Lokales

Trauer um Dr. Rolf Götz

Nachruf auf den Kirchheimer Lokalgeschichtsforscher, Spätmittelalter- und Quellenexperten Dr. Rolf Götz

Buchvorstellung Herzöge von Teck  - Schriftenreihe Band 33 - Rolf GötzRolf Götz entlarvt die Mythen vom König für einen Tag und
Buchvorstellung Herzöge von Teck - Schriftenreihe Band 33 - Rolf GötzRolf Götz entlarvt die Mythen vom König für einen Tag und vom schleichenden Niedergang der Tecker

Kirchheim. Die lokale Geschichtsschreibung rund um Kirchheim und die Teck hat einen ihrer wichtigsten Forscher verloren: In der Nacht zum Dienstag ist Dr. Rolf Götz seiner schweren Krankheit erlegen. Ende Januar wäre er 67 Jahre alt geworden. Seine vielen Pläne für Forschungsarbeiten im Archiv und anschließende Veröffentlichungen lassen sich nun nicht mehr verwirklichen. Sein umfangreiches Wissen wird den Kirchheimer Historikern noch auf Jahre hinaus fehlen. Die Lücke, die er hinterlässt, ist nicht zu schließen.

Sein Forscherdrang war unermesslich. So reichen seine Veröffentlichungen von Zeitungsartikeln, etwa über eine gusseiserne Ofenplatte, bis hin zu großen und ausgesprochen verdienstvollen Arbeiten, die als Monographien in der Schriftenreihe des Stadtarchivs erschienen sind: 1989 über den Kirchheimer Freihof (wofür er mit dem Kirchheimer Geschichtspreis ausgezeichnet wurde), 1999 über Sibylle von der Teck (wofür er den zweiten Landespreis für Heimatforschung erhielt) und zuletzt 2009 über die Herzöge von Teck. Nicht zu vergessen sind die Beiträge, die Rolf Götz für viele Stadt- und Ortsgeschichten geschrieben hat: Hepsisau, Schopfloch, Gutenberg, Öt­lingen, Lindorf, Schlierbach, Weilheim – seinen Wohnort – und natürlich Kirchheim, seine Heimatstadt.

Es ging Rolf Götz immer um die Sache: um das, was der historischen Wahrheit aus seiner Sicht am nächsten kam. Es war ihm sehr wohl bewusst, dass auch Geschichtsquellen voller Fehler stecken können. Unter anderem deshalb trägt seine 2007 erschienene Dissertation den Titel „Wege und Irrwege frühneuzeitlicher Historiographie – Genealogisches Sammeln zu einer Stammfolge der Herzöge von Teck im 16. und 17. Jahrhundert“.

Auf Fehler und Fehlinterpretationen wollte er hinweisen. Gerade bei den Herzögen von Teck verkämpfte er sich darum, die Sichtweise vom langsamen Niedergang des Adelsgeschlechts und vom Ausverkauf der angestammten Besitztümer zu widerlegen. Vor allem einen Teck-Herzog – Friedrich III. – galt es für ihn zu rehabilitieren: Dieser hätte in Mindelheim ein neues blühendes Geschlecht begründen können, wären seine sieben Söhne nicht allesamt ohne Nachkommen gestorben.

Ein besonders wichtiger historischer Streitpunkt im Zusammenhang mit den Teck-Herzögen ist die Frage, ob Konrad II. von Teck 1292 zum römisch-deutschen König gewählt worden war oder nicht. In seinem Buch „Die Herzöge von Teck – Herzöge ohne Herzogtum“ kam Rolf Götz zu dem Schluss: „Herzog Konrad von Teck wäre aus mehreren Gründen ein ernstzunehmender Kandidat gewesen.“ Mehr aber auch nicht, denn trotz allem sei Konrad „nicht in die Reihe der deutschen Könige aufzunehmen“. Dazu ergänzte er 2009 bei der Buchvorstellung noch: „Auch wenn diese Erklärung wenig Sensationelles an sich hat, so trifft sie doch am ehesten den Quellenbefund.“

Sensationelles um der Sensation willen, das war eben nicht die Art des akribischen Quellenforschers Rolf Götz. In der Sache unerbittlich, mischte er sich auch in einen anderen historischen Streit ein, der ebenfalls einen Owener Fall betraf. Dabei konnte sich Rolf Götz aber mit seiner Meinung auf ganzer Linie durchsetzen: Schon 1992 hatte er in Band 15 der Schriftenreihe des Kirchheimer Stadtarchivs davon geschrieben, dass die vermeintliche „Peterskirche“ am Owener Marktplatz eine „Bernhardskapelle“ sein müsse. Zehn Jahre später hatte er auch die letzten Zweifler überzeugt, und tatsächlich feierte das Owener Baudenkmal nach der Sanierung als „Bernhardskapelle“ eine fulminante Auferstehung.

Die Schriftenreihe war für Rolf Götz neben dem Teckboten eines der wichtigsten Medien zur Publikation: In nahezu der Hälfte aller Bände sind größere oder auch kleinere Beiträge von ihm zu lesen. Begonnen hat seine Zusammenarbeit mit Rainer Kilian – dem vor acht Monaten verstorbenen langjährigen Kirchheimer Stadtarchivar – mit dem zweiten Band der Schriftenreihe, der damals noch bescheiden als „Heft 2“ herausgekommen war und den eigentlichen Startschuss der ganzen Reihe markierte.

Was die publizistische Zusammenarbeit betrifft, so sind an dieser Stelle außer Rainer Kilian auch die anderen Autoren der Kirchheimer Stadtgeschichte zu nennen, mit denen Rolf Götz eng verbunden war: Rosemarie Reichelt, Sabine Widmer-Butz und Rainer Laskowski. Zudem hat Rolf Götz vieles an Forschungsergebnissen mit Christoph Bizer geteilt und ausgetauscht. Ein Zeugnis für diese außergewöhnliche Zusammenarbeit ist der gemeinsame Schriftenreihenband „Die Thietpoldis­purch und die Burgen der Kirchheimer Alb“ aus dem Jahr 2004.

Nahezu unvorstellbar ist die Tatsache, dass es Rolf Götz geschafft hat, seiner Forscher- und Vortragstätigkeit quasi „ne­benberuflich“ nachzukommen – war er doch bis vor wenigen Jahren hauptberuflich voll und ganz als Lehrer und Fachabteilungsleiter am Kirchheimer Schlossgymnasium eingespannt. Als beliebter und engagierter Pädagoge hat er es verstanden, ganze Schülergenerationen für die Geschichte zu interessieren und sie an seiner eigenen Begeisterung teilhaben zu lassen. Letzteres gilt auch für die Teilnehmer vieler Exkursionen, die Rolf Götz – oft gemeinsam mit seinem früheren Kollegen und Schulleiter Roland Krämer – für die Ortsgruppe Kirchheim des Schwäbischen Heimatbunds angeboten hat.

Wegen seiner Arbeit und seiner unbestrittenen Fachkompetenz als Erforscher der spätmittelalterlichen Heimatgeschichte wird Rolf Götz den Kirchheimer Historikern ebenso fehlen wie als Mensch und als Freund. Aber seine Frau und seine drei Töchter haben noch viel mehr verloren.

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