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„Unfassbare Brutalität“ schockiert

Ratlosigkeit unter Zuschauern und Betreuern nach Krawallen bei Jugendturnier in Holzmaden

Brutale Schläger, verstörte Kinder und ein massives Polizeiaufgebot – was als friedliches Fußballfest begann, endete am Sonntagnachmittag in Holzmaden in einer Massenschlägerei mit Verletzten. Einen Tag danach ist die Betroffenheit bei Augenzeugen und Veranstaltern noch immer groß. Auch, weil der Fußballplatz hier offenbar nur zufällig als Bühne diente.

„Unfassbare Brutalität“ schockiert

Noch immer fassungslos: Jugendleiter Martin Kirschmann (rechts) und Trainer Frank Nowak vom TSV Holzmaden.              Foto: Jean-Luc Jacques

Holzmaden. Die Gewalt entlädt sich buchstäblich aus heiterem Himmel. Auf dem Vereinsgelände des TSV Holzmaden herrscht beim zweitägigen Jugendfußballturnier um den „Saurier-Cup“ eine entspannte Atmosphäre. Der Sportplatz reizvoll gelegen, die Organisation wie immer vorbildlich, die Stimmung bestens – nach dem verregneten Samstag lacht endlich die Sonne überm „Brühl“, wo sich auf dem zweigeteilten Rasenplatz die F-Junioren des SC Geislingen und des 1. FC Eislingen gegenüberstehen. Ein ganz normales Jugendspiel zweier Mannschaften mit Sechsjährigen, die sich bestens kennen und deren Trainer eine enge Freundschaft verbindet.

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Was dann geschieht, beschreiben Augenzeugen als „Ausbruch unfassbarer Brutalität.“ Nach einem harmlosen Foul auf dem Spielfeld kommt es zunächst zu einem heftigen Wortgefecht zwischen Angehörigen zweier türkischstämmiger Familien im Gefolge des FC Eislingen. Kurze Zeit später fliegen die Fäuste. Ein Mann zertrümmert am Protokolltisch eine Flasche, geht mit dem abgeschlagenen Flaschenhals auf einen Kontrahenten los. Die Situation eskaliert. Weitere Familienmitglieder mischen sich ein, einige wollen schlichten. Binnen Kurzem sind 15 Personen an der Massenschlägerei beteiligt. Blut fließt. Ein 47-Jähriger liegt mit eingeschlagenen Zähnen und Prellungen am Boden, wird kurz darauf mit dem Rettungswagen ins Kirchheimer Krankenhaus eingeliefert. Die Turnierleitung bricht die Spiele sofort ab. Als eine Viertelstunde später die Polizei mit zehn Streifenwagenbesatzungen am Ort des Geschehens eintrifft, ist der Spuk bereits vorbei. Ein Großteil der Schläger ist über den Zaun geflüchtet, zurückgeblieben sind sprachlose Eltern und Großeltern mit verstörten Kindern.

Geislingens Jugendtrainer Dietmar Schurr reagiert sofort, ruft seine Mannschaft vom Platz und verschanzt sich mit den Kindern in der Umkleide des Vereinsheims. Sein Eislinger Kollege Filip Bilac handelt ähnlich, übergibt die Sechsjährigen, von denen einige weinend vom Feld gehen, den Eltern und drängt zur sofortigen Abreise. Einen Tag danach ist der 29-Jährige, der die Jungs seit drei Jahren trainiert, noch immer schockiert von den Ereignissen. „Ich mache diesen Job mit viel Spaß und Leidenschaft“, sagt Bilac mit leiser Stimme. „Jetzt muss ich mir überlegen, ob ich damit weitermachen kann.“ Für ihn steht fest: Der Sport war hier nur zufällig Bühne. Von einer Rivalität zwischen beiden Vereinen könne keine Rede sein, wie auch die Schläger keine regelmäßigen Zuschauer bei Jugendspielen seien, betont er.

Auch bei den Veranstaltern des TSV Holzmaden saß der Schock gestern noch tief. Dort sorgt man sich um den Ruf des Vereins, um das bisher so erfolgreiche Jugendturnier. „Meine größte Sorge ist, dass nun der Eindruck entsteht, man könne seine Kinder nicht mehr zu uns schicken“, sagt Herbert Kirschmann. Der 64-jährige Vorsitzende des Gesamtvereins schaute am Sonntag eher zufällig im „Brühl“ vorbei – und stand plötzlich mitten im Geschehen. „Ich habe noch versucht, zu schlichten“, berichtet er. „Doch es wurde immer schlimmer.“ Bei den Kirschmanns und auch bei Jugendtrainer Frank Nowak, dessen Sohn das betreffende Spiel als Schiedsrichter leitete, stand das Telefon gestern nicht still. Das Presse-Echo hallt bundesweit, sogar das Fernsehen hat sich angekündigt. Pub­licity, auf die man im beschaulichen Holzmaden gerne verzichtet hätte. „Wir sind die Leidtragenden, ohne dass uns eine Schuld trifft“, meint Kirschmann, der seit fast 30 Jahren an der Spitze des TSV Holzmaden steht und nun feststellen muss: „So etwas habe ich noch nicht erlebt.“

Die Polizei ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung, war gestern damit beschäftigt, reihenweise Zeugen zu vernehmen. Einige Zuschauer hielten das Geschehen mit ihren Handys als Video fest. Beim Württembergischen Fußballverband (WFV) in Stuttgart ist man alarmiert, auch wenn dessen Sprecher Heiner Baumeister keinen Trend bestätigen will. Die Zahl der Jugendspiele mit schweren Vergehen, die mindestens eine Sperre von vier Monaten nach sich ziehen, sei seit fünf Jahren auf gleichbleibend niedrigem Niveau. „Bei elftausend Spielen jedes Wochenende reden wir von weniger als 0,5 Promille“, sagt Baumeister. Verharmlosen will er das Thema aber nicht. „Holzmaden hat eine Dimension, die wir bisher nicht kannten.“ Die Spange der Gewalt im Amateurfußball sei groß, die Ursachen vielfältig. Dass Personen mit Migrationshintergrund überproportional oft in solche Fälle verstrickt seien, verschweigt Baumeister nicht. Er sagt aber auch: „Gezielte Provokation spielt dabei sehr oft eine Rolle.“

Der Verband ist nicht untätig. Vereine, die als besonders auffällig gelten, werden zu gewaltpräventiven Maßnahmen verdonnert, im Extremfall kann das Spielrecht entzogen werden. Im Jugendbereich verzichtet der WFV seit zwei Jahren bei den jüngsten Mannschaften bis zu den F-Junioren auf eine Spielwertung. Bei den Kleinsten soll der Spieltrieb und nicht Konkurrenzdenken im Vordergrund stehen. Ein anderer Aspekt ist dabei fast genauso wichtig: Dem übersteigerten Ehrgeiz mancher Eltern soll damit ein Riegel vorgeschoben werden.

Gewalt auf den Fußballplätzen im Bezirk Neckar/Fils

Dezember 2012: Beim Kreisliga-B-Spiel des TSV Köngen II gegen Odyssia Esslingen wird der Schiedsrichter von einem Esslinger Spieler per Kopfstoß zu Boden gestreckt und muss mit einer Gehirnerschütterung und einer Platzwunde ins Krankenhaus gebracht werden. Die Wunde muss dort mit sieben Stichen genäht werden. Dezember 2010: Tritte, Schläge, Beleidigungen – im Anschluss an das Kreisliga-A-Spiel TSV Wolfschlugen gegen TV Hochdorf kommt es zu Tumulten zwischen Spielern, Zuschauern und Funktionären beider Mannschaften. September 2009: Zwei Spieler des SSV Göppingen prügeln am Rande des Kreisliga-B-Spiels gegen den SV Ebersbach so heftig auf den Schiedsrichter ein, dass dieser in der Umkleidekabine zusammenbricht und anschließend ins Krankenhaus gebracht werden muss. Juni 2002: Bei den bis dahin größten Ausschreitungen im Bezirk Neckar/Fils machen Spieler, Fans und Funktionäre des NKV Nürtingen nach dem Relegationsspiel gegen den TSV Denkendorf II in Deizisau regelrecht Jagd auf das Schiedsrichter-Trio. Zwei Unparteiische werden mit schweren Kopfverletzungen ins Esslinger Krankenhaus gebracht. Die Polizei ist mit sieben Einsatzfahrzeugen vor Ort.tb