Lokales

Vertretung in letzter Minute

An der Bodelschwinghschule für Kinder mit geistiger Behinderung in Nürtingen fehlen einige Lehrer

Für die Kinder mit geistiger Behinderung an der Bodelschwinghschule in Nürtingen ist nichts selbstverständlich. Deshalb besteht ein großer Teil des Unterrichts darin, den Kindern Fähigkeiten zu vermitteln, die ihnen helfen, den Alltag zu bestehen. Umso schlimmer ist es, wenn der Unterricht an dieser Schule ausfällt – was in der vergangenen Woche gerade noch abgewendet werden konnte.

In letzter Minute wurde der reguläre Unterricht an der Bodelschwinghschule gesichert.Foto: Jürgen Holzwarth
In letzter Minute wurde der reguläre Unterricht an der Bodelschwinghschule gesichert.Foto: Jürgen Holzwarth

Nürtingen. Kurz vor den Feiern zum 40-jährigen Bestehen hat die Bodelschwinghschule mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen. Risikoschwangerschaften und lange Krankheiten sorgten dafür, dass seit März 80 Lehrerwochenstunden ausfielen. Das entspricht ungefähr dem Deputat von vier Lehrern. Deshalb wollte Schulleiterin Barbara Andreas die Notbremse ziehen und kündigte den Eltern an, ab Mai den Unterricht am Donnerstagnachmittag ausfallen zu lassen. Am Mittwochnachmittag vergangener Woche kam Entwarnung: Die Bodelschwinghschule bekommt eine Krankheitsvertretung zugeteilt. Damit ist zwar der Unterricht am Donnerstagnachmittag gesichert, zu wenig Lehrer hat die Schule aber immer noch.

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Im März beantragte die Schule beim Stuttgarter Regierungspräsidium eine Krankheitsvertretung und bekam gesagt, es gebe kein Personal. Also machte sich die Schule selbst auf die Suche und fand eine junge Lehrerin, die gerade an der Pädagogischen Hochschule ihren Abschluss gemacht hatte. Nun wurde der Schule vom Regierungspräsidium gesagt, es sei kein Geld vorhanden. Vier Wochen hofften und bangten Schule und Junglehrerin.

Am 25. April teilte das Kultusministerium in Stuttgart mit, dass weitere 2,5 Millionen für Krankheitsvertretungen zur Verfügung gestellt werden. Davon profitiert nun auch die Bodelschwinghschule: Die junge Lehrerin hat grünes Licht vom Personalrat bekommen und kann sofort anfangen.

Clemens Homoth-Kuhs, Pressesprecher des Stuttgarter Regierungspräsidiums sagt, es sei auch deshalb so schnell gegangen, weil die Schule als Ganztagesschule bei den Eltern in der Pflicht steht, die vereinbarten Zeiten auch abzudecken. Viele Eltern verlassen sich darauf und haben ihre Arbeitszeiten entsprechend gelegt. Viele der Schüler können selbst als Jugendliche nicht alleine zu Hause bleiben, und eine Betreuungsperson zu finden ist nicht ganz einfach. „Schade, dass die Schule so ans Limit gebracht wurde, bevor Ersatz kam“, sagt Homoth-Kuhs. Doch zurzeit, drei Monate vor Schuljahresende sei der Markt leer, es stehen kaum Lehrer für Vertretungen bereit.

Wenn Lehrer ausfallen, müsse die Schule für einige Zeit zusehen, wie sie mit ihren eigenen Mitteln zurecht kommt – selbst wenn, wie im Fall einer Schwangerschaft, absehbar ist, dass die Lehrerin für längere Zeit wegbleibt. An Sonderschulen liege der Frauenanteil mit 80 Prozent höher als bei allen anderen Schularten, wo er 65 Prozent beträgt. Entsprechend hoch sei die Wahrscheinlichkeit, dass Lehrerinnen wegen Schwangerschaft ausfallen. Das sei im Vertretungspool nicht berücksichtigt, ebenso wenig wie die Überalterung der Lehrerschaft. „Wir ringen mit dem Kultusministerium um die nötigen Mittel“, sagt Homoth-Kuhs.

Da die Kinder alle völlig unterschiedlich sind, gibt es keinen Unterricht von der Stange, vielmehr muss jedes Kind ganz individuell gefördert werden. „Gerade Kindern mit Lern- oder geistiger Behinderung wie unsere, sind darauf angewiesen, so viel Bildung wie möglich angeboten zu bekommen. Jedes Stück Bildung verbessert die Chancen im Arbeitsleben und den Grad der Integration in unserer Gesellschaft“, schrieben die Elternbeiratsvorsitzenden Christiane Sauer und Susanne Doster in einem Brandbrief an den Staatssekretär im Kultusministerium, Dr. Frank Mentrup.

Nun fällt den Eltern ein Stein vom Herzen: Der Nachmittag ist gerettet. Mit der neuen Lehrerin kann der Unterricht wieder normal stattfinden, die restlichen Stunden decken die anderen Lehrer mit Überstunden ab.

Rektorin Barbara Andreas berichtet von den Nöten der vergangenen Wochen. Die Bodelschwinghschule hat 100 Schüler im Alter zwischen sechs und 19 Jahren, die im Hauptgebäude am Neckar und in sechs Außenklassen im ganzen Altkreis Nürtingen unterrichtet werden. Ziel des Unterrichts ist es, die größtmögliche Selbstständigkeit der Schüler zu erreichen und sie auf ein Leben als Erwachsener in den Bereichen Arbeit, Freizeit, Partnerschaft und Wohnen vorzubereiten. Das bedeutet: Alles ist Unterricht – auch das Mittagessen, das die Kinder und Jugendlichen darauf vorbereitet, selbst zu essen und sich zu versorgen.

Sind zu wenig Lehrer da, müssen eventuell Außenklassen zurück ins Haus geholt werden. Keine gute Situation für die Kinder, die häufig auf neue, ungewohnte Situationen empfindlich reagieren. Außerdem fehle in der Schule der Platz für so viele Kinder, sagt Barbara Andreas. Sollte die Bodelschwinghschule nochmals einen Antrag stellen, wäre es denkbar, dass ein weiterer Vertretungslehrer an die Schule kommt, macht Clemens Homoth-Kuhs der Schule Hoffnung.