Lokales

Statt auf Effekte hat er auf Effizienz gesetzt

Nachruf auf den langjährigen Kirchheimer Stadtarchivar Rainer Kilian

Stadtarchivar, StadtarchivRainer Kilian
Stadtarchivar, StadtarchivRainer Kilian

Kirchheim. Am vergangenen Donnerstag ist Rainer Kilian nach schwerer Krankheit im Alter von 67 Jahren verstorben. Nicht nur die Stadt Kirchheim, sondern die gesamte Region rund um die Teck hat dadurch einen profunden Kenner der Geschichte verloren. Die lokale Geschichtsforschung hat Rainer Kilian unglaublich viel zu verdanken. Er selbst hatte es aber stets vorgezogen, bescheiden im Hintergrund zu bleiben und trotz aller Erfolge keinen Wirbel um seine Person zu machen.

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Vom Hauptstaatsarchiv in Düsseldorf war Rainer Kilian im September 1982 nach Kirchheim gekommen, um die Leitung des städtischen Archivs in die Hand zu nehmen. Vor seinem Amtsantritt hatte es eine Zeit lang gar keinen Stadtarchivar gegeben, sodass er mit seinen Mitarbeiterinnen vor 30 Jahren das Archiv erst einmal grundlegend umgestalten musste. Fast zwei Jahre lang dauerte es, bis alle Bestände umsigniert und damit auf den neuesten Stand gebracht waren. Danach begann Rainer Kilian mit seinem umfangreichen publizistischen Wirken als Stadtarchivar, indem er mit Band 2 die Schriftenreihe des Stadtarchivs fortführte.

Von 1984 bis 2004 hat er als „Schriftleiter“ die Entstehung von insgesamt 30 Bänden der Reihe vo­rangetrieben, die weit über Kirchheim hinaus Anerkennung gefunden hat. Viele Beiträge hat er selbst verfasst. Und von Anfang an ist es ihm gelungen, Autoren um sich zu scharen, die sich mit den unterschiedlichsten Themen der Kirch­heimer Geschichte beschäftigt haben.

Ein fester „Autorenstamm“, der von Anfang an mit Rainer Kilian zusammengearbeitet hat, war es auch, der schließlich gemeinsam mit dem Stadtarchivar die umfangreiche Kirchheimer Stadtgeschichte erarbeitet hat. Dieses Grundlagenwerk, das im November 2006 im Rahmen eines Festakts vorgestellt wurde, war der abschließende Höhepunkt in der „Öffentlichkeitsarbeit“ Rainer Kilians während seiner 25-jährigen Tätigkeit als Stadtarchivar.

Außerdem hat Rainer Kilian an vielen weiteren Ortsgeschichten mitgearbeitet – federführend oder auch als „normaler“ Autor. Zu nennen sind hier Hepsisau, Schlierbach, Guten­berg und Schopfloch, innerhalb der Schriftenreihe die Ortsgeschichten Ötlingen und Lindorf sowie zuletzt die Weilheimer Stadtgeschichte.

In Weilheim hat Rainer Kilian als Ruheständler noch fast vier Jahre lang für jeweils einen Tag in der Woche das dortige Stadtarchiv betreut, bevor er diese Aufgabe im vergangenen September in die Hände des Esslinger Kreisarchivs übergab. Seinem ausgesprochen zurückhaltenden, aber doch geradlinigen Naturell gemäß, hatte er damals gesagt: „Ich habe gedacht, ich bin jetzt 67 und höre einfach mal auf.“

In derselben Bescheidenheit hatte er sich im September 2007 als Kirchheimer Stadtarchivar in den Ruhestand verabschiedet. Eine öffentliche Ehrung lehnte er ab. Sie hätte wohl auch nicht seiner zielgerichteten, pragmatischen Art entsprochen. Rainer Kilian war kein Schaumschläger, sondern ein sachlich-kritischer Vertreter seiner Zunft, der nie auf Effekte setzte, dafür aber stets auf Effizienz Wert legte.

Von größter Bedeutung waren seine Beiträge, die sich mit der Geschichte Kirchheims im „Dritten Reich“ beschäftigten. Dabei schreckte Rainer Kilian in seiner Verantwortung als Stadtarchivar nicht davor zurück, Ross und Reiter zu nennen. Nicht zuletzt ist auch Brigitte Kneher, die über den Nationalsozialismus in Kirchheim und vor allem über die Schicksale der Kirchheimer Juden geforscht hat, als erste mit dem Kirch­heimer Geschichtspreis ausgezeichnet worden. Rainer Kilian, der den Preis ausgelobt hatte, hat diese Forschungen immer unterstützt. Wichtig war ihm in diesem Zusammenhang die Feststellung, dass es keine Kollektivschuld geben könne, wohl aber eine Kollektivverantwortung für den Umgang mit der Vergangenheit.

Vor sieben Jahren, Anfang Mai 2005, hat Rainer Kilian in einem eigenen Beitrag im Teckboten das Stadtarchiv und die Arbeit der Archivforscher vorgestellt. „Archivstudien bedeuten nicht nur schöpferische Arbeit, sondern auch Pionierarbeit, die vor einem noch nie jemand gemacht hat“, schrieb er damals. Und zum Trost für alle, die mit handschriftlichen Zeugnissen aus der Vergangenheit ihre Schwierigkeiten haben, fügte er – wieder einmal in aller Bescheidenheit – an: „Der Stadtarchivar kann auf Anhieb auch nicht jede Akte oder Urkunde lesen.“

Abschließend schrieb Rainer Kilian 2005 über seine Tätigkeit im Kirch­heimer Stadtarchiv etwas, was sich heute wie ein Vermächtnis an Kirch­heim und an die Kirchheimer liest: „Dort kann ich den Pulsschlag einer historischen Stadt – vom 16. bis zum 21. Jahrhundert – nachvollziehen, und dort habe ich viele engagierte Menschen kennen und schätzen gelernt.“