Lokales

Solidarität auf dem Dach

Zimmerleute aus ganz Baden-Württemberg helfen Kollegen

Heimische Holzbaufirmen ­können die Reparatur der schweren und zahlreichen Hagelschäden nicht alleine bewältigen. Hilfe kommt von Kollegen aus ganz Baden-Württemberg, wie das Beispiel der Bissinger Firma Holzbau Braun zeigt.

Verstärkung auf dem Dach: Hoch oben hilft Zimmermann-Azubi Marcel Miller (links) aus Oberschwaben der Firma Holzbau Braun aus.Fo
Verstärkung auf dem Dach: Hoch oben hilft Zimmermann-Azubi Marcel Miller (links) aus Oberschwaben der Firma Holzbau Braun aus.Foto: Jean-Luc Jacques

Bissingen. Über dem Dachfirst des Mehrfamilienhauses in der Bissinger Fabrikstraße schwebt blinkend der Alukorb des roten Hubsteigers. Auf dem Dach rücken drei junge Männer Ziegel zurecht, tauschen kaputte gegen Ersatzziegel der Marke „Winnenden“ aus, die der Vater der 62-jährigen Hausbesitzerin nach dem Hausbau 1968 auf dem Dachboden aufbewahrt hatte. Für den Fall der Fälle. Man kann ja nie wissen. Und dieser Fall trat vorletzten Sonntag ein. Die faustdicken Hagelkörner zerschlugen an dem Gebäude Rollläden, zertrümmerten ein Dachfenster und rund fünf Dutzend Dachziegel.

In der Seegemeinde ist das Haus in der Fabrikstraße freilich nicht das einzige, das vom Unwetter in Mitleidenschaft gezogen wurde. Rund 500 Dächer in Bissingen sind betroffen. Weitere in Weilheim, Hepsisau, Ochsenwang, Nabern, Kirchheim, Jesingen, Dettingen und Holzmaden kommen für den Bissinger Zimmereibetrieb Holzbau Braun hinzu. Das kann keine einzelne Firma in der von ungeduldigen Häuslesbesitzern geforderten Zeit stemmen.

In seiner Not sandte Karl-Heinz Elser, Inhaber von Holzbau Braun, seinen Kollegen, die er Anfang des Jahres bei einem Lehrgang in Biberach kennenlernte, eine Rundmail. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Holzbaufirmen aus Leimen, Heilbronn und Biberach meldeten sich und boten ihre Hilfe an. Am Samstag flickten die Leimener Zimmerleute Bissinger Dächer, vorgestern stiegen vier Holzbauspezialisten der Zimmerei Ulrich Hummler in Schemmerberg bei Biberach in aller Herrgottsfrühe in den Firmentransporter, um die Kollegen am Fuße des Breitensteins zu unterstützen, und gestern reisten die Heilbronner Zimmerer an.

„Wir sind bei uns zwar ausgelastet, und eigentlich hätten wir Handwerkerferien, aber wo‘s geht, helfen wir, denn wenn bei uns ein solch schlimmer Schaden eintritt, sind wir auch froh, wenn wir Hilfe bekommen“, sagt Marcel Miller, 16, angehender Zimmermannsgeselle bei Hummler, der gemeinsam mit Patrick Braun, 19, und Felix Stolz, 17, beide von Holzbau Braun, die Wohnungen unter den kaputten Dächern mit Ersatzziegeln, Klebeband, Unterspannbahnen oder Planen und Folien vor größeren Wasserschäden bewahren. „Wir schaffen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und sind auf jeden Mann angewiesen“, ergänzt Patrick Braun. Deshalb denkt sein Chef Karl-Heinz Elser auch daran, das Dutzend der Mitarbeiter zu vervollständigen und noch einen Zimmerer einzustellen.

Angesichts des enormen Arbeitspensums zollt er den Zimmerleuten ein dickes Lob. „Die Jungs schaffen wie die Brunnenputzer“. Genauso großartig findet er die Solidarität seiner Holzbaukollegen.

Währenddessen warnt Ernst Mauz, Obermeister der Zimmererinnung Esslingen-Nürtingen, vor dubiosen mobilen Handwerkerkolonnen, die die Notlage von Hausbesitzern ausnutzen, um schnelles Geld zu verdienen. Die Empfehlung des Dachexperten: Nicht sofort bar bezahlen, sondern ein Angebot erstellen lassen, das von der Versicherung freigegeben werden muss. Keinesfalls an der Haustüre Verträge mit Zusatzklauseln unterschreiben.

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