Lokales

Vom Herzen, Hagel und von 96 Heringen

Pfarrer Johannes Eißler und Zeltmeister Martin Heubach betreuen das Kirchenzelt der Evangelischen Landeskirche

Als einzige deutsche Landeskirche betreibt die Evangelische Landeskirche in Württemberg ein Kirchenzelt. Jeden Sommer macht es an bis zu fünf Orten Station. Betreut wird es von einem Zeltkirchenpfarrer und einem Zeltmeister. Was tun sie und erleben sie dabei? Und was machen sie im Winter?

Bis morgen macht das Kirchenzelt mit Zeltmeister Martin Heubach (links) und Zeltpfarrer Johannes Eißler im Rübholz in Ötlingen S
Bis morgen macht das Kirchenzelt mit Zeltmeister Martin Heubach (links) und Zeltpfarrer Johannes Eißler im Rübholz in Ötlingen Station.Foto: Peter Dietrich

Kirchheim. „Da halte ich Winterschlaf“, sagt der 51-jährige Zeltkirchenpfarrer Johannes Eißler augenzwinkernd. Nein, ein Zeltbesuch hat meist zwei Jahre Vorlauf, somit hat Eißler acht bis zehn Einsätze parallel in Vorbereitung. Hatte, denn seit 1.  Mai ist er Pfarrer in Eningen unter Achalm, die Kirchheimer Zeltkirche betreut er noch parallel. Im Herbst übernimmt sein Nachfolger Thomas Wingert. Zu Eißlers weiteren Aufgaben gehörten die Beratung der 4 000 bis 5 000 landeskirchlichen Hauskreise, Öffentlichkeitsarbeit und Pfarrerfortbildung.

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Eißler hatte sich für die auf acht Jahre befristete Stelle als Zeltkirchenpfarrer beworben und wurde gewählt. Ihn reizte es, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die kaum in die Kirche kommen. „Es ist ein sehr transparentes Zelt, es gibt keine Schwellen. Manche denken an ein Festzelt. Zelt und Wiese haben einen Geschmack von Urlaub.“ Das Programm, sagt Eißler, sei nicht nur für die „verlorenen Schafe“ gedacht. „Ich mache das nur, wenn die Kirchengemeinde auch für sich ein Zeltfest will.“

Wenn Eißler nicht pendelt, übernachtet er privat bei Familien, er schätzt den direkten Kontakt. Der Wohnwagen ist für persönliche Gespräche da. Wer kommt da? „Das ist ein ganz typischer Mix“, sagt Eißler. Oft gehe es um Alltagsprobleme. „Beziehungen stehen oben an.“ Es gehe um Süchte und Angstzustände, jede Form von Psychose. Sowie um theologische Fragen, auch kritische. Manchem reiche es, sich einmal ausgesprochen zu haben. Doch wenn jemand weitere Beratung braucht? „Manchmal verweisen wir auf die psychologischen Beratungsstellen.“ In Einzelfällen hat Eißler Gesprächspartner weiterbegleitet, per E-Mail und Telefon. Einige traf er andernorts wieder.

„Über Nähe und Distanz entscheiden die Gäste“, betont Eißler. „Ich möchte, dass die Dringlichkeit des Evangeliums deutlich wird. Aber dass keiner das Gefühl hat, er wird vereinnahmt.“ Die Vorträge zu halten, sei kein Spaziergang. Aber: „Man hat nirgends im Land so eine Kanzel, Abend für Abend Zuhörer mit großer Erwartung. Jedes Mal ist die Zeltkirche von den Kirchengemeinden exzellent vorbereitet, es herrscht Festivalatmosphäre.“

Nach 28 Zelteinsätzen mit mehr als 170 000 Gästen muss sich Eißler nun als Eninger Dorfpfarrer auf eine völlig andere Arbeitsweise umstellen. Das tut er aber gerne: „Ich bin am richtigen Ort.“

Wie wird man Zeltmeister? „Indem man gefragt wird, ob man das machen will“, sagt Martin Heubach. Der heute 58-Jährige Elektromechaniker ist im zweiten Bildungsweg zum Diakon der Landeskirche geworden. Sieben Jahre war er Jugendreferent in Sulz am Neckar, fünf Jahre CVJM-Sekretär in Kirchheim. Bis zu dessen Verkauf leitete er 15 Jahre lang das Familienferiendorf Roseneck in Langenburg. Drei Jahre lang verknüpfte er im Kirchenbezirk Blaufelden Diakonie und Kirchengemeinden. Als Halbtagsseelsorger auf der Stuttgarter Messe baute er die Notfallseelsorge mit auf. „Ich wollte nicht Berufsjugendlicher bleiben“, sagt der vierfache Vater. „Ich habe immer den zum Alter passenden Beruf gehabt.“

Als Zeltmeister kann der Hobbyschreiner Handwerk und Seelsorge verbinden. „Wir versuchen, ganz unmittelbar bei den Vereinen und Menschen zu sein“, sagt Heubach. Den gebürtigen Strümpfelbacher freut die Verknüpfung zwischen Besuchern der Messe und der Zeltkirche, manche trifft er an beiden Orten. Beides passt für ihn gut zusammen: Zeltkirche im Sommer, Messe im Winter, mit Überlappungen.

Heubach ist „Richtmeister für fliegende Bauten“. „Ich muss sehen, dass das Zelt nicht wegfliegt.“ Ein Surfsegel habe drei bis sieben Quadratmeter, sagt er, eine Seitenplane des Kirchenzeltes 25. „Bei einem Gewittersturm bekommt man sie nicht mehr zu.“ 96 Heringe à 1,20 Meter halten das Kirchenzelt am Boden. „Beim Aufbau ist es jedes Mal eine neue Mannschaft, bei der nur ich Bescheid weiß.“ Der Abbau muss manchmal einige Tage warten – so lange, bis das Zelt trocken ist. Hagel und einen gefrorenen Teppichboden im Mai hat Heubach erlebt und ein „Wetterwunder“ beim Abbau. Kaum war dieser gut beendet, stand der Platz unter Wasser. Beim Abbau macht Heubach am Sonntag nur das, was unbedingt nötig ist. „Der Mensch braucht Pause, sonst wird die Arbeit zum Götzen.“

„Ich genieße es, dass Beruf und Freizeit sehr eng beieinander sind“, sagt Heubach. Sein mobiles Büro ist im Wohnwagen. Seine Frau finde sein Unterwegssein „nicht immer ganz lustig“, doch auch sie sei sehr engagiert. Außerdem gebe es ein Handy mit Flatrate. Heubach muss ständig Tagwache halten, so ergeben sich öfter „zwischen Tür und Angel“ intensive Gespräche. „Da habe ich mehr Zugänge als der Zeltkirchenpfarrer“, sagt er. „Wenn man einem Mann ein Geschäft gibt, findet man manchmal auch in sein Herz hinein“, hat er bei Aufbauhelfern erfahren.

Heubach weiß gut, dass Ältere beim Kirchenzelt teils noch immer „harte Stühle und feurige Predigten von der Hölle“ erwarten. „Unser Zelt ist anders“, sagt er. Das habe schon so manchen Kritiker „zur Zeltkirche bekehrt“.