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Vom Wolgagebiet in die neue Heimat im Schwabenland

Waldemar und Amalia Kehm geborene Luft feiern heute in Kirchheim das Fest der Diamantenen Hochzeit

Waldemar und Amalia Kehm sind seit 60 Jahren verheiratet.Foto: Deniz Calagan
Waldemar und Amalia Kehm sind seit 60 Jahren verheiratet.Foto: Deniz Calagan

Kirchheim. Ein ruhiges und beschauliches Leben sieht anders aus. Waldemar und Amalie Kehm geb. Luft haben aber gemeinsam bislang

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Wolf-Dieter Truppat

alle Herausforderungen gut gemeistert. 1994 nach Deutschland gekommen, haben sie vor zehn Jahren in Kirchheim eine neue Heimat gefunden. Sie leben in der Freiwaldaustraße und wissen es sehr zu schätzen, dort seniorengerecht untergebracht zu sein.

Trotz altersbedingter Einschränkungen sind die beiden zufrieden mit ihrem langen gemeinsam gegangenen Weg. Am heutigen Dienstag können sie im Kreis ihrer Familie das Fest der Diamantenen Hochzeit feiern. Auch wenn sie immer wieder Probleme zu meistern und Schwierigkeiten zu überwinden hatten, fällt die Bilanz ihrer bisher 60 Ehejahre uneingeschränkt positiv aus und ist von großer Dankbarkeit bestimmt. Sie haben sich und ihre sieben Kinder nie aus den Augen verloren und bis zum heutigen Tag trotz aller Hindernisse immer zusammengehalten

Als Waldemar Kehm am 4.8.1933 im Wolgagebiet Sankt Balzer in Russland auf die Welt kam, verlief der Alltag in der von evangelischen Siedlern aus Hessen-Darmstadt gegründeten Kolonie noch in ruhigen und geregelten Bahnen. Seine Mutter arbeitete als Schneiderin in einer Fabrik, sein Vater Friedrich war Leiter der dortigen Bücherei. Nur drei Monate nach der Geburt des Sohnes wurde Waldemars politisch aktiver Vater verhaftet und nach Sibirien verbracht. Auch Waldemar und seine Geschwister waren in großer Gefahr, denn ihre Mutter sollte ebenfalls verhaftet werden, was bedeutet hätte, dass die Kinder in ein Heim gekommen wären.

Zu Fuß flüchtete Waldemar Kehms Mutter daher mit ihren Kindern in der Nacht nach Saratow, wo der Junge von seiner Großmutter, seinem Onkel und dessen russischer Frau aufgenommen wurde. Als Waldemars Vater 1938 wieder freikam, wollte die Familie zurück in ihre Heimatstadt Balzer. Dort mussten sie feststellen, dass ihnen ihr 1932 erbautes Haus nicht mehr gehörte und auch von den Brüdern des zum politischen Feind gewordenen Vaters keine Hilfe zu erwarten war. Die kommunistischen Parteigenossen wollten ihren Bruder vielmehr mit Gewalt zwingen, die Stadt zu verlassen.

Da Waldemar bei seiner „Ziehmutter“ nur Russisch gelernt hatte, wurde er nach seiner Rückkehr in die Kolonie wie ein Fremder behandelt. Sein vorbestrafter Vater fand lange keine Arbeit und wurde schon 1942 wieder verhaftet. Er sollte erneut - diesmal für zehn Jahre - nach Sibirien, während die Mutter in einem landwirtschaftlichen Großbetrieb hart arbeiten musste.

Als 16-Jährigen zog es Waldemar Kehm daher in das Herz der russischen Kohle-Industrie. Er absolvierte eine Ausbildung in der Industriebauschule und erlernte den Schreinerberuf. Drei Jahre später konnte er eine Ein-Zimmer-Wohnung bekommen und seine Mutter, seinen Bruder und später auch seinen schwer krank aus dem Gefängnis entlassenen Vater bei sich aufnehmen.

Seine Frau lernte Waldemar Kehm eher zufällig beim Tanzen kennen. Schon nach seinem ersten Tanz mit Amalia Luft war er aber seiner Sache sicher, denn die eher zurückhaltende Tanzpartnerin schien Gefallen an seinem Interesse an ihr zu haben. Ohne lange zu zögern stellte er sie daher ihren Eltern vor, wurde als Schwiegersohn auch akzeptiert und konnte Amalie Luft, die er ja kaum kannte, schon drei Monate später zum Altar führen.

Da es nicht leicht war, auf Dauer zu fünft in einem einzigen kleinen Zimmer zu hausen, beschloss das Ehepaar, sich einem Programm der russischen Regierung anzuschließen, die junge Leute für den Aufbau neuer Dörfer in der kasachischen Steppe suchte. Versprochen wurden ein Kredit über 25 000 Rubel für den Hausbau sowie eine Kuh und 500 Rubel als einmalige Starthilfe für den mutigen Neubeginn.

Waldemar Kehm arbeitete zunächst in einer kleinen Schreinerei, wurde dann aber als Kulturleiter im Dorfklub eingestellt. Amalia Kehm war unermüdlich damit beschäftigt, möglichst viel zum Lebensunterhalt beizutragen, sich Tag und Nacht um ihre damals vier Mädchen zu kümmern und ihre hauptsächlich der Selbstversorgung dienende arbeitsintensive Landwirtschaft zu bewältigen. Fünf Jahre später wurde ihr Mann in der Schule Musik- und Zeichenlehrer und zwei weitere Töchter und ein Sohn hielten Amalia Kehm noch mehr auf Trab. Nach 15 Jahren zog die inzwischen neunköpfige Familie wieder zurück in eine größere Stadt, um die weit gespannten Berufs- und Ausbildungswünsche ihrer Kinder besser erfüllen zu können.

Nach dem Tod seiner Mutter bemühten sich Waldemar und Amalia Kehm zwei Jahre lang darum, die für eine Ausreise nach Deutschland erforderlichen Dokumente zusammen zu stellen. 1992 konnten sie bei der deutschen Botschaft einen Antrag einreichen, der dann erst zwei Jahre später positiv beschieden wurde. Besonders glücklich sind die beiden stolzen Eltern heute darüber, dass ihre große Familie bis heute immer zusammengehalten hat und bis auf eine in Russland gebliebene Tochter alle anderen Kinder inzwischen in Deutschland leben. Dass sie alle gesund, gut ausgebildet und in unterschiedlichsten Berufen erfolgreich sind, erfüllt das Ehepaar mit großem Stolz. „Wenn ich zurückblicke, dann wird mir klar, dass ich doch ein glücklicher Mensch bin“, hatte Waldemar Kehm anlässlich seines 80. Geburtstages im vergangenen Jahr festgestellt.

Sieben Kinder, sechzehn Enkelkinder, fünfzehn Urenkel und einen Ururenkel hat das diamantene Ehepaar Amalia und Waldemar Kehm, das im gut funktionierenden Familienverbund so gut aufgehoben ist, dass es noch immer weitgehend auf fremde Hilfe verzichten kann. Bei allen Höhen und Tiefen, die die beiden in den gemeinsam zurückgelegten sechs Jahrzehnten durchlaufen haben, waren sie immer füreinander da, und die verlässlichen festen Familienbande geben ihnen auch weiterhin zusätzlichen festen Halt.