Lokales

Vielfalt stellt kein Handicap dar

Schulamtschef Dr. Klein informierte über Gemeinschaftsschule

Wodurch zeichnet sich die von der grün-roten Landesregierung auf die Schiene gesetzte Gemeinschaftsschule aus? Der Leitende Schulamtsdirektor des Staatlichen Schulamts Nürtingen, Dr. Günter Klein, beschrieb während der Informationsveranstaltung in der Weilheimer Limburghalle die Möglichkeiten der neuen Schulform.

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Anke Kirsammer

Weilheim. „Grundsätzlich haben wir in Deutschland ein sehr gutes Schulsystem mit einem recht breiten Sortiment an Schularten.“ Das schickte der Schulamtschef Dr. Günter Klein seinen Ausführungen zur Gemeinschaftsschule voraus. Allerdings sei die Frage der Bildungsgerechtigkeit in der Bundesrepublik nicht gelöst. Noch immer hänge der Schulabschluss wie in kaum einem anderen Land von der Herkunft ab. „Wir können es uns nicht leisten, irgendwelche Begabungen nicht zu nutzen“, unterstrich Klein. Das gemeinsame Lernen, das international gute Ergebnisse hervorbringe, sei eine Zukunftsfrage, der man sich stellen müsse. „Die Türschildfrage ist ne­bensächlich“, verdeutlichte Klein. Vielmehr gehe es um die pädagogische Qualität. Mittlerweile gibt es knapp 130 Gemeinschaftsschulen im Land.

Die Gemeinschaftsschule gehe davon aus, dass Vielfalt kein Handicap darstelle, sondern eine Bereicherung. „Wir lernen dazu, wenn wir mit Dingen konfrontiert werden, die wir nicht kennen“, so der Schulamtschef. Dass Schüler mit unterschiedlichen Voraussetzungen in einer Lerngruppe säßen, sei im Übrigen nicht Neues: „Das ist genauso beispielsweise in der Grundschule oder in der Realschule.“ Die Gemeinschaftsschule sehe einen Mix vor aus gewohnten Lehrervorträgen, selbstständigem und gemeinsamem Lernen. „Jedes Kind wird auf seinem Lernweg individuell und systematisch begleitet. Dazu wird ermittelt, auf welchem Niveau es sich befindet“, erklärte der Schulamtsleiter. „Der entscheidende Unterschied zu anderen Schularten ist das Prinzip der Zieldifferenz. Das ist auch ihr großer Charme.“ Demzufolge kann die Leistung jedes Jugendlichen nach dem Standard des Gymnasiums, der Realschule oder der Hauptschule gemessen werden. „Wer in Mathe hervorragend ist, ist vielleicht in Deutsch schwach. – In der Gemeinschaftsschule lernt jeder nach seinen Möglichkeiten“, erläuterte Klein. Das halte er für den eigentlichen Gewinn der Schulart, denn eine Überforderung könne genauso wie eine Unterforderung zu einem „komischen Verhalten“ von Schülern führen. „Sie müssen sich davon lösen, für alle Kinder dieselbe Messlatte zu haben.“

Wie der Leitende Schulamtsdirektor weiter erklärte, sei die Gemeinschaftsschule vom Grundsatz her eine inklusive Schule, eine Schule also, die auch Kinder mit einer Behinderung aufnimmt. Als Kern bezeichnete er die Sekundarstufe I mit den Klassen fünf bis zehn. Möglich sei, nach der neunten Klasse mit dem Hauptschulabschluss beziehungsweise nach der zehnten mit dem Realschulabschluss auszusteigen oder die gymnasiale Oberstufe anzuhängen. Voraussetzung dafür sei jedoch, dass der Jugendliche in der Gesamtschau nach dem gymnasialen Standard gearbeitet habe. „Es gibt also keinen Abschluss ohne Anschluss“, sagte Klein. Ziel sei, jedem Kind zu dem für ihn bestmöglichen Abschluss zu verhelfen. Ziffernzeugnisse während der Schulzeit gebe es lediglich, wenn das von den Eltern gewünscht werde, ansonsten seien aussagekräftigere Lernentwicklungsberichte die Regel.

In der Gemeinschaftsschule gebe es kein Sitzenbleiben. „Wenn Kinder erfolgsorientiert arbeiten können, braucht es das auch nicht“, betonte Klein. Dass sie für alle, je nach Spielart, eine an drei oder vier Tagen verpflichtende Ganztagesschule sei, fänden Eltern manchmal erschreckend. Als Grundprinzip gelte, den Tag zu rhythmisieren – einen sinnvollen Wechsel zwischen Spannung und Entspannung hinzubekommen. Ganztagesschüler erreichten in der Regel bessere Abschlüsse. Darüber hinaus reagiere man damit auf den gesellschaftlichen Bedarf an Fachkräften und die Möglichkeit, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. „Wenn die Schule spätestens um 16 Uhr endet und sämtliche Hausaufgaben erledigt sind, kann das auch eine Entlastung sein.“

Der Leiter des Schulamts hob hervor: „Die Gemeinschaftsschule ist eine leistungsorientierte, anspruchsvolle Schulart, in der jeder immer wieder an seine Grenzen geführt wird.“ Der Zusammenhang zwischen Elternhaus und Schulleistung sei weniger deutlich als sonst. Zudem biete sich für Eltern die Chance, erst später zu entscheiden, welchen Abschluss ihr Kind machen soll.

Ausführlich beantwortete Klein im Anschluss an sein Referat den bunten Mix an kritischen Fragen aus den Reihen der Zuhörer, zu denen Eltern und Lehrer genauso gehörten wie Stadträte.