Lokales

Viele Jesinger sind schockiert

Scientology hat Räumlichkeiten an der Kirchheimer Straße in Jesingen bezogen

In einem Gebäude in exponierter Lage an der Kirchheimer Straße bietet die Scientology-Organisation seit wenigen ­Wochen Kurse und Seminare an. Die Stadt kann dies nicht unterbinden.

An der Kirchheimer Straße in Jesingen befindet sich seit wenigen Wochen die sogenannte Teck-Mission der Scientology-Organisation
An der Kirchheimer Straße in Jesingen befindet sich seit wenigen Wochen die sogenannte Teck-Mission der Scientology-Organisation.Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Die Scientology-Organisation (SO) ist in Kirchheim seit vielen Jahren sehr aktiv. An Infoständen oder über Flyer, die in den Briefkästen der Menschen landen, wurde in der Vergangenheit immer wieder versucht, neue Mitglieder zu werben. Außerdem betreibt Scientology laut dem aktuellen Verfassungsschutzbericht des Landes Baden-Württemberg in Kirchheim die Gruppe „Sag Nein zu Drogen, sag Ja zum Leben“. Weiterhin ist im Verfassungsschutzbericht zu lesen: „Auch der von Scientology-Anhängern betriebene Sabine-Hinz-Verlag in Kirchheim bewirbt online SO-Publikationen. Eng mit dem Verlag verbunden ist eine Broschürenreihe mit dem Titel ,mehr wissen besser leben‘ (‚Kent-Depesche‘), die unter anderem für Scientology-Konzepte eintritt.“

Darüber hinaus hat die Organisation in Jesingen die sogenannte Teck-Mission eingerichtet. Solche ­Missions gibt es laut Verfassungsschutzbericht ansonsten nur noch in Göppingen, Ulm und Karlsruhe. Dabei handelt es sich um „Basisorganisationen, die einführende Dienste anbieten“. Eine größere „Org („Kirche“) befindet sich in Stuttgart.

Die „Teck-Mission“ gibt es in Jesingen seit 17 Jahren, weiß Ortsvorsteher Christopher Grampes. Bislang habe sie sich an der Brunnenstraße befunden; nun sei sie an die Kirchheimer Straße umgezogen. Das hat Grampes bei einem Besuch in den neuen Räumlichkeiten erfahren. Der Ortsvorsteher wollte sich vor Ort ein Bild machen, nachdem sich viele besorgte und schockierte Jesinger Bürger bei ihm gemeldet hatten.

Das Gebäude an der Kirchheimer Straße, in dem früher ein Physiotherapeut tätig war und das laut dem CDU-Landtagsabgeordneten und Verfassungsschutzbeauftragten seiner Fraktion, Karl Zimmermann, von der SO wohl gekauft wurde, ist von außen sofort als Scientology-Niederlassung zu erkennen. Versteckt oder verschleiert wird hier nichts – im Gegenteil: Ein Schild mit der Aufschrift „Scientology“ sticht ins Auge; außerdem gewähren große Schaufenster Einblicke in die Räume. Diese Offenheit liege daran, dass Scientology in den vergangenen Jahren an Bedeutung verloren habe, betont Zimmermann. Deshalb seien die „Basisorganisationen“ von ihrer Zentrale aufgefordert worden, selbstbewusster aufzutreten und Farbe zu bekennen.

„Die ,Leitende Direktorin‘ war sehr freundlich und hat mir die Räumlichkeiten gezeigt“, erzählt Ortsvorsteher Grampes von seinem Besuch. „Sie sagte, dass es eine religiöse Philosophie sei, nach der die Mitglieder leben und die verbreitet werden soll“. In diesem Zusammenhang würden in Jesingen Kurse und Seminare veranstaltet. Eine Anfrage des Teckboten via E-Mail zu weiteren Details wurde von der SO nicht beantwortet.

Wie Grampes und Bürgermeister Günter Riemer unisono betonen, habe die Stadtverwaltung rechtlich keine Möglichkeit, gegen die Aktivitäten von Scientology in Kirchheim vorzugehen. „Die Art und Weise ihres Auftretens ist nicht strafbar“, gibt Riemer zu bedenken. Erfreut ist er keineswegs über die Entwicklung in Jesingen; doch der Stadt seien die Hände gebunden.

Dass sich Scientology nun an der Kirchheimer Straße einquartiert hat, ist auch dem Landesamt für Verfassungsschutz nicht entgangen. Georg Spielberg von der Pressestelle will sich dazu jedoch auf Nachfrage des Teckboten zum jetzigen Zeitpunkt nicht näher äußern. Fest steht: Die Organisation, die nicht verboten ist, wird schon seit 17 Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet.

Sorge bereitet das verstärkte Auftreten von Scientology in Kirchheim auch dem Grünen-Landtagsabgeordneten Andreas Schwarz. Die Organisation sei seiner Einschätzung nach deshalb gefährlich, weil der freie Wille der Menschen ausgeschaltet werden solle. An ihren Ständen kämen sie zum Beispiel mit Sprüchen wie „Keine Macht den Drogen“ zunächst recht unscheinbar daher. „Wenn man dann aber näher hinschaut, sieht man, dass Scientology dahintersteckt.“

Auch Karl Zimmermann, der die Aktivitäten der SO in der Region schon seit 30 Jahren verfolgt, bedauert die Entwicklung. Er betont aber: „Die Jesinger Bürger müssen keine Angst haben.“ Schon seit vielen Jahre sei Scientology in der Teckstadt aktiv; bislang hätten die meisten es gar nicht bemerkt, dass die SO in Kirchheim deutschlandweit „eine herausragende örtliche Stellung“ habe. Dennoch warnt Zimmermann vor der Organisation, die vor allem zwei Zielrichtungen habe: „Unternehmensberatung und Schüler-Nachhilfe“. Dass die Organisation aktuell ein Nachhilfe-Institut in Kirchheim betreibt, kann Zimmermann „nicht ausschließen, aber auch nicht bestätigen“.

Warum Scientology ausgerechnet in Kirchheim so aktiv ist, darüber können er sowie Christopher Grampes, Günter Riemer und Andreas Schwarz nur mutmaßen. Zum einen liege es vermutlich an der guten Lage in der Region Stuttgart, sagt Georg Spielberg vom Verfassungsschutz. Scientology habe einen Schwerpunkt in Süddeutschland; der mittlere Neckarraum sei aufgrund der florierenden Wirtschaft attraktiv. „Salopp gesagt: Sie gehen dort hin, wo das Geld ist“, erklärt Spielberg. Zum anderen spiele aber auch die Tatsache eine Rolle, dass in Kirchheim seit vielen Jahren „eine aktive Scientology-Familie“ ansässig sei, ergänzt Zimmermann.

Weil die Aktivitäten von Scientology dem Abgeordneten Schwarz ein Dorn im Auge sind, hat er schon im vergangenen Jahr eine Anfrage an Innenminister Reinhold Gall versandt. Dieser ging damals in seinem Antwortschreiben zwar darauf ein, dass die Organisation in Baden-Württemberg ihr dichtestes Netzwerk an Niederlassungen habe und dass sie die Stuttgarter Niederlassung zum größten Scientology-Zentrum Deutschlands ausbauen will; doch „im Verhältnis zu den Stuttgarter Aktivitäten sind die Tätigkeiten der SO im Raum Kirchheim von nachrangiger Bedeutung“. Außerdem sei es Scientology in den vergangenen Jahren generell nicht mehr gelungen zu expandieren. Im Gegenteil: Ihre Mitgliederzahlen seien leicht rückläufig.

Die Scientology-Organisation

Die Scientology-Organisation (SO) wurde 1954 in den USA gegründet. 1970 wurde die erste Niederlassung in Deutschland, 1972 die erste in Baden-Württemberg eröffnet. Gründer war L. Ron Hubbard. Die Organisation hat deutschlandweit zwischen 3 000 und 4 000 und in Baden-Württemberg etwa 900 Mitglieder. Laut Verfassungsschutzbericht Baden-Württemberg strebt die SO unter dem Begriff „neue Zivilisation“ eine gesellschaftlich-politische Ordnung an, die auf der Lehre Hubbards beruht. In einem solchen „totalitären System“ wären „elementare Grundrechte wie die Menschenwürde, die Meinungs-, Informations- und Pressefreiheit sowie das Demokratie- und das Rechtsstaatsprinzip massiv eingeschränkt oder gänzlich außer Kraft gesetzt.“ Der Verfassungsschutz kommt zu dem Schluss: „Das Programm der Scientology-Organisation ist mit der Werteordnung des Grundgesetzes unvereinbar.“ alm

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