Lokales

Schüler lernen von ZeitzeugenInfo

Das „Projekt Generation Lebendige Geschichte“ ist jetzt als Verein organisiert

In Weilheim hat sich ein Verein gegründet, der Schüler und Senioren zusammenbringen will. Es geht darum, dass alte Menschen als Zeitzeugen von ihren Erlebnissen erzählen – in erster Linie aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Der Name des neuen Vereins lautet: „Projekt Generation Lebendige Geschichte“.

Weilheim. Diplom-Psychologin Margot Plessing, die Erste Vorsitzende des neuen Vereins, verweist auf die Bedeutung der Gefühle: „Um etwas nachhaltig zu lernen, braucht es Emotionen.“ Und diese Emotionen werden am ehesten geweckt, wenn bei der Beschäftigung mit der Vergangenheit „Lebendige Geschichte“ erzählt wird: von Menschen, die sie miterlebt haben. Natürlich kann auch Geschriebenes Emotionen auslösen: freudige Emotionen, wenn eine Geschichte gut ausgeht, aber auch betroffene Reaktionen, wenn von Verlusten die Rede ist. Die Verluste können die Heimat betreffen, Gegenstände, vor allem aber Menschen, die jemand verloren hat. Das Aufschreiben solcher Geschichten ist wichtig, und es kann auch in hundert Jahren noch dafür sorgen, dass andere Menschen emotional von diesen Geschichten ergriffen werden.

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Was aber schon in wenigen Jahren nicht mehr möglich sein wird, das sind die direkte Begegnung und das mündliche Erzählen. Beim „Projekt Generation“ geht es ja um das Erzählen von erlebter Geschichte, die den Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg und die unmittelbare Nachkriegszeit betrifft. Immer weniger Menschen gibt es, die diese Zeiten selbst erlebt haben und die somit viel lebendiger und emotionaler berichten können als jedes Geschichtsbuch.

Deshalb hat es sich Margot Plessing – gemeinsam mit Wolfgang Müller und Maria Cosic – zur Aufgabe gemacht, Schüler mit Senioren in Kontakt zu bringen. Seit 2003 gehen Kirchheimer Schüler in Altenheime, um mit Bewohnern zu sprechen. So entsteht eine Verbindung zwischen den Generationen. Die älteren können erzählen und sich freuen, dass ihnen jemand zuhört. Die jüngeren können lauschen und nicht nur einiges über früher erfahren, sondern auch die Vergangenheit mit der Gegenwart vergleichen und daraus vielleicht sogar etwas für die Zukunft lernen.

Unabhängig von den Gesprächen über das Geschichtsthema ist natürlich auch die Begegnung zwischen den Generationen – also zwischen der Großeltern- und der Enkelgeneration – schon ein Gewinn für beide Seiten. Diese Begegnung war 2003 sogar der Ausgangspunkt des gesamten Projekts, das damals noch „Projekt soziale Verantwortung“ hieß.

Von Vorteil war dabei das „Themenorientierte Projekt“ mit Namen „Soziales Engagement“, das die Achtklässler der Realschulen ohnehin zu durchlaufen hatten, erinnerte sich Margot Plessing anlässlich der Vereinsgründung zurück an die Anfangszeiten der Projektarbeit. Zunächst auf Kirchheim und die Kirchheimer Realschulen beschränkt, gibt es nun auch gute Kontakte außerhalb Kirchheims, beispielsweise nach Weilheim.

Die neue Vereinsvorsitzende, Margot Plessing, blickt übrigens auch selbst in beide Richtungen – in die Vergangenheit wie auch in die Zukunft. In der Rückschau sieht sie Kriegstraumata in der eigenen Familie, die sich bis in die Gegenwart hinein auswirken. So erzählte sie anlässlich der Vereinsgründung in Weilheim folgendes: „Mein Großvater war im Ersten Weltkrieg Soldat. Er kam wie alle anderen schwer traumatisiert zurück. Er hat wie fast alle anderen nicht darüber geredet. Er musste einen hohen Preis dafür bezahlen. Sein Sohn ließ sich von den Nazis verführen. Er zog freiwillig und begeistert in den Zweiten Weltkrieg, um darin umzukommen.“ Vielleicht, so denkt sie, hätte sich das durch Reden über die Greuel des Kriegs verhindern lassen. Zumindest hätte die Begeisterung des Sohnes den einen oder anderen Dämpfer erhalten können.

In die Zukunft gerichtet, erwähnt Margot Plessing Christopher Clark, den Autor des Buchs „Die Schlafwandler“ über den Beginn des Ersten Weltkriegs. Im September war Clark in der FAZ mit einem Alptraum zitiert worden: Er träumt von einem beginnenden Krieg, vor dem er die Söhne bewahren will, indem er sie ins Ausland bringt. „Meine Söhne aber sagen, Daddy, du übertreibst, du nimmst das alles viel zu ernst. Ich versuche verzweifelt, sie zu überzeugen, doch sie hören mir nicht zu.“ – Geschichtsbewusstsein kann die Menschheit also auch für die Zukunft wappnen.

Zum Vorstand des neuen Vereins gehören außer der Ersten Vorsitzenden Margot Plessing noch Gudrun Kellner als stellvertretende Vorsitzende, Maria Cosic als Schatzmeisterin und Rebecca Zabel als Schriftführerin.