Lokales

„So einen Job krieg‘ ich nie wieder“

Michaela König und Sabina Nast aus Dettingen arbeiten als Sekretärinnen auf der ICE-Baustelle

Die meisten Mitarbeiter auf der ICE-Baustelle bei Aichelberg kommen aus Österreich. Nur wenige stammen aus der Region, unter ihnen Michaela König und Sabina Nast. Die beiden Dettingerinnen sind als Sekretärinnen auf der Baustelle tätig.

Michaela König (links) und Sabina Nast vor dem Bürocontainer auf der Baustelle bei Aichelberg. Fotos: Jean-Luc Jacques
Michaela König (links) und Sabina Nast vor dem Bürocontainer auf der Baustelle bei Aichelberg. Fotos: Jean-Luc Jacques

Aichelberg/Dettingen. Michaela König und Sabina Nast sind zwei gut gelaunte und sympathische junge Frauen. Beide kommen aus Dettingen, doch kennengelernt haben sie sich erst durch ihren jetzigen Arbeitgeber: die auf den Tunnel- und Stollenbau spezialisierte Firma Östu-Stettin aus Österreich.

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Dieses Unternehmen bildet zusammen mit drei weiteren Firmen aus der Alpenrepublik die sogenannte ATA, also die Arbeitsgemeinschaft Tunnel Albaufstieg. Diese bringt im Auftrag der Deutschen Bahn das Projekt ICE-Neubaustrecke auf den Weg.

Wichtig für dieses Unterfangen sind Mineure, Ingenieure, Elektriker, Baggerfahrer und viele mehr – doch auch tüchtige Sekretärinnen sind, wie in jedem Unternehmen, vonnöten, um ein gutes Ergebnis zu erzielen. Die 32-jährige Michaela König und die 35 Jahre alte Sabina Nast sind solche Sekretärinnen. Und auch wenn sie von sich selbst bescheiden als kleiner Teil vom großen Ganzen sprechen – ohne sie würde vieles nicht laufen auf der Baustelle.

Eine wichtige Aufgabe der Dettingerinnen ist, die eingehenden E‑Mails zu bearbeiten und sich um die Papierpost zu kümmern. Außerdem koordinieren sie Termine für die Projekt- und Bauleitung, bereiten Besprechungen vor und übernehmen die Bewirtung, wenn Besuch kommt – was relativ oft der Fall ist. Mit organisiert und vorbereitet haben die beiden auch die Andrehfeier im Steinbühltunnel bei Hohenstadt im Juli 2013, zu der viel Prominenz kam: zum Beispiel Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann, Bahnchef Rüdiger Grube und der damalige Verkehrsminister der Bundesrepublik, Peter Ramsauer, der eigens mit dem Hubschrauber auf die Baustelle geflogen wurde. „Diese Feier werde ich nie vergessen. Sie war phänomenal“, schwärmt Sabina Nast noch heute. Wann es im Boßlertunnel so weit ist, wann sich also der Kopf der riesigen Tunnelbohrmaschine zum ersten Mal dreht, steht noch nicht fest. Die Arbeiter hoffen, dass es noch in diesem Jahr klappt und der Tunnelvortrieb dann so richtig in Gang kommt.

Neben der Andrehfeier ist die Barbarafeier ein wichtiger Bestandteil im Kalender der Bergleute. An diesem Tag, dem 4. Dezember, steht die heilige Barbara, die katholische Schutzpatronin der Mineure, im Mittelpunkt. Auch bei der Vorbereitung für diese Feier, die in diesem Jahr voraussichtlich ebenfalls in Hohenstadt stattfindet, helfen Michaela König und Sabina Nast mit.

Von ihrer Tätigkeit sind die beiden restlos begeistert. „Ich habe meine Entscheidung noch keinen Tag bereut. Der Job macht echt Spaß“, betont Michaela König. Man dürfe an etwas mitwirken, das Bestand hat. So könne man ein Stück Geschichte mitschreiben, ergänzt Sabina Nast. „Ich genieße jeden Tag, an dem ich hier sein darf. So einen Job krieg‘ ich nie wieder“, betont die 35-Jährige schmunzelnd, die gelernte Sozialversicherungsfachangestellte ist und vor ihrer „Baustellen-Tätigkeit“ im Dettinger Buchcafé gearbeitet hat. Auch Michaela König kommt ursprünglich aus einem anderen Metier: Sie ist gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte und hatte zwölf Jahre lang in Rechtsanwaltsbüros in Esslingen und Kirchheim gearbeitet, bevor sie sich auf die Stelle für das Bahnprojekt bewarb.

Dass die beiden aus der Region kommen – insgesamt ist dies nur bei vier Mitarbeitern auf der ganzen Baustelle der Fall – ist gewollt. „Es ist selten, dass Sekretärinnen von Baustelle zu Baustelle reisen“, sagt Michaela König. Es sei gewünscht, dass sich die Sekretärinnen in der Gegend auskennen. Denn sie sind auch gefragt, wenn sich zum Beispiel ein Arbeiter schlecht fühlt und er einen Termin bei einem Arzt benötigt oder wenn es um die Freizeitgestaltung der Angestellten geht. „Wir grillen beispielsweise ab und zu zusammen oder unternehmen Fahrradtouren und Wanderungen“, erzählt Sabina Nast. Dies sei wichtig, weil die Kollegen weit weg von ihren Familien sind.

Im Jahr 2013 haben die beiden Sekretärinnen mit ihrer Tätigkeit begonnen: Michaela König im Februar und Sabina Nast im Juli. Zu Beginn waren sie noch in einem Bürogebäude in Jesingen untergebracht. Seit etwa einem Jahr arbeiten sie in einem eigens aufgestellten Bürocontainer direkt auf der Baustelle bei Aichelberg. Mit Blick aus dem Fenster können sie den Baufortschritt ständig mitverfolgen. Und es passiert enorm viel, derzeit vor allem im Hinblick auf die Erdbewegungen. „Vor Kurzem war ich vier Tage im Urlaub“, erzählt Michaela König. „Danach sah dann alles ganz anders aus.“

Voraussichtlich bis 2018 oder 2019 helfen die Dettingerinnen auf der Baustelle mit. Was danach kommt, wissen sie noch nicht. „Das müssen wir sehen“, sagt Michaela König. „Aber wir sind da zuversichtlich.“

Auch bei Rettungswehr dabei

Sabina Nast ist auf der Baustelle für die ICE-Neubaustrecke bei Aichelberg hauptsächlich als Sekretärin, aber auch in einem ganz anderen Bereich eingesetzt: Die 35-Jährige ist Mitglied der Rettungswehr und hat dafür eine spezielle dreitägige Ausbildung absolviert. Der Rettungswehr, die für die Baustellen bei Aichelberg, Gruibingen und Hohenstadt zuständig ist, gehören 82 Mitglieder an – Sabina Nast ist die einzige Frau. Die Wehr ist gefragt, wenn es im Tunnel brennt oder wenn sich dort ein Unfall ereignet hat. „In der Ausbildung haben wir zum Beispiel gelernt, wie man sich in einem verrauchten Tunnel orientiert“, erzählt Sabina Nast. Für sie ist es selbstverständlich, bei der Rettungswehr mitzuhelfen. Zu einem Einsatz ist es für sie bislang zum Glück aber noch nicht gekommen.alm