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Viele Wege führen zum Ziel

Vethiga Srikanthan ist in Deutschland geboren, ihre Eltern stammen aus Sri Lanka (5)

Vethiga Srikanthan, Raunerstraße 60, für Serie über Migranten
Vethiga Srikanthan, Raunerstraße 60, für Serie über Migranten

Kirchheim. Eigentlich wollte sie Medizin studieren. Doch als es in der zehnten Klasse darum ging, Rinderaugen und Schweineherzen zu sezieren, konnte sie sich nicht überwinden. Deshalb hat Vethiga Srikanthan sich für Informatik entschieden. Das ist kein typisches Fach für ein Mädchen, und andere Studenten, deren Eltern ebenfalls als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, kann sie vermutlich an einer Hand abzählen. Doch die 21-jährige Tamilin ist es gewohnt, Exotin zu sein. Obwohl sie in Deutschland geboren ist.

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Das Land, aus dem Vethiga Srikanthans Eltern stammen, kennen viele Menschen nur aus dem Urlaubspros­pekt. Wer an Sri Lanka denkt, denkt an Palmen, weiße Strände, kleine Dörfer. Leider trügt dieses Bild. Zwischen 1983 und 2009 tobte im Norden des Landes fast ohne Unterbrechung ein blutiger Bürgerkrieg zwischen dem sri-lankischen Militär und tamilischen Rebellen. Die Rebellen, die sich Tamilische Tiger nennen, kämpften gegen die Unterdrückung des tamilischen Volkes und für einen unabhängigen Staat. 2009 wurden sie jedoch von den Regierungsgruppen besiegt. 100 000 Menschenleben soll der Bürgerkrieg gekostet haben, genaue Zahlen gibt es jedoch nicht.

Während des Bürgerkriegs sind viele Tamilen in die USA und nach Europa geflohen, um fern der Heimat um Asyl zu bitten. Vethiga Srikanthans Eltern kamen 1985 und 1986 unabhängig voneinander nach Kirchheim, hier erst lernten sie sich kennen und lieben. Ihre erste Tochter Vethiga kam 1990 zur Welt, zwei Mädchen folgten.

Sri Lanka hat Vethiga Srikanthan erst einmal gesehen. Sie strahlt, wenn man sie danach fragt, und für einen Moment überlagert das Paradiesische, das alle mit dieser Insel assoziieren, alles andere. Die Menschen seien gelassener, erzählt sie, Familie habe einen größeren Stellenwert. Außerdem sei die ganze Kultur viel naturverbundener. „Jeder hat einen Bananengarten hinter seinem Häuschen“, erzählt sie und lacht. Doch Vethiga Srikanthan weiß, dass das nur die eine Seite ist. „Leben wollte ich dort nicht“, sagt sie. Zu groß ist die Angst, als tamilische Frau unter­drückt oder gar verschleppt zu werden.

Kirchheim ist ihre Heimat, daran lässt Vethiga Srikanthan keinen Zweifel. „Kirchheim hat die perfekte Größe, und es gibt viel Unterstützung für Migranten“, sagt sie. Sogar ihre Religion, den Hinduismus, kann die junge Tamilin quasi vor der Haustür ausüben. In der Regel besucht sie mindestens alle zwei Wochen den Tempel im Riethmüller-Areal, der Gläubigen, aber auch Angehörigen aller anderen Religionen offen steht. Vethiga Srikanthan ist dort so etwas wie die inoffizielle Fremdenführerin – wobei die Fremden in diesem Fall die Deutschen sind.

Den Hinduismus hat Vethiga Srikanthan als die für sie passende Religion auserkoren, „auch wenn ich nicht an alles glaube“. Sie habe sich aber auch über andere Religionen informiert – mit der ausdrücklichen Unterstützung ihrer Eltern. „In der Grundschule hat mich meine Mutter ermuntert, in den Hohlstunden den katholischen Religionsunterricht zu besuchen“, erinnert sie sich.

Schule und Bildung haben für Vethiga Srikanthan einen hohen Stellenwert. „Bei Tamilen wird viel Wert auf Bildung gelegt“, erklärt sie. Ihre Eltern seien ohne alles nach Deutschland gekommen, die Kinder sollten es besser haben. „Meine Eltern haben mich in der Schule immer unterstützt, auch wenn sie die Sprache nicht so gut konnten“, sagt die junge Frau. Sie revanchierte sich mit guten Noten. „Das Ludwig-Uhland-Gymnasium war meine zweite Heimat.“ Besonders die naturwissenschaftlich-mathematisch-technischen Fächer begeisterten sie, „ich habe in dem Bereich jede AG besucht“. Sprachen waren weniger ihr Fall. „Latein war mein schlechtestes Fach.“

Sonntags, wenn andere Kinder draußen spielten, besuchte Vethiga Srikanthan die tamilische Schule, die an der Freihof-Realschule untergebracht ist. Dort wird die tamilische Sprache unterrichtet, damit die Kinder ihre Muttersprache nicht vergessen. Außerdem wird Religionsunterricht angeboten. Obwohl ihre Schulzeit längst abgeschlossen ist, geht Vethiga Srikanthan immer noch jeden Sonntag dorthin. Als ehrenamtliche Lehrerin. Freiwilliges Engagement gehört für sie dazu. Beim Kinderferienprogramm (Kifepro) des Brückenhauses ist sie jedes Jahr als Mitarbeiterin dabei, außerdem hilft sie bei Aktionen des Integrationsausschusses mit, dem ihre Mutter angehört.

Seit 2009 studiert sie an der Universität Stuttgart Informatik – gemeinsam mit einer weiteren Frau und circa 80 Männern. Doch das schreckt Vethiga Srikanthan nicht ab, Informatik ist ihr absolutes Traumfach. „Das ist kein Fach, in dem man nur auswendig lernt. Man muss es verstehen und anwenden können“, sagt sie. In der Informatik gebe es nie nur einen Weg, sondern viele, die zum Ziel führen. Diese Herausforderung ist es, die sie fasziniert.