Lokales

Straße senkt sich zum zweiten Mal

Alte Trasse wird reaktiviert, was mehrwöchige Vollsperrung zur Folge hat

Die Neue Plochinger Steige zwischen Kirchheim und Wernau ist auch nach der Generalsanierung 2008 weiter in Bewegung. Bereits zum zweiten Mal senkt sich die Straße derart, dass der Verkehr längerfristig wieder über die alte Trasse geführt werden muss.

Der Verkehr auf der Neuen Plochinger Steige wird wieder über die alte Trasse geführt, da sich die Straße stark absenkt.  Foto: J
Der Verkehr auf der Neuen Plochinger Steige wird wieder über die alte Trasse geführt, da sich die Straße stark absenkt. Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Verglichen mit dem Hangrutsch bei Mössingen, in dessen Folge eine Siedlung evakuiert werden musste, nimmt sich die Senkung der Neuen Plochinger Steige in Kirchheim harmlos aus. Ein Ärgernis ist es trotzdem. Zurzeit gilt eine Ampelregung für Autofahrer, die aber soll so schnell als möglich zu Ende sein.

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Die alte Trasse ist wieder gefragt. Diese Woche wurden Bodenproben genommen, um bessere Klarheit über den Untergrund zu bekommen. Wie schon im Dezember 2010 muss hangnah wieder eine zweite Spur asphaltiert werden, damit der Verkehr in beiden Richtungen fließen kann. Wenn alles nach Plan läuft, kann mit den Arbeiten Anfang Juli begonnen werden, was jedoch eine mehrwöchige Vollsperrung zur Folge haben wird. Die Zeit drängt, denn die Plochinger Steige ist auch als Umleitungsstrecke für die B 313, die in den Sommerferien zwischen Plochingen und Nürtingen saniert wird, ausgewiesen.

Wer die Strecke zwischen Kirchheim und Wernau regelmäßig fährt, dem kommt unweigerlich der Gedanke in den Sinn: Nicht schon wieder. Im Jahr 2008 wurde für knapp 3  Millionen Euro die 1,5 Kilometer lange Strecke in rund neun Monaten generalsaniert und im Dezember offiziell eingeweiht. Bereits im Dezember 2010 gab es die ersten Probleme mit Setzungen auf der Straße, und zwar an dem Teilstück, das neu modelliert wurde, um die enge Kurve zu entschärfen. Die Folge: Die alte Trasse wurde erstmals reaktiviert. Im Frühsommer begannen die Sanierungsarbeiten und im Juli 2011 war die neue Strecke wieder freigegeben.

Jetzt also wieder das gleiche Spielchen an genau derselben Stelle. Die Straße senkte sich nach dem langen Winter immer mehr, was zunächst Geschwindigkeitsbegrenzungen für die Autofahrer nach sich zog. Doch wegen der extremen Niederschläge in den vergangenen Monaten geriet der Hang immer mehr in Bewegung, sodass der Verkehr aus Sicherheitsgründen einspurig auf der alten Trasse geführt werden muss.

Nun geht es an die Ursachenforschung. Notwendig dafür sind geologische Langzeitbeobachtungen beziehungsweise -untersuchungen. Seit dem Bau der Neuen Plochinger Steige – im Juni 1853 war die Eröffnung – gibt es Ärger mit der Entwässerung. Damals wurden Stützmauern gebaut, um Sickerdolen anlegen zu können. Das Hangwasser macht auch heute noch Probleme. Bodenproben sollten das Risiko für die neue Trasse minimieren. Eine wasserführende Schicht wurde auch gefunden und entsprechend gefasst. Doch ein solcher Eingriff in den Hang kann auch für neue unterirdische Wasserführungen sorgen, was die Planung für die Ingenieure schwierig macht. „Die talseitige Hangschulter an der Plochinger Steige neigt auf Höhe des Parkplatzes trotz aufwendiger Tiefengründung mittels sogenannter Schotterstützscheiben weiterhin zum Kriechen“, so die Straßenbauer.

„Wir sind ein Stück weit ratlos“, sagt Dr. Clemens Homoth-Kuhs, Pressesprecher beim Regierungspräsidium Stuttgart (RP). Da es sich bei der Plochinger Steige um eine Landesstraße handelt, ist das RP für Planung und Sanierung zuständig. Wie die Verkehrsführung langfristig aussieht, darüber möchte sich zum jetzigen Zeitpunkt niemand festlegen – auch nicht, ob auf dem mit Schotterstützscheiben gebauten Teilstück jemals wieder ein Auto fährt.

Ingenieur vs. Natur

Zweifellos: Die Geologie der Neuen Plochinger Steige ist für Straßenbauingenieure kein einfaches Terrain. Seit dem Bau in den 1850er-Jahren sorgt die Straße regelmäßig für Überraschungen und damit für Mehrkosten. Was jetzt passiert, hat also Tradition. Trotzdem – oder gerade deshalb – darf die Frage erlaubt sein: Haben die Planer in all den vielen Jahren nichts hinzugelernt oder weigern sie sich schlichtweg, die durch die Natur vorgegebenen Grenzen anzuerkennen?

Unweigerlich kommen einem in diesen Zeiten die Bilder von gebrochenen Deichen und im Wasser versunkenen Städten in den Sinn. Hier wird jedem deutlich vor Augen geführt, dass sich auch eine Industrienation den Naturgesetzen beugen muss und die Menschen sich langsam aber sicher von der bequemen aber fatalen Idee trennen müssen, alles in den Griff zu bekommen.

Neue Denkmuster sind gefragt. Dazu gehört möglicherweise die Einsicht, dass nicht zwangsläufig auf jeder Landesstraße ein 30-Tonner-Lkw durchfahren muss, nur weil das so irgendwann einmal festgeschrieben wurde – Zielverkehr selbstverständlich ausgenommen. Die Plochinger Steige hätte sich im Laufe der Zeit auch weiterhin gesenkt, davon ist auszugehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies in einem wesentlich längeren Zeitraum geschehen wäre, ist jedoch groß. Die Frage sei also erlaubt: Wie lange kann sich ein Staat solch einen Luxus noch leisten?

Und noch ein Gedanke darf erlaubt sein: Wenn die Ingenieure ein bisschen Hangwasser in Kirchheim nicht in den Griff bekommen, wie soll dann das mit einem Tiefbahnhof in Stuttgart funktionieren, der bekanntlich mitten in Europas zweitgrößtes Mineralwasservorkommen „gepflanzt“ werden soll? IRIS HÄFNER