends, verstand es sehr gut, mit den sehr unterschiedlichen Teilnehmerinnen der Podiumsdiskussion ins Gespräch zu kommen und ihre jeweiligen persönlichen Meinungen, Wünsche und Ratschläge zusammenzutragen und zur Diskussion zu stellen.

Als Vertreterin der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg saß Ulrike Reiche auf dem Podium. Die weiteren Teilnehmerinnen waren Waltraud Lenhart, Geschäftsführende Gesellschafterin der Leki Lenhart GmbH Kirchheim, Kerstin Mayer, ehemalige Mitarbeiterin der insolventen Drogeriemarktkette Schlecker, sowie die Geschäftsführerin der Kirchheimer Volkshochschule Susanne Voigt.

Trotz unterschiedlichster Biografien und Lebenswege waren sich alle vier Diskussionsteilnehmerinnen aber abschließend einig, dass Frauen gar nicht früh genug anfangen können, sich um ihre persönlichen finanziellen Belange selbst zu kümmern oder sich dafür entsprechenden Rat einzuholen. Das erste selbst verdiente Geld bedeute ja schließlich immer auch ein Stück persönliche Freiheit und einen gewissen Grad der Unabhängigkeit, die es zu wahren und zu pflegen gelte.

Sehr wichtig sei es auch, sich schon frühzeitig Gedanken über die finanzielle Situation im Alter zu machen, sich gut zu informieren und gegebenenfalls auch professionelle Hilfe zu suchen. Wer von seinen Eltern schon früh dazu angehalten wurde, sich um sich selbst zu kümmern, habe gute Voraussetzungen, den richtigen Weg zu finden und auch den eigenen Kindern aufzuzeigen, lautete ein wichtiger Rat.

Statistisch erwiesen ist tatsächlich, dass Männer sich schon ab etwa Anfang 20 massiv um ihre Karriere und ihre spätere Rente kümmern, während das bei Frauen erst etwa 10 Jahre später eine größere Rolle spielt. Während Männer sich in der „heißen Phase“ der Familienzeit frühzeitig und zielorientiert um ihre berufliche Karriere und die zunehmende materielle Unabhängigkeit der Familie kümmern, sind Frauen in weit größerem Maß in dieser wichtigen Zeit vorwiegend der Aufgabe der Kindererziehung konfrontiert und auf der Suche nach einem Weg, wie sie Familie und Beruf am besten koordinieren können.

Sehr wichtig war allen Podiumsteilnehmerinnen daher, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie keinesfalls ein spezielles Frauenthema ist, sondern immer die gesamte Familie und damit die ganze Gesellschaft betrifft. Hier ist großer Handlungsbedarf und Spielraum für veränderte Bedingungen partnerschaftlichen und beruflichen Zusammenlebens, das beispielsweise im benachbarten Frankreich oder in Skandinavien teilweise schon deutlich gleichberechtigter praktiziert wird.