Lokales

Sexuelle Vielfalt im Unterricht?

Pädagogen und Kirchenvertreter aus der Teckregion äußern sich zur aktuellen Diskussion

Soll sexuelle Vielfalt an baden-württembergischen Schulen unterrichtet werden? Diese Frage sorgt landesweit für Zündstoff. Der Teckbote hat Pädagogen und Kirchenvertreter aus der Region zum Thema befragt.

Es sei wichtig, das Thema sexuelle Vielfalt an den Schulen zu thematisieren, sagt Gerhard Klinger, Rektor der Raunerschule. „In
Es sei wichtig, das Thema sexuelle Vielfalt an den Schulen zu thematisieren, sagt Gerhard Klinger, Rektor der Raunerschule. „In diesem Bereich gibt es sicherlich Aufholbedarf.“Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Spätestens seit sich Ex-Fußball-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger geoutet hat, ist das Thema in aller Munde: Homosexualität und der Umgang damit. Nun will die grün-rote Landesregierung an baden-württembergischen Schulen sexuelle Vielfalt fächerübergreifend im Unterricht verankern. Doch nicht jeder ist begeistert von dieser Idee. Ein Lehrer aus dem Schwarzwald fand mit seiner Online-Petition „Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“ über 190 000 Unterstützer. Und auch die katholische und evangelische Kirche lehnt die geplanten Leitprinzipien der Bildungsplanreform 2015 ab: In einem gemeinsamen Statement ist nachzulesen, dass Schüler bei ihrer Suche nach der sexuellen Identität nicht beeinflusst werden dürften.

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Diese Argumentation kann Manfred Machoczek, Lehrer am Schlossgymnasium und Grünen-Stadtrat der Teckstadt, nicht nachvollziehen: „Wie sollten die Schulen das denn machen? Entweder man ist homosexuell oder man ist es nicht.“ Machoczek findet es gut, dass der Bildungsplan im Hinblick auf die sexuelle Vielfalt modernisiert werden soll. Der Lehrer, der die Klassen acht bis zwölf unter anderem in Gemeinschaftskunde unterrichtet, gibt allerdings zu bedenken, dass das Thema schon etliche Jahre im Unterricht behandelt werde – nur bislang stehe es eben nicht im Leitziel des Bildungsplans.

„Ich wüsste nicht, wo ich an der Grundstruktur des Unterrichts großartig etwas ändern sollte“, sagt Machoczek. Im Gemeinschaftskunde-Unterricht würde er zum Beispiel unterschiedliche Familienmodelle thematisieren, unter anderem auch die Homo-Ehe. Dass die Schüler einen vorurteilsfreien Umgang pflegen und sich in Toleranz üben sollen, stehe seit Jahren in den Schulbüchern.

Die aktuelle Debatte und die Petition des Schwarzwälder Realschullehrers hält Machoczek für überzogen. Die Petition vermittle, dass man sich an den Schulen jeden Tag über Homosexualität unterhalten wird. Das sei völlig absurd. Bislang mache das Thema in den fünf Jahren der Klassen acht bis zwölf nur drei Prozent des gesamten Unterrichtsstoffes aus, informiert Machoczek weiter. Er hat deshalb die Gegenpetition von Bastian Burger aus Esslingen unterschrieben. Dieser sammelte für seine Initiative bislang über 86 000 Unterschriften.

Immer wieder gebe es am Schlossgymnasium Schüler, die sich offen zu ihrer Homosexualität bekennen. „Ich habe nicht bemerkt, dass es deshalb Anfeindungen oder Ausgrenzungen gab.“ Dass auf den Schulhöfen Schimpfwörter wie „schwule Sau“ fallen, weiß der Pädagoge. „Aber das ist schnell gesagt. Viele Schüler verwenden den Begriff auch in einem anderen Kontext.“

Wolfgang Wörner, Rektor der Teck-Realschule, kann das bestätigen: „Viele Schüler wissen gar nicht, wovon sie da reden.“ Die Diskussion über das Thema sexuelle Vielfalt im Unterricht hält er für lächerlich und übertrieben. „Ich kann die ganze Aufregung nicht verstehen“, winkt der Rektor ab. Es sei wichtig, die Thematik im Unterricht anzusprechen; dies geschehe jedoch auch bisher schon, bestätigt Wörner. „Ich gehe davon aus, dass die Kollegen, die Fächer wie Ethik, Religion und Biologie unterrichten, verantwortungsvoll damit umgehen und die Schüler nicht beeinflussen.“ Freilich hätten die Pädagogen nicht im Griff, „was die Schüler von zu Hause mitbringen“ – ob sie also mit Vorurteilen gegenüber Homosexuellen behaftet sind. Doch dem müssten sich die Lehrer stellen – was auch bisher schon der Fall gewesen sei.

Von der Petition gegen sexuelle Vielfalt im Unterricht hat Wörner gehört, gelesen hat er sie nicht. „Das geht an mir vorbei. Ich kann es nur mit Unverständnis zur Kenntnis nehmen, dass man daraus ein Problem macht.“ Die Befürchtung der Kritiker, dass die klassische Familie durch das Thematisieren der sexuellen Toleranz infrage gestellt werde, weist Wörner zurück: Die Schüler würden dadurch erfahren, dass es auch andere Lebensformen gibt – und zwar „völlig wertfrei“.

Gerhard Klinger, Rektor der Raunerschule, sieht das ähnlich: Es sei wichtig, das Thema an den Schulen zu thematisieren. „In diesem Bereich gibt es sicherlich Aufholbedarf.“ Die Gesellschaft müsse endlich davon wegkommen, Randgruppen zu diskreditieren. Dass Homosexuelle noch immer ausgegrenzt werden, sieht der Schulleiter vor allem im Fußball gegeben. „Hätte sich Hitzlsperger während seiner aktiven Zeit geoutet, dann hätte er – vor allem wegen den Fans – keinen Fuß mehr auf den Boden gekriegt“, sagt der frühere Zehnkämpfer und ergänzt: „Das Leichtathletik-Publikum ist offener und schert sich nicht um solche Dinge.“

Der Schulleiter erinnert sich noch an einen Fall, der sich vor einigen Jahren an der Raunerschule zugetragen hat: Eines Tages habe sich herausgestellt, dass ein Neuntklässler homosexuell ist. Von seinen Mitschülern sei er daraufhin „in Ansätzen gemobbt worden“. „Wir haben aber sehr schnell eingegriffen und sind dagegen angegangen“, erzählt Klinger.

Dieser Fall zeige, dass das Thema Homosexualität und der Umgang damit angesprochen werden müssen, betont er. Denn alles andere führe zu Isolation – und darunter würden homosexuelle Schüler am meisten leiden.