Lokales

Trotz Schlichtungsgesprächen kein Konsens in Sicht

Expertendiskussion beim „Aktionsbündnis Kirchheimer Bürger/Innen für K 21“ im Mehrgenerationenhaus Linde

Die legendären Schlichtungsgespräche in Sachen „S 21“ sind längst Geschichte, abgeschlossen ist dieses brisante Kapitel Bahngeschichte noch lange nicht. Das belegte erneut eine Veranstaltung des „Aktionsbündnisses Kirchheimer Bürger/Innen für K 21“.

Kirchheim. Ort der vereinbarten wenn nicht Annäherung so doch Begegnung von Vertretern unterschiedlicher Überzeugungen war das Kirchheimer Mehrgenerationenhaus Linde. Den auf ein klares Bekenntnis pro Kopfbahnhof festgelegten Veranstaltern war es wichtig, bei der Besetzung des Podiums uneingeschränkte Objektivität zu demonstrieren. Eingeladen waren daher zwei ausgewiesene Bahnexperten, die auch schon bei den Schlichtungsgesprächen unter der Leitung von Heiner Geißler gemeinsam mit am Verhandlungstisch gesessen und klare Positionen vertreten hatten.

Moderator Heinz Poezl konnte neben vielen Besuchern zunächst Diplom-Ingenieur Manfred Poethke begrüßen, der als ehemaliger Leiter der Grundsatzabteilung der DB Projekt-Bau bekennender Mitplaner von Stuttgart 21 war. Dass er der Einladung des „Aktionsbündnisses für K 21“ gefolgt und bereit war, sich auf keinesfalls neutrales Terrain zu begeben, wurde von Gastgeber Poezl sehr begrüßt. Im inzwischen erreichten Ruhestand engagiert sich Diplom-Ingenieur Manfred Poethke noch immer klar für das von ihm mit geplante Projekt Stuttgart 21, das er auch an diesem Abend gegen alle zu erwartenden Widerstände prononciert verteidigte.

Einem vergleichsweise unproblematischem „Heimspiel“ konnte dagegen Professor Dipl.-Ing. Karl-Dieter Bodack entgegensehen, der jahrelang in Stabs- und Führungspositionen bei der Bundesbahn und der Deutschen Bahn AG tätig war und als dezidierter Fürsprecher von K 21 natürlich zugleich auch Kritiker von Stuttgart 21 sein muss.

Völlig neutral verhalten wollte sich Gastgeber Heinz Poezl, der sich zu Beginn seiner Moderation zwar klar dazu bekannte, für den Erhalt des Kopfbahnhofs zu sein, zugleich aber im Blick auf die von ihm übernommene Moderatorenrolle versicherte, dass er darum bemüht sei, nicht Partei zu ergreifen und vor allem auch in der anschließenden Diskussion Befürworter und Gegner von Stuttgart 21 gleichermaßen zu Wort kommen lassen wolle.

Überzeugt davon, dass auch nach der sogenannten Schlichtung noch vieles ungeklärt sei, nannte er als Schwerpunktthemen des Abends die Leistungsfähigkeit des geplanten Tiefbahnhofs und der Neubaustrecke, die Zukunftsfähigkeit des gesamten Projekts in ökologischer Hinsicht, Sicherheitsfragen und nicht zuletzt auch die Auswirkungen für die Region.

Zunächst hatten aber die beiden Podiumsteilnehmer Gelegenheit, umfassend und detailliert ihre Positionen darzustellen. Diplom-Ingenieur Manfred Poethke betonte, dass viele Varianten geprüft wurden, das Verfahren immer öffentlich gewesen sei und sich der Durchgangsbahnhof dabei als effizienteste und am schnellsten zu verwirklichende Lösung herauskristallisiert habe.

Für Professor Dipl.-Ing. Karl-Dieter Bodack steht dagegen der finanzielle Aspekt klar im Vordergrund. Angesicht der verschuldeten Haushalte sei es nicht zu tolerieren, Unsummen an Steuermitteln dafür zu verwenden, einigen wenigen Zugreisenden einen zudem vernachlässigbaren Zeitvorteil zu verschaffen. Außerdem sei das Projekt „ökologisch unverantwortlich“.

Den Plädoyers für „S 21“ und für „K 21“ folgte ein umfassender Gedankenaustausch über unterschiedlichste Punkte, die jeweils von den beiden Experten aufgegriffen und erwartungsgemäß unterschiedlich kommentiert wurden. Zuvor hatte Professor Bodack schon die „zwei unterschiedlichen Welthaltungen“ klar gegeneinander abgegrenzt. „Stuttgart 21“ steht für ihn für eine Hinwendung zu moderner Technik und dem Wunsch, schnell anzukommen, während er bei „K 21“ das Reisen als Qualität in den Vordergrund stellt.

Auch wenn bei der kontroversen Diskussion keine Annäherung der Vertreter völlig unterschiedlicher Ziele erwartet werden konnte, zeigten gelegentliche Übereinstimmungen in Details und die betonte gegenseitige Wertschätzung doch auch Bereiche möglichen Konsenses.

Professor Bodack dankte in seinem Schlusswort Besuchern und Veranstaltern gleichermaßen für ihr neues Denken und Bewusstsein. Er bestätigte den Schwaben, dass sie eine wichtige Vorreiterrolle übernommen hätten und an einem Punkt, an dem es nicht weiterzugehen scheint, mit dazu beitragen, weiterzudenken, statt in den Abgrund zu fahren. Angesichts der enormen Staatsverschuldung wäre aber ein Punkt erreicht, an dem zu überdenken sei, ob weiterhin Scheinziele wie mögliche Höchstgeschwindigkeiten verfolgt werden könnten oder angesichts schwindender Mittel nicht grundsätzlich gefragt werden müsse, wo wollen wir eigentlich hin?

Diplom-Ingenieur Poethke machte abschließend uneingeschränkt deutlich, dass auch er heute anders denke, als vielleicht vor zehn Jahren. Gleichzeitig forderte er aber, dass nach jahrelangen Überlegungen und vorbereitenden Planungen irgendwann „ein Redaktionsschluss“ gesetzt werden müsse. Jahrzehntelanges Diskutieren koste schließlich auch Geld.

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